Am Sonntagmorgen, 05.06.2022

von Corinna Mühlstedt, Freising

Ein Gefäß für den Geist werden. Gedanken zu einer Mystik des Alltags

Der Heilige Geist kam in den Alltag der Jünger Jesu. Er erfüllte sie und machte alles anders: eine mystische Erfahrung. Solche gibt es auch heute noch.

© Mandy Henry / Unsplash

Werden, was du vom Ursprung her bist
tief in dir, dort, wo alle Äußerlichkeit sich auflöst:
eins mit dem Unendlichen!
Jenseits der Fragen,
im Schweigen,
die Gewissheit:
Gott lebt in dir
und du in ihm!

Als ich vor Jahren dieses Gedicht schrieb, hatte ich eine schwere Zeit hinter mir. Meine Eltern waren rasch hintereinander tödlich erkrankt. Durch die Pflege und die schier endlosen Sorgen war meine eigene Kraft irgendwann vollständig aufgebraucht. Oft fühlte ich kaum noch Boden unter meinen Füßen.

Erst einige Zeit nach ihrem Tod fand ich, während eines Kloster-aufenthalts, wieder zu mir: Auf langen Wanderungen in einer herrlichen Natur fühlte ich von Tag zu Tag immer deutlicher eine wohltuende Klarheit. Die unzähligen Fragen, die mich belastet hatten, lösten sich auf. Ich spürte: Gott ist hier, bei mir, in mir. 

Eine mystische Erfahrung

Für mich war das ein unglaubliches Geschenk. Es begleitet seither mein Leben. Erst Jahre später, nach vielen Gesprächen und der Lektüre vieler Bücher wurde mir klar, dass ich eine mystische Erfahrung gemacht hatte. Der evangelische Theologe, Jörg Zink, hat Ähnliches erlebt und sein Empfinden so beschrieben:

„Das Licht suchen und dabei
gelassen ruhen und sich tragen lassen.
Sich verlassen können über dem Abgrund
auf die haltende Kraft dessen,
aus dessen Gedanken der Abgrund kommt,
– ebenso wie das Licht.“

Wir könnten Gott in solchen Momenten „in uns selbst“ erfahren und fühlen, dass er „durch uns hindurch“ wirkt, versicherte Zink. Auch der Jesuit und Meditationslehrer Hugo Enomiya-Lassalle kannte Erlebnisse dieser Art und war überzeugt:

„Was erfahren wird, ist jenes Geheimnis,
das uns im Dasein trägt, worauf alles ruht,
und was uns in der Tiefe anzurühren vermag.“

Schrittweise wurde mir klar: Mystische Erlebnisse verbinden Christen aller Konfessionen und sogar Gläubige aller Religionen. Ihre Bedeutung ist uns heute nur allzu oft aus dem Blick geraten. Von Karl Rahner stammt das bekannte Zitat:

„Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer,
der Gott erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“
 

Denn „nach der Schrift und richtig erfasster kirchlicher Lehre“, kommentierte Rahner, sei „die letzte Glaubensüberzeugung“ nicht das Ergebnis rationaler Argumente. Sie wachse vielmehr dort, wo der Geist Gottes und seine Freiheit im „Innersten der menschlichen Existenz“ aufbrechen.

Mystik: Die Nähe Gottes spüren 

Jahre später arbeitete ich als Journalistin in Rom, und der damalige Abtprimas der Benediktiner, Notker Wolf, erzählte mir in einem Interview von seinen mystischen Erfahrungen: Als junger Mönch und Philosophie-Professor lag er einst, schwer erkrankt, in einer römischen Klinik und sah kaum noch Chancen auf Heilung:

„Ich war frustriert, ja, verzweifelt und verlor nach und nach jede Hoffnung. Allmählich wurde es dunkel – um mich herum und in mir. Schließlich hatte ich das Gefühl, ich würde fallen, immer tiefer in eine namenlose Dunkelheit tauchen. Ich konnte nur noch stammeln: ‚Herr, erbarme dich meiner!‘ Doch ich sank tiefer und tiefer.

Und während ich betete, spürte ich plötzlich unter mir eine Hand, die mich nicht weiter fallen ließ, sondern auffing. Für mich war es die Hand Gottes. Mit einem Mal hellte sich mein Gemütszustand auf. Meine Angst und meine Niedergeschlagenheit verschwanden. Ich wusste mich wieder in Gott geborgen, was immer auch kommen würde.“

Dem damaligen Gespräch mit Abt Notker folgten viele weitere. Schließlich konnten wir 2021 ein gemeinsames Buch veröffentlichen: Wir haben darin unsere eigenen mystischen Erlebnisse zusammengestellt und durch die Einsichten vieler spiritueller Persönlichkeiten ergänzt. Dabei resümierte Notker Wolf mit Blick auf sein mehr als 80 Jahre währendes Leben: 

„Die Nähe Gottes zu spüren, das macht die Mystik aus. Eine solche Erfahrung kann aber muss nicht am Ende der Meditation oder Kontemplation stehen. Gott zeigt sich uns in den verschiedensten Lebenslagen. Ich habe mein ganzes Leben als Antwort auf seinen ständig neuen Ruf verstanden und geführt. ‚Mystik‘ wird dann zu einer Grundhaltung, die alles begleitet.“ 

Anlass zur Besinnung und Neuorientierung

Mystische Erfahrungen findet man schon in der Bibel. Die Propheten des Alten Testamens haben sie ebenso gemacht wie Maria, Jesus oder Paulus. Die Spur der christlichen Mystik führt weiter über die Wüstenväter und -mütter des Orients zu zahllosen Heiligen und bis zu den Gründern moderner geistlicher Bewegungen: Franz von Assisi oder Teresa von Avila sind ebenso Beispiele wie Frère Ro-ger Schutz oder Mutter Teresa.

Die Erfahrungen dieser Christen sind so unterschiedlich wie ihr Leben, doch man kann auch Parallelen erkennen: So geht etwa mystischen Einsichten oft eine Krise voraus, die Anlass zur Besinnung und Neuorientierung gibt. Sobald ein Mensch alle egozentrischen Wünsche loslasse, entstehe in ihm neuer Raum für Gott, meinte im 16. Jahrhundert der spanische Mystiker Johannes vom Kreuz:

„Wenn ich auch in diesem Leben
nur Dunkelheit finde,
ist mein Leid doch nicht so groß,
dass ich nicht, … himmlisches Leben spürte,
Leben, das die Liebe schenkt.“
 

Sufismus: „Erlöschen des Ichs“

Die spanische Mystik bezeichnet die Abkehr eines Menschen von seiner Egozentrik als „Sterben des Ichs“. Sie berührt damit interessanter Weise die Einsichten anderer Glaubensrichtungen. So spricht etwa der Sufismus von einem „Erlöschen des Ichs“, und der bekannte muslimische Mystiker Jelalladin Rumi ermutigte seine Leser bereits im 13. Jahrhundert: 

„Stirbst Du deinem Ich
und kommst zum Leben aus Gott,
dann wirst Du wahrhaft eins mit ihm,
in absolutem Eins-Sein.“

Leer sein, um gefüllt zu werden

„Die Seele soll so mit Gott vereint sein, dass es ihr vorkommt, als sei nichts mehr als Gott allein,“

schreibt der mittelalterliche Mystiker und Dominikaner Meister Eckhart. Ähnliche Gedanken findet man auch bei dem Reformator Martin Luther, dessen mystische Seite man in jüngster Zeit erst neu entdeckt:

„Im Glauben werde ich eins mit Christus.
Es ist etwas Großes, wenn Christus
in uns bleibt und wir in ihm!“

Notker Wolf erinnert sich sogar, dass er einst als Gast in buddhistischen Klöstern die Zen-Meditation erlernte und dabei zu seiner eigenen Überraschung Jesus neu entdeckte:

„Wir Mönche saßen in absoluter Stille stundenlang nebeneinander, die Beine verschränkt im Lotus-Sitz, während der Zen-Meister auf und ab ging, und über unsere Konzentration wachte. Wir sollten alle Gedanken loslassen, ‚leer‘ werden, hieß es.

Und während ich noch darüber nachdachte, ob das überhaupt möglich sei, wurde mir auf einmal bewusst: Wenn ich wirklich leer werde und mich konzentriert auf Christus einstelle, dann werde ich ganz von ihm ausgefüllt!

Mit einem Blick auf die Geschichte der Mystik stellen wir fest, dass es letzten Endes immer darum geht, sich von Gott erfüllen zu lassen. Alle anderen Gedanken sind dann überflüssig, Gott ist einfach da. Und das machte die Zen-Meditation für mich zu einer mystischen Erfahrung.“

Mystische Erlebnisse lassen sich oft nur in Bildern oder Symbolen ausdrücken. Notker Wolf bezeichnet die innere Nähe zu Jesus auch gerne als „Freundschaft“, als Austausch mit einem Ratgeber, dessen Unterstützung ihm im Alltag unendlich kostbar ist:

„Wie oft hab‘ ich in schwierigen Situationen, in denen ich mich über andere ärgerte, gespürt: ER steht direkt hinter mir. Und sein Rat war immer derselbe: Liebe die anderen, auch wenn es dir schwerfällt! – Irgendwann begriff ich: Die Liebe nach dem Vorbild Jesu führt zur Erkenntnis Gottes und lässt den Menschen mit Gott eins werden.

