Wort zum Tage, 07.06.2022

Pfarrer Markus Bolowich, Nürnberg

Müdigkeit

Ein langes Wochenende liegt hinter mir und das erste, was ich nach diesen freien Tagen verspüre ist Müdigkeit. Eigentlich sollte ich doch erholt sein, ausgeschlafen. Und war nicht eben Pfingsten? Das Fest, an dem die Kirche den Heiligen Geist feiert.

Die zurück gelassenen und erschöpften Jünger empfangen das göttliche Wehen und Atmen. Offenbar ist das Rauschen der Heiligen Geistkraft an Pfingsten bei mir ohne Wirkung geblieben oder schon verpufft. Stattdessen brauche ich gleich noch einmal einen Kaffee.

Mit der Müdigkeit ist es so eine Sache. Sie hat keinen guten Leumund. Wer sie sich eingesteht, kommt sich doch gleich vor als jemand, der nicht gut für sich sorgen kann, keine richtige work-life-balance fertig bringt.

Die Müdigkeit hat es schwer gegen all diese ausgefeilten Methoden der Selbstoptimierung und Effizienzsteigerung. Sie ist schon immer vor mir da und lässt sich auch nicht einfach mal so wegschlafen.

Vielleicht ist es darum an der Zeit, der Müdigkeit wieder zu ihrem Ansehen zu verhelfen und zu ihrem guten Recht!

Der Philosoph Byung-Chul Han hat das in seinem Essay über die Müdigkeitsgesellschaft eindrücklich unternommen: Er erkennt in der Müdigkeit die Therapie für die Leistungsgesellschaft, in der die Seelen erschöpfen und ausbrennen. Denn die Müdigkeit ist ein kontemplatives Element. Der Sinn für Beschaulichkeit, lässt Neues entstehen.

Darum plädiert Chul Hang für eine Müdigkeit, die inspiriert, für eine Müdigkeit als einer zweckfreien Haltung, die geschehen lässt und in eine tiefere Gelassenheit führt. Denn das Eigentliche geschieht, wenn wir es lassen.

Für ihn ist die Müdigkeit der Zustand, in dem das überhelle, überscharfe Bewusstsein so gedämpft ist, dass eine aufnehmende Erkenntnis möglich wird.

Und apropos Pfingsten: Der Schriftsteller Peter Handke stellt sich die Jünger, die an Pfingsten den Geist empfingen, als Müdigkeitsgesellschaft vor, als durch die Bank müde.

Diese Müdigkeitsgesellschaft ist befreit vom Dogma des „höher, weiter und schneller“. Sie wird wieder sensibel für das Innehalten, das Achten von Grenzen. Die Inspiration der Müdigkeit zeigt uns weniger, was zu tun ist, als vielmehr was wir lassen können.

Die Müdigkeit hat einen klaren Blick für das, was mir möglich ist und wo ich ohne falsche Scham auch sagen darf: Nein, ich möchte lieber nicht! Das lasse ich heute gerne mal bleiben.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 07.06.2022 gesendet.


Über den Autor Markus Bolowich

Markus Bolowich, Jg. 1967, geboren in Frankfurt/Main, in Franken aufgewachsen, Studium der Theologie in Bamberg und Münster.
Lebt und arbeitet derzeit als Pfarrer in Nürnberg. Er ist Rundfunkbeauftragter des Erzbistums Bamberg. Ausbildung zum Exerzitienleiter (Ruach/DOK).
Mitglied in der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Homiletik e.V. (AGH). Kontakt: http://www.innenstadtkirche.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche