Wort zum Tage, 20.06.2022

Vera Krause, Köln

Dem Frieden nachjagen

Schalom. Dieses uralte hebräische Wort wird allgemein mit „Frieden“ übersetzt, doch es steht viel umfänglicher für einen Zustand, in dem Mensch und Umwelt friedvoll, heil und ganz existieren und sich entfalten können.

Schalom. Das Wort kommt so in der Bibel noch häufiger vor als z.B. das Wort Liebe. Aus gutem Grund, denn wie die Menschheitsgeschichte selbst, so sind auch die biblischen Erzählungen von Kriegen durchzogen.

Doch dabei soll es nicht bleiben. Für ein Leben in Frieden hat Gott die Welt und alles Leben in ihr geschaffen. Dem entgegen stehen die Unfriedenstifter zu allen Zeiten. In der Ukraine sehen wir gerade jeden Tag in schrecklichen Bildern, was es heißt, wenn der Frieden verloren geht… und wie weit das reicht. Den Kriegstreibern ist das egal. Erschreckender geht es kaum.

Auch mich persönlich haben die Geschehnisse in der Ukraine noch einmal ganz neu ins Nachdenken über den Frieden gebracht. Wovon lebt der Friede? – In jedem Fall wohl von Menschen, die sich für ihn einsetzen, nicht erst dann, wenn ein Krieg schon droht. Im Kleinen wie im Großen. Doch diese Erkenntnis allein schafft noch keinen Frieden. Wie aber kann er Platz nehmen auch in meinem Leben?

Eine für mich hilfreiche Antwort auf diese Frage findet sich in der Lebensregel, die der Heilige Benedikt von Nursia im 6. Jahrhundert für die Gemeinschaft der ersten Benediktinermönche verfasst hat, zu der er selbst bis zu seinem Tod gehört. Es ist also echte Lebenserfahrung, die ihn um den Wert des Friedens wissen lassen, genauso wie um die Mühe, die er kostet. Das „Zauberwort“ heißt Alltag.

Kein Frieden im Großen ohne den Frieden im Kleinen. Dafür webt Benedikt mehrere Friedensimpulse in die Weisungen seiner Regel ein. Zunächst eine Grundbewegung für ein ganzes, gutes Leben:

„Meide das Böse und tu das Gute; suche den Frieden und jage ihm nach.“[1]

Damit das gelingt, geht es bald ans Eingemachte, d.h. an die alltägliche Mühe:

„Nicht unaufrichtig Frieden schließen“[2],

schreibt Benedikt weiter. Und:

„Nach einem Streit noch vor Sonnenuntergang zum Frieden zurückkehren.“[3]

Auch den unangenehmsten Konflikten also nicht aus dem Weg gehen, keinen Unfrieden anhäufen und keine faulen Kompromisse machen. Das ist unendlich schwer und befreiend zugleich. Wo es gelingt, wird wahr, wonach wir uns alle sehnen: Frieden auf Erden den Menschen. Im Kleinen wie im Großen.


[1] Benediktsregel, Prolog 17.

[2] Benediktsregel, Kapitel 4,25.

[3] Benediktsregel, Kapitel 4,73.


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Dieser Beitrag wurde am 20.06.2022 gesendet.


Über die Autorin Vera Krause

Vera Krause, Jahrgang 1970, studierte Kath. Theologie, Politikwissenschaft und Soziologie in Münster und Mumbai/Indien. Nach wissenschaftlichen Tätigkeiten an der Universität und im Verlagswesen, war sie viele Jahre in den Bereichen Weltkirche und im Religionsdialog tätig: als Referentin für Bildung und Pastoral bei MISEREOR, als theologische Grundsatzreferentin in der Geschäftsführung von ADVENIAT sowie als Leiterin der Stabsstelle für weltkirchliche Aufgaben und den Dialog mit den Religionen im Erzbistum Berlin.

Heute leitet Vera Krause die Diözesanstelle für den Pastoralen Zukunftsweg im Erzbistum Köln. Sie wurde im Jahr 2008 als erste katholische Frau mit dem Deutschen Ökumenischen Predigtpreis ausgezeichnet; zahlreiche Veröffentlichungen, Tagungen und (Exerzitien-)Kurse mit den Schwerpunkten Theologie des Gebets und des geistlichen Lebens, Bibel, Mystik und Kontemplation, Weltreligionen, kirchliches Leben.

vera.krause@erzbistum-koeln.de

www.erzbistum-koeln.de


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