Wort zum Tage, 22.06.2022

Vera Krause, Köln

Neige deines Herzens Ohr

In vielen spirituellen Traditionen kommt dem Herzen des Menschen eine besondere Bedeutung zu. Auch in der biblischen Tradition ist das so. Mehr als neunhundertmal finden sich Herzensdinge quer durch alle Bücher der Bibel.

Das Herz steht darin für den Kern des menschlichen Wesens, Zentrum auch des Denkens, nicht „nur“ des Empfindens. Mir gefällt diese ganzheitliche Sicht, die den Herzensregungen so viel Bedeutung beimisst. Dabei liegt es nicht nur am Menschen allein, das so viel im eigenen Herzen ankommt.

In der Bibel ist es vielmehr Ausdruck der engen Beziehung zwischen Gott und Mensch. Gott selbst legt dem Menschen das Entscheidende ins Herz oder entlarvt das böse, unverständige oder kalte Herz. Beides will dem Leben dienen und zu einem authentischen wie erfüllten Leben führen. – Wie aber stellt man das eigene Herz für Gottes Hinweise auf Empfang?

Ein konkreter Tipp findet sich in der Lebensregel des Heiligen Benedikt von Nursia aus dem 6. Jahrhundert.

„Höre… und neige das Ohr deines Herzens“[1],

heißt es da. Es ist der erste Vers der Regel. Damit geht es los. Nicht nur einmal, sondern immer wieder:

„Höre… und neige das Ohr deines Herzens.“

Also: Sieh zu, dass du regelmäßig einen Schritt weit oder einen Moment lang rauskommst aus dem Trott. Werde still… und höre... Stell‘ dein Innerstes auf Empfang. Neige das Ohr deines Herzens. Achte auf die Resonanzen, die sich tief in dir zu Gehör bringen wollen. Und riskiere das Vertrauen, dir dabei auch von Gott Lebensentscheidendes schenken zu lassen.

Das Ohr des Herzens zu neigen bedeutet, ganz bei mir zu sein und gleichzeitig nicht bei mir zu bleiben, sondern mein Innerstes zu öffnen. Ich lerne, andere wichtige Stimmen zu identifizieren und nicht zu überhören.

Neues kann so Raum gewinnen in mir und bedeutsam werden für mein Leben, das zum lebendigen Dialog wird – mit dem Tagesgeschehen nah oder fern, mit meinen Mitmenschen und mit Gott, der mir in all dem entgegenkommt.

Es ist an mir, mein Herzensohr auszurichten. Das kann mir niemand abnehmen. Dann aber darf ich mich beschenken, überraschen oder herausfordern lassen zu einem Leben, in dem ich auf jeden Fall weiter komme, als ich es mir allein auch nur vorstellen könnte.

„Höre“,

heißt es in der Regel Benedikts,

„wenn du heute Gottes Stimme hörst, verhärte dein Herz nicht!“ [2]


[1] Vgl. Benediktsregel, Prolog 1.

[2] Vgl. Benediktsregel, Prolog 1 und 10.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 22.06.2022 gesendet.


Über die Autorin Vera Krause

Vera Krause, Jahrgang 1970, studierte Kath. Theologie, Politikwissenschaft und Soziologie in Münster und Mumbai/Indien. Nach wissenschaftlichen Tätigkeiten an der Universität und im Verlagswesen, war sie viele Jahre in den Bereichen Weltkirche und im Religionsdialog tätig: als Referentin für Bildung und Pastoral bei MISEREOR, als theologische Grundsatzreferentin in der Geschäftsführung von ADVENIAT sowie als Leiterin der Stabsstelle für weltkirchliche Aufgaben und den Dialog mit den Religionen im Erzbistum Berlin.

Heute leitet Vera Krause die Diözesanstelle für den Pastoralen Zukunftsweg im Erzbistum Köln. Sie wurde im Jahr 2008 als erste katholische Frau mit dem Deutschen Ökumenischen Predigtpreis ausgezeichnet; zahlreiche Veröffentlichungen, Tagungen und (Exerzitien-)Kurse mit den Schwerpunkten Theologie des Gebets und des geistlichen Lebens, Bibel, Mystik und Kontemplation, Weltreligionen, kirchliches Leben.

vera.krause@erzbistum-koeln.de

www.erzbistum-koeln.de


Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche