Wort zum Tage, 25.06.2022

Vera Krause, Köln

Alle Menschen ehren

In Deutschland findet jährlich ein „Diversity-Day“ statt. Zu Deutsch: Tag der Vielfalt. Der bereits zehnte Jahrestag in diesem Jahr am 31. Mai zeigt, wie nötig es ist, in der Sache am Ball zu bleiben.

Denn: Nein, es ist in Deutschland nicht selbstverständlich, dass ein jeder Mensch in seiner einzigartigen Identität respektiert und geschützt ist. Hautfarbe, Geschlecht, Religion, Kultur, soziale Herkunft oder körperliche und geistige Fähigkeiten… Diversitäts-Merkmale gibt es viele.

Doch noch immer führt die Aufmerksamkeit darauf auch zu Diskriminierung und Ablehnung, wo Wertschätzung und Interesse an dem, was einen Menschen ausmacht, überwiegen könnten. Mich erschreckt der Hass, der Menschen treffen kann, „einfach“ weil sie Kippa oder Kopftuch tragen oder für irgendwen nicht die „richtige“ Hautfarbe haben.

Es ist eine weltweite Erfahrung, dass der soziale und irgendwann auch der politische Friede auf dem Spiel stehen, wo starre Vorstellungen davon vorherrschen, wie alle Menschen zu sein haben – und diesen Vorstellungen durch Ausgrenzung oder Gewalt Geltung verschafft werden soll. Die Religionen nehmen dabei nicht immer eine glückliche Rolle ein.

Auch das Christentum nicht, obwohl seine Kernbotschaft eindeutiger nicht sein könnte. Sie lautet:

„Liebe Gott von ganzem Herzen… und deinen Nächsten, wie dich selbst. Liebe die Fremden… und sogar den Feind.“

(Dtn 6,5 + 10,18-19; Mk 12,28-34 + Mt 5,43-48 + 25,35-40)

Eine Kurzform davon hat der Heilige Benedikt von Nursia als Weisung in seine Lebensregel für die Mönche seines Klosters geschrieben. Da heißt es schlicht:

„Alle Menschen ehren.“[1]

Mich beeindruckt sehr, wie da vor mehr als 1.500 Jahren ein Mönchsvater zurückhaltend und doch klar auf den Punkt bringt, was jedes gesunde Zusammenleben braucht: „Ehren“ bedeutet nicht, alles und jedes gutzuheißen; das Wort will mich vielmehr zu einer bestimmten Einstellung motivieren: Ich verzichte auf das Richten.

Ich anerkenne die Würde einer jeden anderen Person. Ich verstehe mich mit allen anderen in dem großen Lebensstrom Gottes, der alle Menschen geschaffen hat – so fremd sie mir manchmal auch sein mögen.

„Alle Menschen ehren.“

Es gehört für mich zur Weisheit des Mönchtums, zu wissen, wo und wie ich solch eine Weisung verorte. In der Benediktsregel findet sich der Satz unter den

„Werkzeugen der geistlichen Kunst“[2].

Sie wollen aufs Leben angewendet werden – wie ein gutes Werkzeug eben: um aus dem Rohstoff Leben nach und nach etwas Großes zu formen: ein Meisterstück in Mitmenschlichkeit.


[1] Benediktsregel, Kapitel 4,8.

[2] Vgl. Benediktsregel, Kapitel 4.


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Dieser Beitrag wurde am 25.06.2022 gesendet.


Über die Autorin Vera Krause

Vera Krause, Jahrgang 1970, studierte Kath. Theologie, Politikwissenschaft und Soziologie in Münster und Mumbai/Indien. Nach wissenschaftlichen Tätigkeiten an der Universität und im Verlagswesen, war sie viele Jahre in den Bereichen Weltkirche und im Religionsdialog tätig: als Referentin für Bildung und Pastoral bei MISEREOR, als theologische Grundsatzreferentin in der Geschäftsführung von ADVENIAT sowie als Leiterin der Stabsstelle für weltkirchliche Aufgaben und den Dialog mit den Religionen im Erzbistum Berlin.

Heute leitet Vera Krause die Diözesanstelle für den Pastoralen Zukunftsweg im Erzbistum Köln. Sie wurde im Jahr 2008 als erste katholische Frau mit dem Deutschen Ökumenischen Predigtpreis ausgezeichnet; zahlreiche Veröffentlichungen, Tagungen und (Exerzitien-)Kurse mit den Schwerpunkten Theologie des Gebets und des geistlichen Lebens, Bibel, Mystik und Kontemplation, Weltreligionen, kirchliches Leben.

vera.krause@erzbistum-koeln.de

www.erzbistum-koeln.de


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