Wort zum Tage, 10.06.2022

Pfarrer Markus Bolowich, Nürnberg

„Ich mach das Beste draus!“

In meiner Nachbarschaft lebt Frau Kolb. Sie ist schon eine betagte Frau
und ich treffe sie so gut wie immer, wenn sie irgendwo in der Stadt mit ihrem Fahrrad unterwegs ist.

Vor einiger Zeit kreuzen sich unsere Wege wieder und als sie mich erkennt, hält sie an und steigt gleich ab. Frau Kolb ist dankbar über einen kleinen Plausch und fängt auch gleich an zu erzählen: Dass ihre Füße gar nicht mehr mögen und ihr jeder Schritt weh tut. Wie froh sie ist, dass sie das Rad hat, mit dem sie auch alles nach Hause bringt, was sie bei ihren kleinen Einkäufen dabeihat.

Mit dem Rad kommt sie überall hin. Zum Einkaufen, zur Kirche, zum Arzt und zu ihrer Schulfreundin, mit der sie sich vierzehntägig trifft - zum Klassentreffen, wie sie sagt. Ihr Fahrrad macht es möglich, was sie zu Fuß nicht mehr schaffen würde.

„Ja, was soll ich sonst machen?“,

fragt sie und blickt mich an. Und gibt sich auch gleich selbst die Antwort:

„Ich mach das Beste draus!“

Dann steigt sie auf und radelt langsam weiter. Und einen schönen Tag! rufe ich ihr noch hinterher und weiß gar nicht, ob sie mich überhaupt noch hört.

Ich mach das Beste draus! Noch öfters denke ich an diese Begegnung. Wie oft geht es mir so, dass ich irgendwie mit dem falschen Fuß aufstehe und schon am Morgen klappt was nicht wie gewohnt, und dann stolpere ich so in den Tag.

Dann komme ich schnell in einen negativen Flow, Missmut, ist das Wort. Der klebt an einem wie Kaugummi an den Sohlen. Da denke ich an Frau Kolb! Wie gelassen sie mir begegnet ist! Sie nimmt das, was ist, wie es ist, sie murrt und jammert nicht.

„Was soll ich machen? Ich mach das Beste draus!“

Klar: die großen Sorgen werden davon auch nicht kleiner.

Aber all der Kleinkram, der mir auf die Nerven geht, die Lappalien, über die ich mich so aufregen kann, die Fehler der anderen, die ich immer wieder sehe, Frau Kolb hilft mir zur Einsicht: das alles könnte ich mal ruhen lassen. Was soll ich machen? Ich mach das Beste draus!

Es muss nicht alles perfekt sein, auch heute nicht, wenn es sowas überhaupt gibt. Ich bin mir sicher, dass dieser Tag nicht nur seine eigene Plage hat, wie es in der Bergpredigt der Bibel heißt, sondern auch seinen eigenen Glanz.

Also: Kopf hoch, Augen auf und das Herz weit machen. Wir machen heute das Beste draus.


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Dieser Beitrag wurde am 10.06.2022 gesendet.


Über den Autor Markus Bolowich

Markus Bolowich, Jg. 1967, geboren in Frankfurt/Main, in Franken aufgewachsen, Studium der Theologie in Bamberg und Münster.
Lebt und arbeitet derzeit als Pfarrer in Nürnberg. Er ist Rundfunkbeauftragter des Erzbistums Bamberg. Ausbildung zum Exerzitienleiter (Ruach/DOK).
Mitglied in der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Homiletik e.V. (AGH). Kontakt: http://www.innenstadtkirche.de

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