Morgenandacht, 03.06.2022

Martin Korden, Bonn

Raus aus der Corona-Höhle!

Es scheint so, als verschwinde Corona in diesen Tagen Schritt für Schritt aus unserem Alltag. Immer häufiger sieht man Menschen, die auch in Innenräumen auf die Maske verzichten.

Die aktuelle Inzidenz ist schon lange nicht mehr Nachrichtenthema und es scheint, als würden die anstehenden Sommerfeste zum ersten Mal seit drei Jahren wieder stattfinden. Gut so, das Leben muss ja irgendwann wieder normal weiter gehen.

Doch ich habe den Eindruck, dass es mit der neuen gefühlten Freiheit nicht so recht klappen mag. Es scheint, als hätten viele sich arrangiert mit der Praxis der Zurückgezogenheit und Selbstbeschränkung.

In den Meetings, die wieder in Präsenz stattfinden, lässt man automatisch einen Platz frei zwischen sich und dem Nachbarn und wenn im Aufzug schon zwei Leute stehen, nimmt man lieber den nächsten. Ich befürchte, dass der Händedruck, den ich immer als Zeichen des Respekts und des zupackenden Aufeinander-Zugehens empfunden habe, für immer ausgestorben ist.

Auch wenn die Angst vor einer Ansteckung mit Corona wohl deutlich gesunken sein dürfte, die letzten beiden Jahre wirken noch nach. Sie haben zutage gefördert, was der ein oder die andere vergessen oder verdrängt hatte: Dass der Mensch verwundbar ist, zumindest verwundbarer als vielleicht gedacht.

Wer darüber erschreckt, zieht sich zurück, baut einen Panzer um sich. Es scheint, als zögere man damit, die Corona-Höhle der letzten beiden Jahre nun wieder zu verlassen. Wer weiß, wie lange es diesmal hält, wer weiß, was als nächstes kommt.

Und das kann ja auch aus purer Selbstlosigkeit passieren, um andere nicht zu gefährden, bleibe ich lieber auf Distanz. Doch: Wer so lebt, lebt am Leben vorbei und verhindert Leben.

In der christlichen Mystik wird seit jeher vom Wert der Verletzlichkeit oder Verwundbarkeit des Menschen gesprochen. Sie erst lässt wirkliches Leben entstehen – auch wenn sie das Risiko beinhaltet, tatsächlich verwundet zu werden. Eine Metapher dafür ist die Geburt.

Kein Mensch wird geboren, ohne dass andere Menschen sich dabei selbst verwundbar machen. Das Leben geht nur da weiter, wo andere bereit sind, ihre eigene Verwundbarkeit zu riskieren.

Im Christentum ist das Leben des Jesus von Nazareth das Zeichen dafür. In ihm, so glauben Christen, ist Gott selbst Mensch geworden. In seiner Geburt arm und schutzlos im Stall, macht er sich selbst verletzlich. Sein Hinabbeugen führt ihn letztlich ans Kreuz – in den Wunden Jesu erkennen Christen Gottes Hingabe und Liebe zum Menschen.  

Die eigene Verletzlichkeit zuzulassen ist letztlich Ausdruck von Liebe. Wer wirklich lieben will, ist irgendwann gezwungen, sich selbst und sein Schutzbedürfnis loszulassen. Nur wer sich gibt, kann die ganze Kraft der Liebe leben und erleben – dabei jedoch immer in der Gefahr verletzt zu werden, je mehr man den eigenen Schutzmantel ablegt. Es scheint als liege ein Geheimnis in der Verwundbarkeit – sie erst macht den Mensch zum Menschen.

Der Mensch ist verwundbar – das ist während der Coronaphase nochmal mehr als deutlich geworden. Es war wichtig, sich zur Eindämmung der Gefahr für eine Zeit zurückzuziehen.

Doch die Vorstellung, eine äußere Krankheit genauso wie eine innere Verletzung grundsätzlich vermeiden zu können, ist nicht nur ein Irrtum, ich glaube, sie führt auch zur Vermeidung wirklichen Lebens.

Es gibt keine letzte Sicherheit. Das kann Angst machen. Und diese Angst kann mächtig werden, wenn sie das Handeln beherrscht. Zum Leben aber gehört der Mut, sich hinauszuwagen und dabei sich berühren zu lassen – in jeder Hinsicht.


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Dieser Beitrag wurde am 03.06.2022 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Eine erste Hörfunkausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie. Es folgte das journalistische Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit und eine langjährige Tätigkeit für DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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