Wort zum Tage, 28.05.2022

Schwester Aurelia Spendel, Augsburg

Zuhause sein

Wohnen ist ein Menschenrecht. So legt es Artikel 11 des sog. UN-Sozialpaktes fest. 1966 war das ein Meilenstein in der Entwicklung der sozialen Menschenrechte.

Wie schwierig es ist, dieses Recht durchzusetzen, ist Tag für Tag konkret vor unserer eigenen Haustür zu erfahren. Obdachlosigkeit, Mangel an bezahlbarem Wohnraum – die Liste ist lang, die hinter die Umsetzung des Menschenrechtes auf Wohnen ein Fragezeichen setzt.

So weltlich dieses Recht zu sein scheint, so tief ist es in religiösen Traditionen verankert. Häufig spricht die hebräische Bibel davon, dass Gott bei den Menschen wohnt.

Allerdings scheint auch er nicht immer einen angemessenen Wohnraum gehabt zu haben. Zu manchen Zeiten war in Israel der Palast des Königs prächtiger ausgestattet als der Wohnort Gottes.

Vielleicht überraschend für den einen oder die andere, gibt es im auch im Leben Jesu die Erfahrung von Wohnungsnot.

„Die Füchse haben Höhlen“,

sagt Jesus.

„Und die Vögel haben Nester. Ich habe keinen Ort, wo ich mein Haupt hinlegen kann, wo ich zuhause bin.“

(Mt 8,20)

Im Evangelium des Johannes gibt Jesus auf die Frage zweier Männer, wo er wohnt, keine konkrete Antwort. Die Männer möchten ihm folgen, leben wie er. Ihre Frage zielt auf Jesu Lebensstil, der etwas darüber aussagt, was ihm zutiefst wichtig ist.

Wie ist er eingerichtet – materiell, sozial, spirituell? Wen hat er als MitbewohnerInnen, mit denen er sein Leben teilt? Fragen, die wir uns ebenfalls stellen, wenn wir einen Menschen näher kennenlernen möchten.

Eine Adresse als Antwort ist zu wenig. Denn so wie der Leib braucht auch die Seele ein Dach über dem Kopf, wenn sie nicht im Regen stehen soll. Auch sie hat ein Recht auf Wohnen. Die Ausstattung der inneren Welt zeigt an, welches Zuhause wir den Kräften und Erfahrungen der Seele einrichten.

Der eine möchte der Sehnsucht nach Anerkennung, die in ihm umherirrt, einen sicheren Platz einräumen, an dem sie zu ihrem tiefsten Grund findet. Die andere sucht einen Ruheort für eine Schuld, die nicht weiß, wo sie zur Besinnung kommen kann. Eine zerbrochene Liebe, ein unerfüllbarer Wunsch, eine tiefe Trauer brauchen ein beschützendes Zuhause, das ihnen Raum zum Atmen schenkt.

Zuhause-Sein ist etwas anderes als eine Adresse. Zuhause-Sein heißt: alles, was mich ausmacht, Leib und Seele, Geschichte und Zukunft, hat einen Platz mitten im Leben – erst recht in diesen unruhigen Zeiten.


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Dieser Beitrag wurde am 28.05.2022 gesendet.


Über die Autorin Sr. Aurelia Spendel OP

Sr. Aurelia Spendel OP, Dr. theol., wurde 1951 geboren. Sie ist Dominikanerin und lebt in Augsburg.

Kontakt: 
aurelia.spendel@t-online.de  

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