Das ist in letzter Konsequenz die Mystik Jesu. Es ist die christliche Mystik. Ich sehe darin eine Art Grundmystik, die jedem Christen möglich ist und wohl darüber hinaus allen Menschen. Nur wer liebt, erkennt Gott, heißt es im ersten Johannes-brief.“

Mystik finden im Trubel des Alltags

Doch was kann man tun, um diesen Einsichten im Alltag mehr Gewicht zu geben? Fest steht: Mystische Erlebnisse sind unverfügbar. Es gibt keine Gebrauchsanweisung. Aber Mystiker aller Kulturen und Epochen haben geraten, sich zeitweise aus dem Trubel der Welt in die Stille zurückzuziehen. Ein russisch-orthodoxer Pilgerführer empfiehlt das sog. Herzensgebet:

„Setze dich still und einsam hin, neige den Kopf, schließe die Augen, atme recht leicht… Führe den Geist, das heißt das Denken, aus dem Kopf ins Herz. Gib dir Mühe, alle fremden Gedanken zu vertreiben.
Beim Atmen sprich: ‚Herr Jesus, erbarme Dich meiner.‘“

Übungen und Gebete dieser Art gehören in allen Klöstern zum Tagesablauf, erläutert Notker Wolf:

„Das Stundengebet, das wir Benediktiner in der Regel gemeinsam verrichten, ist ebenso wichtig wie das persönliche Gebet jedes einzelnen in der Stille. Über Jahre hinweg versetzt das einen Mönch in eine positive Grundhaltung, in eine Offenheit auf Gott hin. Der Mensch wird immer mehr zu einem Hörenden. Er wird sensibler für die eigene Wirklichkeit und ebenso für die Wirklichkeit anderer.“

Sicher ist: Jeder Mensch kann Gott in seinem Leben begegnen. Was Mystiker und Mystikerinnen von ihren Zeitgenossen unterscheidet, ist meist nur die Offenheit für das Geheimnis des Göttlichen und die Bereitschaft, sich von ihm berühren zu lassen. 

„Zu meinen, dass nur besondere oder speziell ausgebildete Menschen Mystiker werden und Gott erfahren könnten, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Wie gerne erinnere ich mich an das Gespräch mit einer alten Dame: Sie hatte im Krieg bereits vier Söhne verloren, als der letzte bei einem Verkehrsunfall starb. Ihr selbst musste man damals ein Bein amputieren.

Während ich sie besuchte, saß sie im Rollstuhl, ließ den Rosen-kranz durch ihre Hände perlen und erzählte mir von ihrem Schicksal. Ich überlegte gerade, was ich dazu sagen konnte, als sie mir die Last einer Antwort abnahm und mit ruhiger Stimme meinte: 'Ach Pater: Gott allein weiß, warum all das so ist. Ich vertraue darauf, dass er es letzten Endes gut meint und alles zum Guten führt!' - Eine solche Frau hat erfahren, was es heißt, mit Gott verbunden zu sein, ganz einfach und direkt. Sie lebt eine konkrete Form von Mystik, die einen Menschen trägt.“

Pfingsten als mystische Erfahrung

In katholischen und evangelischen Kirchen feiert man heute Pfingsten. Das Fest erinnert an ein geheimnisvolles Ereignis, von dem die Bibel berichtet. Nach dem Tod und der Auferstehung Jesu, so heißt es, waren seine Freunde und Jünger zutiefst verunsichert und wussten nicht, wie es weitergehen sollte.

Da fühlten sie plötzlich den Beistand einer göttlichen Kraft. Dieser Heilige Geist gab ihnen den Mut, die Botschaft Jesu fortan in die Welt zu tragen. In diesem Sinn kann man wohl jedes mystische Erlebnis auch als Pfingst-Erfahrung verstehen: Als Moment, in dem ein Menschen inmitten aller Sorge und Ängste Gottes Geist spürt und er-kennt, dass er die Herausforderungen seines Lebens nicht allein bewältigen muss. 

Nach einer Buchpräsentation in Rom kamen jedenfalls auf Abt Notker und mich einige Gäste zu und berichteten zu unserer Freude: Sie hätten aufgrund der Schilderungen in unserem Buch nach mystischen Erfahrungen in ihrem eigenen Leben gesucht und erstaunt festgestellt:

„Ja, es gibt solche Momente, in denen man fühlt: Gott ist einfach da!“  

Der Geist Gottes
strömt durch uns hindurch.
Du kannst ihn nicht festhalten,
aber du kannst zum Gefäß werden.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Arvo Pärt – Magnificat

Djovan Gasparyan – Menag Jamport Em

Tosha Suiho - Hieizan Myooudo

Arvo Pärt – Magnificat


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Dieser Beitrag wurde am 05.06.2022 gesendet.


Über die Autorin Corinna Mühlstedt

Dr. Corinna Mühlstedt ist Theologin, Autorin und ARD-Korrespondentin. Corinna Mühlstedt lebt in Freising und in Rom.

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