Morgenandacht, 17.06.2022

Pfarrer Dr. Christoph Seidl, Regensburg

Ermutigung auf dem Sinai

Ich bin immer noch sehr bewegt von einer Reise im März dieses Jahres. Da war ich auf dem Moses-Berg im Sinai-Gebirge in Ägypten. Der Berg ist für Judentum, Christentum und Islam von hoher Bedeutung, denn Gott hat sich dort in einem brennenden Dornbusch dem Mose geoffenbart.

Die Bibel berichtet davon (vgl. Ex 3). Dieser „brennende Dornbusch“ ist ein starkes Symbol: Man kann Gott nicht be-greifen, man kann nur seine Wirkung spüren. Vielleicht geht es ja dabei auch um ein Geschehen in Mose selbst: Er ist plötzlich Feuer und Flamme für Gott, eine Gottesbegegnung ergreift ihn ganz und gar. Wir haben Ähnliches in unserem Sprachgebrauch:

„Mir wird heiß“,

wenn ich etwas Wesentliches im Leben erkenne: Liebe, Schuld oder eine neue Idee. Oder man sagt: „Ich brenne für“ eine Aufgabe, meine Familie oder ein Hobby. Als ich auf dem Moses-Berg stand, hat die rote Morgensonne dafür gesorgt, dass die bizarren Felsformationen aus rötlichem Gestein leuchteten wie ein brennender Dornbusch!

Und mir ist wieder neu „heiß“ geworden – nicht nur durch den langen Aufstieg, sondern auch durch die Ermutigung zum Leben, die mir dort oben bewusst geworden ist. Drei wichtige Impulse habe ich neu entdeckt:

Zunächst ist bei der biblischen Erzählung vom brennenden Dornbusch die Rede vom „Heiligen Boden“. Mose wird aufgefordert: „Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.“ (Ex 3,5)

In orientalischen Ländern zieht man in der Tat die Schuhe aus, wenn man in einem anderen Haus zu Gast ist, z.B. wenn man einen Kranken besucht. Das Krankenzimmer oder ganz allgemein die Privatsphäre eines Menschen soll für den Gast wie heiliger Boden sein.

Für biblisches Verständnis ist das ein Ort der Gottesbegegnung. Ich denke mir: Wann immer ich Menschen in ihrer Not begegne, empfinde ich das Gefühl, in diesem Moment etwas „Heiliges“ zu erleben, Anteil zu bekommen an einer Lebensgeschichte, im anderen Menschen letztlich Gott selbst zu begegnen. Auch wenn ich die Schuhe nicht real ausziehe, ich tu es im Geiste, das hat etwas mit Würdigung zu tun.

Ein zweites: Am brennenden Dornbusch offenbart sich Gott dem Mose mit dem Namen Jahwe, der eigentlich ein Verb ist: „Ich bin der ich bin“ (Ex 3,14). Gottes Name erklärt sich durch sein Tun: Er sieht auf das Leid des Volkes, er hört die Klage, er weiß um die Not.

Er ist da – und das soll genügen! Für mich ist das ein schöner Hintergrund für alle helfenden Tätigkeiten, die damit zu tun haben, bei Menschen präsent zu sein. Wir suchen gerne nach den richtigen Worten, die anderen in ihrer Not helfen können.

Sehr oft wirken solche Worte aber eher hilflos, manchmal sogar zynisch, wenn man einem Trauernden beispielsweise sagt „das wird schon wieder“ oder „nimm‘s nicht so schwer“. Viel wichtiger als tröstende Worte ist tröstendes Dasein bei Menschen in ihrer Krise. Wenn ich „da bin“, habe ich Anteil am Tun Gottes!

Und schließlich geht es um eine Sendung: Mehrmals wird Mose am Gottesberg aufgefordert zu gehen, um seinen Auftrag zu erfüllen (z.B. Ex 3,10). Er wehrt sich, weil er sich selbst für zu wenig geeignet und den Auftrag für unerfüllbar hält. Einwände gibt es immer.

Und die Zeiten sind auch immer schwierig. Was allein hilft, sind Menschen, die nicht resignieren, sondern versuchen, ihren Dienst unverwechselbar gut zu erfüllen. Immerhin erklärt Gott seinen Beistand für jede Art von Unternehmung!

„Und jetzt geh!“

Diese Aufforderung an Mose nehme ich mir selbst zu Herzen. Und ich möchte die Ermutigung, die ich auf dem Sinai erfahren habe, gerne mit Ihnen heute Morgen teilen.


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Dieser Beitrag wurde am 17.06.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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