Wort zum Tage, 09.06.2022

Pfarrer Markus Bolowich, Nürnberg

Ach, die Zeitung!

Vor ein paar Tagen bin ich morgens das Treppenhaus runter zu den Briefkästen die Zeitung holen. Doch statt der Zeitung, grinst mich der leere Briefkastenschlitz an. So ein Mist! zerknirscht tapse ich in die Wohnung zurück. Wenigstens das Radio bleibt mir an jenem Morgen.

So ein Start in den Tag ohne Zeitung bringt mich emotional ins Wanken. Denn meine Tageszeitung versorgt mich ja nicht nur mit Nachrichten aus aller Welt und aus der näheren Umgebung, sondern auch mit vielen Hintergründen und Themen, von den ich sonst nie etwas erfahren hätte.

Ach, die Zeitung! Was sie bedeutet, das merkt man ja erst, wenn sie fehlt. Von Thomas Jefferson, einem der ersten US- Präsidenten und dem Mitverfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, stammt das Zitat:

Hätte ich zu wählen zwischen einem Land mit einer Regierung, aber ohne Zeitung, und einem Land mit Zeitung, aber ohne Regierung, ich würde mich für das Land ohne Regierung entscheiden.“

Wir leben in einem Land, in dem es beides gibt: Eine Regierung, die von einem demokratisch gewählten Parlament kontrolliert wird, und eine Presse, die frei und unzensiert arbeiten kann. Diese Freiheit der Presse und das Recht auf eine freie Meinungsäußerung gibt es in mehr als 70 Ländern der Erde nicht. Auch keine Medienvielfalt neben den Staatssendern.

eltweit werden Frauen und Männer, die in den verschiedenen Redaktionen arbeiten, schikaniert, eingeschüchtert und bedroht.

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ dokumentiert derzeit mindestens 488 Journalistinnen, Journalisten und andere Medienschaffende weltweit, die wegen ihrer Arbeit im Gefängnis sitzen: Ein Anstieg um 20 Prozent innerhalb eines Jahres. 65 Journalistinnen und Journalisten gelten derzeit als entführt.

Auch in Deutschland hat sich die Zahl der gewalttätigen Übergriffe auf Journalisten deutlich erhöht. Gruppierungen versuchen mit gezielten Kampagnen, verbalen Entgleisungen und bewussten Grenzüberschreitungen, Medienschaffende einschüchtern, zu diffamieren und an ihrer Arbeit zu hindern.

Die Presse und die Medien in unserem Land haben für die Demokratie eine unverzichtbare Funktion. Sie treten dabei manchmal auch auf Füße und bringen unbequeme Wahrheiten ans Licht. Das hat auch die Kirche erfahren.

Das passt nicht jedem. Aber genau darauf kommt es an. So brachte es der Publizist Alain Peyrefitte auf den Punkt: Die Presse muss die Freiheit haben, alles zu sagen, damit gewisse Leute nicht die Freiheit haben, alles zu tun.


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Dieser Beitrag wurde am 09.06.2022 gesendet.


Über den Autor Markus Bolowich

Markus Bolowich, Jg. 1967, geboren in Frankfurt/Main, in Franken aufgewachsen, Studium der Theologie in Bamberg und Münster.
Lebt und arbeitet derzeit als Pfarrer in Nürnberg. Er ist Rundfunkbeauftragter des Erzbistums Bamberg. Ausbildung zum Exerzitienleiter (Ruach/DOK).
Mitglied in der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Homiletik e.V. (AGH). Kontakt: http://www.innenstadtkirche.de

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