Morgenandacht, 27.06.2022

Pfarrer Christoph Stender, Aachen

Bedeutung des Wortes

Wir denken eher selten darüber nach, wie viele Worte wir so ungefähr pro Tag in die Welt setzen. Ein Psychologe hat in einer deutschen Fachzeitschrift festgestellt, dass Frauen wie Männer täglich ca. 16.000 Worte von sich geben.

Diese hohe Anzahl hat mich überrascht, obwohl da sicherlich bezogen auf Altersgruppen, Berufstätigkeit und soziales Umfeld differenziert werden muss.

Aber mit Blick auf die Tatsache, dass keines der einmal ausgesprochenen Worte ungeschehen gemacht werden kann, häufen wir täglich einen beachtlichen Berg von Worten an. Gerade die sozialen Medien führen uns vor Augen, von welcher Langzeitwirkung und Nachhaltigkeit einmal in die Welt gesetzte Worte sein können.

Viele der Worte, die wir täglich in den Mund nehmen, könnten auch getrost als Wortmüll eingestuft werden, insofern es sich um Pausenfüller, Gefasel oder Small Talk handelt. Worte also, ohne Anspruch auf Wichtigkeit oder Nachhaltigkeit.

Manche unserer Worte können aber auch sehr wichtig sein, ein Hilfeschrei zum Beispiel, eine Erklärung, ein Eingeständnis, eine mündliche Prüfung oder eine Vision. Nur wenige Worte dagegen können direkt zu Herzen gehen, so diese drei: Ich liebe dich!

Aktuell gerät das gesprochene Wort zunehmend in eine Vertrauenskrise. Es scheint, als käme dem Wort die Glaubwürdigkeit abhanden, vielleicht auch wegen seiner Vielzahl und Beliebigkeit.

Das scheint erst einmal nichts Neues zu sein, hat man doch in der Vergangenheit zum Beispiel den Worten so mancher Politikerin und Politiker vielerorts nicht getraut. Doch die zunehmende Eindeutigkeit öffentlich ins Wort gebrachter Halbwahrheiten und Lügen ist bedrückend und beängstigend.

Ein erschreckendes Beispiel ist für mich die Entscheidung der russischen Regierung, per Gesetz zu verbieten, den militärischen Überfall auf die Ukraine wahrheitsgemäß als Krieg zu bezeichnen.

Aber hier wiederholt sich, was mit dem Beginn eines jeden Krieges zum ersten Opfer wird: die Wahrheit und damit auch die Wahrhaftigkeit der Worte. Diesem Tod der Wahrheit folgt das nächste Opfer des Krieges, der Mensch, der im Krieg fällt, von verlogenen Worten geblendet!

Am Beginn des Johannesevangeliums der Bibel, im sogenannten Johannesprolog, geht es auch um das Wort. Da heißt es:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben.“

(Joh 1,1-4)

Johannes deutet diesen Text: ein Wort von einmaliger Stärke. Das Wort von Gott, das Schöpferwort, das werden lässt, aufbaut, kreiert, Neues schafft, sogar eine Weite eröffnet, in dem auch das Kleine und Unscheinbare Raum hat. Dieses Wort von Gott hat nur ein Ziel: Leben zu schaffen und zu erhalten!

Diesem Wort darf der Mensch blind vertrauen, es ist keine den Menschen manipulierende Lüge. Dieses Wort Gottes vom Anfang ist in die Welt hineingesprochen, um als Echo bis in unseren Tag hineinzuklingen, und so den verantworteten Umgang mit unseren Worten zu stärken. Damit unsere Worte heute, ehrlich, verlässlich, kreativ sind und so das Leben stärken.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir unter den vielen Worten, die uns heute erreichen, klare und ehrliche heraushören dürfen.


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Dieser Beitrag wurde am 27.06.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Stender

Der katholische Priester Christoph Stender ist der Geistliche Rektor im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK). Nach seiner Priesterweihe im Aachener Dom 1987 durch Bischof Klaus Hemmerle, war er als Kaplan in der Eifel tätig und als Religionslehrer am dortigen Clara Fey Gymnasium. Seine studentischen Wurzeln hat er in Paderborn und Frankfurt am Main, denn dort studierte er Religionspädagogik, Philosophie und Theologie. Dem studentischen Leben begegnete er über lange Jahre als Hochschulpfarrer an den Aachner Hochschulen und im Team des Mentorates für Lehramtsstudierende der Katholischen Theologie an der RWTH Aachen. Weitere Informationen
www.christoph-stender.de

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