Wort zum Tage, 21.06.2022

Vera Krause, Köln

Das Leben lieben

In die umfangreichen Heiligen Schriften der Religionen zu schauen, kann faszinierend und einschüchternd zugleich sein. Wo anfangen? Wie unter den Krusten von Zeit und Sprache entdecken, was wichtig ist?

Auch die christliche Literatur füllt ganze Bibliotheken. Wie finde ich so hinein, dass in Kopf, Herz oder Seele ein Echo entsteht? Ein hilfreiches Dokument ist da für mich die Lebensregel des Heiligen Benedikt von Nursia. Sie wurde vor 1.500 Jahren verfasst für die ersten Benediktinermönche.

Doch bis heute taugt das kleine Büchlein als verlässlicher Wegweiser hinein in die Logik der guten Nachricht von Gott, wie Jesus von Nazaret sie in diese Welt hineingelebt hat. Das gilt nicht nur für Mönche. Es kann für alle gelten, die inmitten der vielfältigen Lebensstile des 21. Jahrhunderts nach einer inspirierenden spirituellen Lebensweise suchen.

Denn genau darum geht es im Christentum: nicht um religiöse Vorschriften, sondern darum, wie das Leben gut gelebt werden kann. Und zwar so, dass es ein lohnender Weg ist: zu Gott, zu unseren Mitmenschen, zu uns selbst. Und in all dem in eine Liebe hinein, die mir das Herz weit macht. Das ist die Grundhaltung, auf die das Christentum hinaus will.

Jede Religion kennt so etwas. Die Akzentsetzung im Christentum lautet: Ohne die Liebe ist alles nichts![1] Die Herausforderung, die sich in der Spur des Jesus von Nazaret damit verbindet, ist die, dass niemand aus dieser Liebe herausfällt und sie auch das Leben jenseits der sozialen oder religiösen Norm umfangen will.

Wie aber bringe ich solch eine Grund-legende Liebe hinein ins Leben? Vielleicht, indem ich diese Grundhaltung alles Christlichen immer wieder neu und ganz ausdrücklich zur Grundfrage des Lebens mache, das ich führen möchte. Genauso findet sich das in der Benediktsregel. Die Eingangsfrage dort lautet:

„Bist du ein Mensch, der das Leben liebt?“[2]

Mich begeistert das! Denn diese Frage zielt nicht auf eine bestimmte Frömmigkeitsform, nicht auf religiöses Wissen oder die Anzahl meiner Kirchenbesuche – sondern mitten ins Herz. Sie sucht den ganzen Menschen. Sie sucht mich! Sie spricht meine Lebensfreude an, genauso wie die Zumutungen, die das Leben manchmal mit sich bringt. Für beides ist die Liebe da.

Sie zu leben ist das Schönste und Schwerste und Wundervollste zugleich. Wer sie erfährt, weiß um den Himmel, der sich auftut, und beginnt zu ahnen, wer der Gott ist, den Jesus von Nazaret uns zeigen will – damit wir ihn unseren Mitmenschen zeigen können und unser aller Leben in gegenseitiger Liebe gelingt.


[1] Vgl. 1. Korintherbrief, Kapitel 13.

[2] Benediktsregel, Prolog 15.


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Dieser Beitrag wurde am 21.06.2022 gesendet.


Über die Autorin Vera Krause

Vera Krause, Jahrgang 1970, studierte Kath. Theologie, Politikwissenschaft und Soziologie in Münster und Mumbai/Indien. Nach wissenschaftlichen Tätigkeiten an der Universität und im Verlagswesen, war sie viele Jahre in den Bereichen Weltkirche und im Religionsdialog tätig: als Referentin für Bildung und Pastoral bei MISEREOR, als theologische Grundsatzreferentin in der Geschäftsführung von ADVENIAT sowie als Leiterin der Stabsstelle für weltkirchliche Aufgaben und den Dialog mit den Religionen im Erzbistum Berlin.

Heute leitet Vera Krause die Diözesanstelle für den Pastoralen Zukunftsweg im Erzbistum Köln. Sie wurde im Jahr 2008 als erste katholische Frau mit dem Deutschen Ökumenischen Predigtpreis ausgezeichnet; zahlreiche Veröffentlichungen, Tagungen und (Exerzitien-)Kurse mit den Schwerpunkten Theologie des Gebets und des geistlichen Lebens, Bibel, Mystik und Kontemplation, Weltreligionen, kirchliches Leben.

vera.krause@erzbistum-koeln.de

www.erzbistum-koeln.de


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