Wort zum Tage, 23.06.2022

Vera Krause, Köln

Den Tod täglich vor Augen

Zum Leben gehört der Tod. Jeder und jede von uns weiß das, auch wenn wohl nur die wenigstens täglich mit diesem „Wissen“ umgehen. Anders ist das bei allen, denen eine lebensbedrohliche Krankheit oder Unfallfolge auf den Leib gerückt ist.

Der Tod wird dann zum Alltagsbegleiter. Unsicherheit und Angst gesellen sich dazu. Die Tragweite mancher Frage ändert sich: Worauf kommt es im Leben an?

Zum christlichen Glauben gehört die Hoffnung, dass der Tod, den alle Menschen auf dieser Erde sterben, nicht Ende ist, sondern Übergang in Gottes Ewigkeit. Allerdings hat diese Hoffnung eine lange Angstgeschichte – zwischen dem Segen des Himmels und den Strafen der Hölle.

Die christlichen Kirchen selbst haben über Generationen diese Angst geschürt und damit nicht nur dem Leben viel Leben genommen, sondern auch dem Glauben in der Nachfolge dessen, der doch von sich sagt:

„Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt und es in Fülle habt.“

(Joh 10,10)

Dieses Grundanliegen des Jesus von Nazaret zielt auf das Hier und Jetzt. Durch alle Zeit. Auch heute.

„Wie im Himmel so auf Erden…“

(Mt 6,10),

sagt er. Dafür ist er da. Dafür lebt und stirbt er.

Ganz dicht in dieser Spur bewegen sich viele der Weisheitsdialoge, die uns von den frühchristlichen Wüstenvätern überliefert sind. Ihre Logik ist die Logik des von Jesus vorgelebten Lebens. Das klingt dann zum Beispiel so:

„Gibt es ein Leben nach dem Tod?“, fragt ein Schüler den Ältesten. Und der Abbas antwortet: „Die große spirituelle Frage lautet nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Die große spirituelle Frage lautet: Gibt es ein Leben vor dem Tod?“

Dieser Focus auf das vermeintlich Selbstverständliche rüttelt mich in heilsamer Weise auf. Wie gelingt es mir, mein Leben vor dem Tod so zu leben, dass ich darin auch wirklich zum Leuchten bringe, was in mir ist. Eine Anregung aus der ebenso frühchristlichen Benediktsregel hilft mir dabei:

„Den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben.“[1]

Was beim ersten Hören heftig klingt, kann im alltäglichen Umgang damit zum Segen werden: Mut fassen zum ganzen Leben, zu dem gehört, dass es schnell und unerwartet zu Ende sein kann.

Darum nicht zu viele Tage, Wochen oder gar Jahre meines Lebens einfach vorbeiziehen lassen, sondern im Angesicht des Todes das Beste daraus machen mit den Gaben, die in mir sind. Nicht Beobachterin meines eigenen Lebens sein, sondern die Hauptrolle einnehmen. Und wenn es sein muss, jeden Tag neu damit beginnen.


[1] Benediktsregel, Kapitel 4,47.


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Dieser Beitrag wurde am 23.06.2022 gesendet.


Über die Autorin Vera Krause

Vera Krause, Jahrgang 1970, studierte Kath. Theologie, Politikwissenschaft und Soziologie in Münster und Mumbai/Indien. Nach wissenschaftlichen Tätigkeiten an der Universität und im Verlagswesen, war sie viele Jahre in den Bereichen Weltkirche und im Religionsdialog tätig: als Referentin für Bildung und Pastoral bei MISEREOR, als theologische Grundsatzreferentin in der Geschäftsführung von ADVENIAT sowie als Leiterin der Stabsstelle für weltkirchliche Aufgaben und den Dialog mit den Religionen im Erzbistum Berlin.

Heute leitet Vera Krause die Diözesanstelle für den Pastoralen Zukunftsweg im Erzbistum Köln. Sie wurde im Jahr 2008 als erste katholische Frau mit dem Deutschen Ökumenischen Predigtpreis ausgezeichnet; zahlreiche Veröffentlichungen, Tagungen und (Exerzitien-)Kurse mit den Schwerpunkten Theologie des Gebets und des geistlichen Lebens, Bibel, Mystik und Kontemplation, Weltreligionen, kirchliches Leben.

vera.krause@erzbistum-koeln.de

www.erzbistum-koeln.de


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