Morgenandacht, 14.06.2022

Pfarrer Dr. Christoph Seidl, Regensburg

Das Herz wird nicht dement

Der Tag war anstrengend, meine Augen fühlten sich müde an, aber ich hatte mich noch verabredet – es muss ja auch noch private Termine geben. Und darum habe ich den Kinoabend nicht abgesagt.

Doch während der Filmvorführung merke ich, dass ich anscheinend kleine Abwesenheiten habe: Die jüngere Frau, die mit dem älteren Herrn auf der Leinwand spricht, hatte doch eben eine blaue Bluse an, mitten im Gespräch ist sie orange?

Dann sitzen sie zusammen bei Kaffee und Kuchen, aber plötzlich steht da ein Abendessen mit Rotwein. Da geht die Tür auf und dieselbe Szene wie eben ereignet sich bis aufs Wort noch einmal, allerdings ist die Frau eine andere – oder doch nicht?

Erst ganz langsam wird mir klar: Diese meisterhafte Verwirrung ist volle Absicht, denn der Film „The Father“ von Florian Zeller handelt von einem Mann mit einer fortgeschrittenen Demenzerkrankung.

Mal ist Anthony, so heißt die von Anthony Hopkins dargestellte Figur, vollkommen Herr der Situation, plötzlich sieht die Wohnung aber ganz anders aus als eben, und seine Tochter Anne gleicht auf einmal der später auftretenden Pflegekraft. Zeiten, Orte und Personen vermischen sich in Anthonys Kopf – und auch in meinem.

Dass der Film im letzten Jahr sechs Oscars gewonnen hat, ist für mich ein starkes Zeichen. Die Demenzerkrankung braucht nicht verschämt hinter dem Vorhang versteckt zu werden! Sie ist vielmehr ein Thema, dem wir offen begegnen sollten und bei dem alle nicht Betroffenen noch sehr viel lernen können.

Natürlich ist es für alle Angehörigen und Nahestehenden bedrückend mitzuerleben, wie sich scheinbar die Persönlichkeit eines Menschen durch diese Krankheit immer mehr ins Unbegreifliche verabschiedet. Auf der anderen Seite kann man bei liebevoller Begegnung mit Betroffenen sehr gut feststellen, was in jedem entsprechenden Ratgeber zu lesen ist: Das Herz wird nicht dement! Gefühle und lebenslang eingeübte Verhaltensweisen sind immer noch unterschwellig vorhanden und können sozusagen „abgerufen“ werden, wenn die Beziehungsebene zum Gegenüber stimmt.

Der Neurologe und Psychiater Alois Alzheimer – er würde heute 158 Jahre alt – stellte bei seinen Studien zur „Krankheit des Vergessens“ zunächst fest, dass sich eine betroffene Patientin sozusagen selbst verloren hat. Nach Alzheimers Tod geriet die Krankheit für längere Zeit selbst in Vergessenheit.

Als man in den 1970er Jahren wieder beginnt, von der Alzheimer’schen Krankheit zu sprechen und an den ursprünglichen Interviews zu forschen, da zeigt sich: durch Validation, also durch unbedingte Wertschätzung der Persönlichkeit, ist in aller Regel ein guter Zugang zu diesen PatientInnen zu finden.

Im Film „The Father“ dauert es bis zum Filmende, bis eine Pflegerin schließlich erkennt, worin die wichtigste Aufgabe im Moment besteht: Anthony ist so aufgelöst, weil er sich so verloren und schutzlos fühlt, er sehnt sich nach seiner Tochter, ruft aber nach seiner Mutter. Er weint und schluchzt wie ein Kind – bis ihn die Pflegerin wie eine Mutter in den Arm nimmt und streichelt, dann wird er ruhig.

Dieser Filmschluss ist für mich bei aller Verwirrung, die ich selbst durchlebt habe, unglaublich tröstlich. Er erinnert mich an eine zentrale Vorstellung des biblischen Menschenbildes, wenn da in den Psalmen von Gott gesagt wird:

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“

(Ps 139,5)

Kinder brauchen diese Erfahrung von ihren Eltern, eigentlich sehnt sich jeder Mensch ein Leben lang danach – und Menschen mit Demenzerkrankung eben auch. Das Herz wird nämlich nicht dement!


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Dieser Beitrag wurde am 14.06.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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