Morgenandacht, 13.06.2022

Pfarrer Dr. Christoph Seidl, Regensburg

Himmelsbürger

Ist es nicht himmlisch? So sagen wir bei einem schönen Erlebnis, bei einem tollen Konzert oder oben auf dem Berggipfel. Himmel als schönes Gefühl! Manche denken bei Himmel an das Lebensende und an eine bessere Zukunft „dort“.

Aber an den Himmel hier und jetzt zu denken und dabei weder „lebensmüde“ noch gefühlsduselig zu sein – das wäre für mich noch mal spannender! Dazu habe ich in einem Buch des Wiener Künstlers André Heller eine schöne Begebenheit entdeckt. Heller erzählt, wie er in Jerusalem einem älteren Herrn begegnet. Der ist Jude und lebt seit 1946 in Israel.

Die beiden stehen auf dem Balkon und werden Zeugen eines heftigen Gewitters. Der Mann sagt:

„Im Konzentrationslager war alles mein Trost, worüber die Nazis keine Macht hatten. Die Wolken, das Wetter, die Jahreszeiten, der Wechsel von Tag und Nacht. Die Wälder konnten sie ja abholzen, die Vögel im Flug töten, die Bäche umleiten oder ihr Wasser vergiften. Selbst Berge konnten sie sprengen. Aber der Mond, die Sonne, die Milchstraße, die Lichtschlangen und Trommelwirbel des Gewitters entzogen sich ihrem Zugriff. Dorthin, in die verbrecherlose Welt, bin ich in Gedanken übersiedelt. Tausendmal, jede wache Stunde. Das hat mich vor dem Untergehen bewahrt.“

Heller gibt diesen Dialog in seinem Buch wieder und bekennt, dass er in dieser Begegnung etwas Wichtiges begriffen habe, nämlich, dass es den Himmel wirklich gebe.

Der alte Mann habe ihm daraufhin noch einen Ausweis gezeigt, den er sich selbst gemacht habe. „Himmelsbürger“, stand darauf, und weiter: „Muss nichts. Darf alles. Widerruf unmöglich.“ Der Mann sagt:

„Die der Hölle entronnen sind, gehören dem Himmel. (…) Ich tu so, als wäre ich geerdet. In Wirklichkeit bin ich gehimmelt.“ 

Mir gefällt das Wortpaar „geerdet“ und „gehimmelt“. Als katholischer Pfarrer höre ich nicht selten, wie wichtig es ist, dass wir in der Kirche „geerdet“ sind, keine abgehobenen Predigten halten, mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, keine falschen Hoffnungen wecken. Das heißt aber nicht, dass wir Christen gar keine Hoffnung zu verkünden hätten.

ie Geschichte von André Heller passt gut zu dem, was Christen von A wie Advent bis Z wie Zukunft bedenken: unser Leben hat einen Draht zum Himmel – oder anders: Christen haben den Himmel im Herzen, schon jetzt! Sie dürfen aus der Hoffnung leben und dürfen versuchen, hier und jetzt etwas Hoffnungsvolles zu verwirklichen. Ich denke an Menschen, die wie der Mann aus Hellers Geschichte bei aller äußeren Bedrängnis eine innere Ruhe, einen inneren Halt verspüren und andere in ihrer Angst auch noch auffangen können.

Die haben den Himmel im Herzen. Ich denke an Menschen, die gerade dort, wenn die Not besonders groß ist, zu Höchstleistungen in der Lage sind: alle, die Flüchtlingen hierzulande helfen oder in Krisenländer reisen, um vor Ort Unterstützung zu leisten. Die sind doch gehimmelt!

Und ich denke an alle Hilfsdienste, Pflegeberufe, Beratungsstellen hier bei uns, die so oft von Krisen und Brüchen im Leben erfahren und gerade da Stabilität und Zuversicht ausstrahlen. Die müssen doch den Himmel in sich tragen!

Ich bin sicher: Wenn Menschen eine Idee von diesem Himmel im Herzen haben (bewusst oder unbewusst), dann strahlen sie das auch aus – und so verändern sie wenigstens ein kleines bisschen die Erde. Dazu darf ich weder lebensmüde sein noch gefühlsduselig, im Gegenteil: ich muss Realist und lebenshungrig zugleich sein.

Und deshalb mache ich mich jetzt auf in den Tag: mit beiden Beinen auf dem Boden – und zugleich gehimmelt!


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Dieser Beitrag wurde am 13.06.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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