Morgenandacht, 01.06.2022

Martin Korden, Bonn

Zur Abtreibungsdebatte

In diesen Tagen kocht sie wieder hoch, die Debatte um Abtreibungen, sei es durch die Entwicklungen in Amerika oder durch die geplante Abschaffung des Paragraphen 219a in Deutschland.

Mich beschäftigt dieses Thema schon seit fast fünfundzwanzig Jahren. Ich erinnere mich noch gut an die Debatten in meiner Schulzeit. Auslöser war damals die Entscheidung des Papstes, die Katholische Kirche dürfe nicht mehr am staatlichen System der Schwangerenkonfliktberatung teilnehmen.

Schon damals war die oft prekäre Situation ungewollt Schwangerer und das Recht der Frau auf Ihren Körper ein wichtiges Argument, heute meist zusammengefasst unter dem Begriff der reproduktiven Selbstbestimmung.

Zu meiner Schulzeit Ende der 90er Jahre stand aber noch ein weiterer Aspekt in der Mitte der Debatte, der nach meinem Empfinden heute in den Hintergrund geraten ist. Ich meine die Frage nach dem ungeborenen Leben selbst.

In der Schule machten wir uns damals schlau über die Entwicklungsstadien des Embryos, wir studierten die philosophische Frage des Person-Seins: Ab wann ist ein Mensch ein Mensch? Wir nahmen die so genannten SKIP-Argumente zum Schutz des Embryos unter die Lupe.

Mich überzeugte vor allem das Kontinuitätsargument, auch weil mich die biologische darin Dimension faszinierte. Es betont, dass nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle nichts mehr in der Entwicklung des Menschen hinzukommt oder irgendeine Art Umwandlung geschieht. Alles was den Menschen ausmacht, ist bereits in diesem Moment grundgelegt.

Ein Arzt erklärte damals: Die befruchtete Eizelle entwickelt sich nicht zum Menschen, sondern kontinuierlich als Mensch. Daran muss ich denken, wenn ich heute von neuen Wortschöpfungen höre, die das Leben im Mutterleib umschreiben sollen. Als etwa gefordert wurde, fortan von Schwangerschaftsgewebe zu sprechen und nicht mehr vom Embryo oder vom ungeborenen Leben.

Wir informierten uns als Schüler damals auch über die Abtreibung selbst, welche Varianten gibt es und was passiert da genau. Damals wie heute war und ist es ein leichtes, an diese Informationen zu kommen. Zum Beispiel über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – auch im Internet heute für jeden abrufbar.

Während ich diesen Text hier formuliere, bemerke ich selbst, wie ich mit jedem Satz aufgewühlter werde – weil ich an einem heiklen Thema rühre. Das als Mann, der die Situation der Frau nie in ganzem Maße einschätzen kann. Noch dazu als Vertreter der katholischen Kirche, die das Recht auf jeden Kommentar in moralischen Fragen verspielt haben dürfte.

Auf keinen Fall will ich hier den moralischen Zeigefinger erheben. Es geht nicht darum, die Vertreter der jeweils anderen Position zu brandmarken. Es geht darum, in der Debatte alle Positionen zu hören und zuzulassen, ohne dass sie als schwer sündhaft auf der einen oder ewig gestrig auf der anderen Seite abgekanzelt werden. Für die Debatte nützt das nicht.

Unsere Verfassung betont in ihrem ersten Paragraphen die Würde des Menschen. Das ist auch eine zutiefst christliche Position. Das bedeutet, dass immer die Notlage der Schwangeren sensibel angesehen und begleitet werden muss. Es bedeutet genauso, anzuerkennen, dass bei der Frage nach der Abtreibung immer zwei Leben existentiell betroffen sind.

Bemühungen, diesen Fakt auszublenden, werden der gebotenen Aufrichtigkeit der Debatte nicht gerecht. Und es bedeutet nicht zuletzt, dass die Würde derjenigen geachtet werden muss, die sich in dieser Debatte zu Wort melden – egal mit welcher Position.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 01.06.2022 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Eine erste Hörfunkausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie. Es folgte das journalistische Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit und eine langjährige Tätigkeit für DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche