Morgenandacht, 02.06.2022

Martin Korden, Bonn

Die Nonnenstudie

In einer Zeitung las ich kürzlich von einer Studie, die für den Kampf gegen Demenz und Alzheimer bahnbrechend geworden ist. Sie ging als „Nonnenstudie“ in die Wissenschaftsgeschichte ein.

In den USA hatte ein Nonnenkonvent von knapp 700 Ordensschwestern an dieser Langzeitstudie teilgenommen. Man wollte herausfinden, was dran sei an der Beobachtung, dass Menschen im Kloster oft nicht nur sehr alt würden, sondern dabei auch geistig auffällig fit blieben.

Bis dahin galt in der Alzheimer Forschung das, was der Entdecker und Namensgeber Anfang des 20. Jahrhunderts herausgefunden hatte, dass Ablagerungen an der Gehirnrinde der Auslöser für Alzheimer sind. Bei der Nonnenstudie ging man also davon aus, dass Nonnen, die in geistig fittem Zustand gestorben waren, diese Ablagerungen nicht aufweisen würden.

Doch dann kam die Überraschung: Bei einem großen Teil der verstorbenen Ordensschwestern entdeckte man die besagten Eiweiß-Ablagerungen in großem Ausmaß. Doch zu Lebzeiten hatte kaum einer dieser Frauen Anzeichen für eine Demenz gezeigt. Obwohl sie alle Bedingungen aufwiesen, waren sie dem Ausbruch der Demenz irgendwie entflohen.

Die Forscher schlossen daraus, dass der Kipppunkt, an dem die Ablagerungen zu einer Schädigung führen, verschoben werden könne. Doch wie kann das gelingen? Etwa in dem man so lebt, wie in einem Kloster? Die Antwort lautet: Ja.   

Doch wer jetzt an Ruhe und Zurückgezogenheit denkt, ist auf dem Holzweg. Es geht vielmehr um Aktivität. Und das kontinuierlich, auch im Alter. Aber in allem gilt: das rechte Maß. Es darf nicht in Stress ausarten.

Im Kloster ist es üblich, bis ins hohe Alter geistigen und körperlichen Tätigkeiten nachzugehen. Das hält, wie wir nun wissen, die Großhirnrinde auf Hochtouren. Und das im Kloster so wichtige Singen, etwa beim täglichen Stundengebet, sorgt dafür, dass sämtliche Hirnareale interagieren.

Fast alle Orden beziehen sich bis heute auf die Klosterregel des Heiligen Benedikt von Nursia. Verfasst im 6. Jahrhundert. Sie regelt den Tagesablauf im Kloster, darin gibt es Gebote, von denen die Forscher heute sagen würden: So geht Alzheimer-Prävention. Da heißt es:

„Müßiggang ist der Seele Feind. Deshalb soll man zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Stunden mit heiliger Lesung beschäftigt sein. Ist einer aber nachlässig und nicht mehr willens zu lernen, so trage man ihm eine passende Tätigkeit auf. Meidet das Zuviel und das Zuwenig. Dem Gebet aber soll nichts vorgezogen werden.“
(vgl. Regula Benedicti [RB] 48)

Was würde der Heilige Benedikt also heute zur Nonnen-Studie sagen? Vermutlich, dass es für diese Ergebnisse keine Studie gebraucht hätte. Seine Grundhaltung lautete: Schweige und höre. So, hätte er wohl gesagt, kommst du von selbst zu der Erkenntnis, wie Gott diese Welt und dich darin gedacht hat. Nutze also die Fähigkeiten, die dir dein Schöpfer gegeben hat.  

Für Benedikt war das eine ganz rationale Sicht auf die Welt.

Die wissenschaftliche Betrachtung geht heute von anderen Maßstäben aus – und doch kommt sie nicht selten zu ganz ähnlichen Ergebnissen.


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Dieser Beitrag wurde am 02.06.2022 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Eine erste Hörfunkausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie. Es folgte das journalistische Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit und eine langjährige Tätigkeit für DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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