Morgenandacht, 15.06.2022

Pfarrer Dr. Christoph Seidl, Regensburg

Täglich grüßt das Murmeltier

„Und täglich grüßt das Murmeltier“,

sagt man, wenn sich etwas immer wiederholt. Diese Worte entspringen dem Titel einer US-amerikanischen Filmkomödie von 1993. Phil Connors ist darin ein arroganter und zynischer Wetteransager.

Er hat keine Lust, zum vierten Mal in Folge vom Tag des Murmeltiers am 2. Februar in der Kleinstadt Punxsutawney in Pennsylvania zu berichten. Er kommt daher schon schlecht gelaunt an, wegen Schneesturms muss das Team dann auch noch dort übernachten.

Als Phil am nächsten Morgen aufwacht, meint er, er hätte ein Déjà-vu, aber dieses entpuppt sich als nun täglich sich wiederholendes Ereignis, er steckt in einer Zeitschleife fest.

Mit der Zeit versucht Phil, die Wiederholung der Zeit zu nutzen. Und so gelingt es ihm, sich schrittweise in einen besseren Menschen zu wandeln: Er lernt Klavierspielen und entwickelt immer mehr Empathie. Zwei Menschen rettet er sogar das Leben.

Die Zeitschleife endet aber erst, als seine Kollegin Rita aus dem Kamerateam sich in ihn verliebt. Beide wachen am 3. Februar gemeinsam auf und beschließen, ihr künftiges Leben miteinander in dem zuerst so gehassten Punxsutawney zu verbringen.

Klar, das ist eine Filmkomödie. Aber lähmende Wiederholungen kennt wohl jeder im Leben. Wenn ich da nur an die über Monate hin jeden Morgen zur gleichen Zeit verkündeten Coronazahlen denke! Und grade nehmen wir täglich Kriegsnachrichten von zum Teil unglaublicher Grausamkeit wahr, das Unheil scheint sich festgefahren zu haben.

Aber auch im persönlichen Leben gibt es so etwas wie Zeitschleifen: immer gleiche Wortwechsel, nicht gelingende Begegnungen, vielleicht auch wiederkehrende Krankheitssymptome. Da höre ich mich schon ab und zu verzagt diese Worte sagen:

„Und täglich grüßt das Murmeltier.“

Die Filmkomödie bietet einen Lösungsansatz, den ich für bedenkenswert halte: die Zeitschleife wird erst durchbrochen, als echte Liebe ins Spiel kommt. Dieses Motiv ist nicht neu, wir kennen es aus vielen Märchen: der Froschkönig wird erst erlöst, wenn er von der Prinzessin geküsst wird, ebenso muss das Biest die Liebe der Schönen gewinnen oder das Dornröschen wird durch einen liebenden jungen Mann vom Zauber befreit.

Ich entdecke da schon eine Spur zum realen Leben. Sehr oft ist nicht ein „Mittel“, das von außen kommt, das Entscheidende – also eine eingreifende Hand, ein Medikament, ein Schlüssel- oder Zauberwort.

Nicht selten ergibt sich vielmehr durch Liebe eine neue Sicht auf das Leben: nicht nur ein „Verliebtsein“, das alles in rosarotes Licht zu hüllen scheint – auch schon ein liebevoller Blick auf Menschen, die jetzt besonders Zuwendung brauchen. Es verändert z.B. die Lage, wenn Kriegsflüchtlingen bereitwillig geholfen wird.

Es verändert Menschen, wenn sie versuchen, sich in Pandemiezeiten rücksichtsvoll zu verhalten. Es verändert mich, wenn ich Liebe erfahre – und wenn ich versuche, meinem immer gleichen Alltag liebevoll und kreativ eine persönliche Note zu geben.

Ich kann das versuchen in der Begegnung mit Menschen, mit denen ich mich schwertue. Ich kann versuchen, mich nicht immer an der gleichen Stelle aufzuregen und stattdessen mit einem augenzwinkernden „Schwamm drüber“ zu reagieren. Ich könnte dem Mann an der Straßenecke, der um ein bisschen Geld bittet, auch ein nettes Wort sagen.

Täglich grüßt das Murmeltier? Ja, aber wie ich zurückgrüße, ist allein meine Sache und es gibt dem Tag doch ein anderes Gesicht.


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Dieser Beitrag wurde am 15.06.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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