Morgenandacht, 16.06.2022

Pfarrer Dr. Christoph Seidl, Regensburg

Lebensnotwendig

Was brauchen Menschen zum Leben? Bei dieser Frage geht es um das Wesentliche oder auch um das Lebensnotwendige – also ganz wörtlich um das, was die Lebensnot wendet. Meist stellen wir solche Fragen in Krisenzeiten, in großer Belastung oder Angst oder auch an der Grenze des Lebens.

Wenn diese Frage aus christlicher Perspektive gestellt wird, dann sind wir im Kernbereich des Christentums angelangt: bei der Nächstenliebe oder bei den „Werken der Barmherzigkeit“, wie sie in der Kirche seit jeher genannt werden.

Es geht um den Dienst am Nächsten. In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich da im Lauf der Zeit manches verändert. Das „Kerngeschäft“ der Kirchen sehen viele im gottesdienstlichen Leben, man nimmt ferner Diskussionen um die rechte Lehre und das rechte Bekenntnis wahr – und hält dies möglicherweise für wenig lebensrelevant.

Aber viel entscheidender und auch viel bedeutsamer für das Lebensnotwendige sind christliche Umgangs- und Verhaltensformen – auch und besonders in schwierigen Lebensumständen. Gerade da sind Menschen offen für Wesentliches, für Lebensnotwendiges.

Heute feiern katholische Christen die Gegenwart Jesu in der Gestalt des Brotes. Fronleichnam heißt das Fest – das ist althochdeutsch und bedeutet übersetzt: lebendiger Leib des Herrn. In einer Prozession wird die kleine Hostie in der goldenen Monstranz durch die Straßen getragen.

Christen glauben, dass in dieser Hostie Jesus selbst mitten unter ihnen ist. In der Kommunion im Gottesdienst empfangen Christen dieses kleine Stück Brot, das Abendmahl. Für nicht wenige gehört es zu ihrem Glaubensleben dazu. Aber ist es lebensnotwendig?

Ich habe eine Geschichte gehört, die mich sehr berührt hat.
Im Innsbrucker Bahnhofsviertel feiert eine Gruppe Gottesdienst. Die Feier ist schon im Gange, als eine Frau – offensichtlich eine Prostituierte – den Raum betritt. Leicht alkoholisiert ruft sie dem Pfarrer zu

„Bekomme ich da auch etwas?“

Mit „etwas“ meint sie offensichtlich das Abendmahl. Irritiert sagt der Priester nach einigem Zögern:

„Ja, schon.“

Insgeheim hofft er, die Frau möge vor der Kommunion wieder gehen. Aber sie bleibt. Sie kommt zur Kommunion, empfängt die Hostie, teilt sie, isst eine Hälfte und steckt die andere in ihre Tasche. Dann verlässt sie den Raum. Die Gemeinde ist verstört.

Später erfährt der Pfarrer: Die Frau ging mit der geteilten Hostie schnurstracks zum Bahnhof in die Bahnhofsmission, wo eine Ordensfrau, die ihr öfter geholfen hatte, Dienst tat. Behutsam holte sie dort die halbe Hostie aus der Tasche und gibt  sie der Schwester:

„Schau, was ich dir mitgebracht habe, du isst das doch so gerne!“

„… du isst das doch so gerne …“

Mich persönlich rührt diese wahre Begebenheit sehr an. Denn die wenig gottesdienstlich geübte Frau hat etwas ganz Entscheidendes gesehen: nämlich, dass es hier um etwas geht, was Kraft zum Leben schenkt. Sie weiß, dass die Hostie der Ordensfrau wichtig ist.

Und sie weiß, dass die Ordensfrau für sie lebensnotwendig ist. Die Teilnahme am heiligen Mahl in rechter Gesinnung ist das eine, aber Dienst an den Menschen – wie von der Ordensfrau in der Bahnhofsmission – als etwas Heiliges wahrzunehmen und dafür dankbar zu sein, ist in meinen Augen noch ein größeres Geschenk.

Was also ist lebensnotwendig? Das ist sicher für jeden Menschen etwas anderes. Aber es beginnt damit, dass ich die Augen öffne für das, was mir in meiner Not von anderen geschenkt wird!


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Dieser Beitrag wurde am 16.06.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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