Wort zum Tage, 08.06.2022

Pfarrer Markus Bolowich, Nürnberg

Langsam!

„John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte. Er hielt für die anderen die Schnur. Vom tiefsten Ast des Baums reichte sie herüber bis in seine emporgestreckte Hand. Er hielt sie so gut wie der Baum, er senkte den Arm nicht vor dem Ende des Spiels.“

Mit diesen Sätzen beginnt der Roman „Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny. Er erzählt das Leben des britischen Seefahrers und Polarforscher John Franklin im 19. Jahrhundert.

Im Roman taugt Franklin in seiner Kindheit beim Ballspiel nur zum Schnurhalter, weil er so langsam war er. Später entdeckt er seine Langsamkeit und seine Genauigkeit aber als eine Begabung, die ihn schließlich bei seinen Expeditionen weiterbringen wird, als andere.

Lässt sich jemand Zeit mit einer Sache, geht jemand bedächtig vor, wägt jemand ab, dann wird es für ihn schnell ungemütlich: Eine Angelegenheit langsam angehen – das hat in der Beschleunigungsgesellschaft ungefähr dieselbe Zustimmung wie der Wackeldackel auf der Hutablage - das regt eher auf, belustigt im besten Fall, als dass man damit Verständnis weckt.

Das ist schade, denn wir wissen eigentlich aus unserer Lebenserfahrung eben auch: Schnell heißt nicht immer gut. Wer recht fix ist, ist am Ende oft auch fertig, fix und fertig. Nicht wenige sind dann auch ausgebrannt von ihrem hohen Tempo in Beruf und Freizeit.

Die Psychoanalytikerin Ruth Cohn hat diesen Satz geprägt:

„Wir haben keine Zeit, deshalb lasst uns langsam vorgehen“.

Was sich erst mal widersprüchlich anhört, trifft aber zunehmend den Nerv der Zeit. Tempo ist längst nicht mehr alles – viele sind dabei, die Langsamkeit und ihre Segnungen zu entdecken.

Denn manches, was mit heißer Nadel gestrickt wird, hält bald schon den Zerreißproben der Wirklichkeit nicht stand. Dann muss wieder nachgebessert werden - das ist nicht nur ärgerlich, sondern kostet mehr Zeit, als man durch die unbedachte Hastigkeit einsparen wollte.

Die Langsamkeit hat also ihren Charme. Und wenn in wenigen Jahren in Europa mehr als die Hälfte der Bevölkerung über 50 Jahre alt sein wird, dann werden es in dieser „Silversociety“ der in Ehren Ergrauten, die Langsamen sein, die die Eiligen daran erinnern: Man kann es auch als Schnurhalter im Leben noch zum Topscorer bringen! Daher:

„Wir haben keine Zeit, deshalb lasst uns langsam vorgehen.“


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Dieser Beitrag wurde am 08.06.2022 gesendet.


Über den Autor Markus Bolowich

Markus Bolowich, Jg. 1967, geboren in Frankfurt/Main, in Franken aufgewachsen, Studium der Theologie in Bamberg und Münster.
Lebt und arbeitet derzeit als Pfarrer in Nürnberg. Er ist Rundfunkbeauftragter des Erzbistums Bamberg. Ausbildung zum Exerzitienleiter (Ruach/DOK).
Mitglied in der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Homiletik e.V. (AGH). Kontakt: http://www.innenstadtkirche.de

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