Wort zum Tage, 11.06.2022

Pfarrer Markus Bolowich, Nürnberg

Bürgersinn

Es ist früh am Morgen in der Innenstadt. Es ist noch ganz ruhig, nur einige Lieferwagen sind in der Fußgängerzone unterwegs, die Marktleute bauen ihre Stände auf. An einem der Beete in der Fußgängerzone steht schon ein älterer Mann und macht sich bei der Bepflanzung zu schaffen.

Neben ihm stehen zwei Gießkannen. „Sie sind ja schon fleißig in aller Herrgottsfrühe“, spreche ich ihn an. Und als hätte er nur darauf gewartet, gibt er bereitwillig Auskunft und erzählt mir von seiner Gartenarbeit hier in der Fußgängerzone: Seit längerem schon kümmert er sich um Beete und versorgt sie mit Wasser, das er aus seiner Wohnung im vierten Stock holt.

„Gott sei Dank hat das Haus einen Aufzug, aber dreimal muss ich schon rauffahren dafür. Das ist meine Beschäftigung, ohne die wäre der Tag schon recht lang.“

Wir unterhalten uns ein paar Minuten zu und er erzählt mir, dass er sich nach dem Tod seiner Frau vorgenommen hatte, einmal am Tag raus zu gehen aus der Wohnung und etwas Sinnvolles zu machen.

Als ich mich dann von ihm verabschiede, fällt mir das Wort Bürgersinn ein. Das hat so einen altmodischen Klang. Aber genau das ist es, was ich an diesem Morgen erlebt habe und was hier auch an vielen Ecken der Stadt geschieht. Da entscheiden Menschen sich ohne offiziellen Auftrag eine Art Patenschaft für den Baum vor ihrem Wohnhaus zu übernehmen.

Menschen melden sich in der Nachbarschaftshilfe, um ehrenamtlich in ihrem Viertel für Andere da zu sein. Und so entsteht quer durch die Stadt und übers Land ein Netz von Kontakten, Beziehungen und Hilfsbereitschaft, das unsere Gesellschaft zusammenhält.

Derzeit erleben wir das ja an vielen Orten in der Hilfe für die Geflüchteten aus der Ukraine, oder wo immer es darauf ankommt, etwas auf die Beine zu stellen, damit Menschen in einer Notlage unter die Arme gegriffen wird. Bis amtliche und behördliche Unterstützung anrollt, dauert es ja oft eine lange Weile.

Darum sind all diese Menschen so wichtig, die Verantwortung für die Allgemeinheit übernehmen und an ihrem Platz mit ihrer Begabung und ihrem Charisma für andere einstehen.

Ob am Beet in der Fußgängerzone oder an welchem Ort auch immer. Sie zeigen uns was diese großen Worte Solidarität, Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe oder eben Bürgersinn konkret bedeuten.

Da ist es völlig egal, welche Nationalität einer hat oder welcher Konfession er angehört, ob sie alt ist oder jung. Für eine gute Sache und einen Dienst für Andere braucht es weder Taufschein noch Personalausweis. Augen, die sehen, Ohren, die hören, Hände, die anpacken reichen völlig aus.


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Dieser Beitrag wurde am 11.06.2022 gesendet.


Über den Autor Markus Bolowich

Markus Bolowich, Jg. 1967, geboren in Frankfurt/Main, in Franken aufgewachsen, Studium der Theologie in Bamberg und Münster.
Lebt und arbeitet derzeit als Pfarrer in Nürnberg. Er ist Rundfunkbeauftragter des Erzbistums Bamberg. Ausbildung zum Exerzitienleiter (Ruach/DOK).
Mitglied in der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Homiletik e.V. (AGH). Kontakt: http://www.innenstadtkirche.de

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