Am Sonntagmorgen, 22.05.2022

von Elena Griepentrog, Berlin

Die christliche Idee der Wiedereingliederung neu entdeckt

Der Zweck der Strafe ist im deutschen Recht die Prävention: Einmal soll Strafe den Täter davon abhalten, weitere Taten zu begehen. Außerdem sollen andere potentielle Täter abgeschreckt werden. Manchmal kann das Mittel den Zweck aber auch verfehlen. Was dann?

© Matthew Ansley / Unsplash

Berlin, meine Stadt – und Hauptstadt der Kriminalität. Tagtäglich wird hier gemordet und getötet, vergewaltigt, eingebrochen, erpresst, betrogen, werden Kinder missbraucht. Kriminelle Clans breiten sich inzwischen bis in bürgerliche Viertel aus. Organisierte Kriminalität, mafiöse Strukturen, Wirtschaftskriminalität.

Diese Sendung stellt mir die Frage: „Hilfe statt Haft?“ – Ich gestehe: Ich habe damit ein Problem. Ich will, dass Täter gefasst und bestraft werden! Dass sie lange büßen müssen, für das, was sie ihren Mitmenschen und uns als ganzer Gesellschaft angetan haben. Schuld – und Sühne!

Auf der anderen Seite gibt es da ein Buch, das mich ins Nachdenken bringt. „Weggesperrt“ von Thomas Galli. Der Jurist hat 15 Jahre lang in leitender Position in Gefängnissen gearbeitet. Dann hat er hingeschmissen. Weil diese Art von Strafvollzug nichts bringt, wie er sagt. Das Gefängnis macht viele sogar gefährlicher! Das Konzept von Schuld und Sühne, es trägt nicht mehr, sagt Galli.

Was bringt Bestrafung?

Offiziell soll eine Haftstrafe hehren Zielen dienen: der Sicherheit der Gesellschaft. Der Bestrafung und der Resozialisation des Delinquenten. Es gibt Angebote, die ihm dabei helfen sollen. Anti-Gewalt-Training, Therapie, das Nachholen von Schulabschlüssen und Ausbildungen. Doch es reicht in der Menge einfach nicht.

Die Realität in Gefängnissen weist häufig eher ins Gegenteil von Resozialisation: umfassende Fremdbestimmung bis in kleinste Details, Gewalt, Machtkämpfe und das Recht des Stärkeren. Und sehr häufig Drogensucht, wie auch immer das möglich ist. Wie soll ein Mensch hier neu zu sich finden? Wie Verantwortung für sein Leben übernehmen?

Viel zu viele werden nach ihrer Haft wieder straffällig, sagt Thomas Galli

„Ich glaube, wir müssen die Strukturen so verändern, dass der Schwerpunkt der Reaktionen auf straffälliges Verhalten daraufgelegt wird, dass diejenigen, die eine Straftat verübt haben, möglichst den Schaden wiedergutmachen. (…) Jetzt haben wir die Schuld, und die wird allein dadurch in diesem strafrechtlichen Denken wieder gut gemacht, dass jemand jetzt selber ein Leid erträgt. Aber damit wird er ja seiner Verantwortung gegenüber konkret Geschädigten, gegenüber den Opfern und letztlich auch gegenüber der Allgemeinheit nicht gerecht.“

Hilfe statt Haft?

Persönliche Verantwortung übernehmen statt abstrakter Schuld laut Schuldspruch. Aktive und konkrete Wiedergutmachung statt stumpfes, passives Strafe-Absitzen. Und ein weit stärkerer Fokus auf das Opfer.

Natürlich seien nicht alle Straffälligen für diesen Ansatz erreichbar, einen gewissen Druck hält Galli dann durchaus für vertretbar. Keine Kuscheljustiz. Sondern harte Konfrontation mit jedem einzelnen.

„Gerade Menschen mit bestimmtem Hintergrund, die vielleicht sagen, die Haft ist ja sowieso hier in Deutschland nicht so schlimm wie jetzt in anderen Ländern, und das sitzen wir auf der linken Backe ab, gerade für die wäre es viel, viel anstrengender und herausfordernder, wenn man sie wirklich in die Verantwortung nimmt und sie zwingt, sich selber zu hinterfragen.“

Hilfe statt Haft. Bin ich überzeugt? Jedenfalls tut sich etwas. Was sagen andere dazu? Zum Beispiel Patrick Beirle, katholischer Seelsorger in der Haftanstalt Berlin-Moabit. Zu ihm kommen katholische und evangelische Häftlinge, aber auch Muslime und Konfessionslose.

Sie suchen meist keine ausdrücklich geistliche Begleitung, sondern vor allem einen Raum, wo sie frei reden können. Ohne Angst vor Statusverlust unter den Häftlingen oder einem Vermerk in der Akte. Für Seelsorger und Seelsorgerinnen gilt das Beichtgeheimnis.

„Zumindest zu mir und meinen Kolleginnen und Kollegen kommen Männer, die die Tat belastet, die sich mit den Folgen der Tat für das Opfer auseinandersetzen, ja, auch die sich die Frage stellen oder deutlich spüren: Wie kann ich mit dieser Schuld, die ich auf mich geladen habe, weiterleben?“

Aktive Versöhnung

Schuld – und Sühne? Mir kommt die katholische Beichte in den Sinn. Oft verrufen, ja. Aber eigentlich geht es doch genau um diese Entlastung. Ich lasse an mich herankommen, dass ich einen riesigen Fehler begangen habe.

Vertraue mich jemandem dabei an. Kann bereuen. Und werde dann sogar losgesprochen von dieser Schuld. Kann wieder atmen, aufrecht gehen. Ganz wichtig natürlich: Ich bemühe ich mich aktiv um Versöhnung und Wiedergutmachung! 

Schuld und Sühne. Der Gedanke, dies anders zu betrachten, ist gar nicht neu - hat der Theologe Hubertus Lutterbach kürzlich nachgewiesen, in der Fachzeitschrift „Herder-Korrespondenz“. Schon in der Spätantike wendet sich Bischof Ambrosius von Mailand gegen eine Vergeltungsstrafe für „Missetäter“. Sie bräuchten vielmehr eine ganz persönliche seelische Unterstützung.

Die Idee von der Barmherzigkeit

Der Kirchenlehrer Augustinus geht wenig später im 5. Jahrhundert noch weiter: Das Verbrechen als Krankheit, die den an sich guten Christenmenschen befällt. Der müsse also vor allem seine natürliche Nächstenliebe wieder neu lernen.

Die Idee eines humanen Umgangs mit menschlichem Versagen ist geboren, die „Barmherzigkeit“ – vor dem Christentum ein völlig unbekannter Gedanke in der Rechtsprechung.

Viel später, ab dem 16. Jahrhundert, entsteht aus dieser Idee die christliche Gefangenseelsorge. In England etwa entwickelt die Quäkerin Elisabeth Fry ein nachhaltiges Konzept für Seelsorge in Gefängnissen: Kapellen und Gottesdienste, Schulen für inhaftierte Kinder, Ausbildung für die Frauen.

In Deutschland lässt der Pastor und Sozialreformer Theodor Fliedner Bücher in die Gefängnisse schaffen, als Mittel zur Besserung. Frauenklöster nehmen straffällig gewordene Frauen auf, fast alle schaffen den Sprung zurück in ein geordnetes Leben.

Lange Haftstrafen: kontraproduktiv?

Warum sitzen Häftlinge heute ein? Rund die Hälfte wegen Eigentumsdelikten: Diebstahl, Unterschlagung, Betrug. 10-15% mit Ersatzfreiheitsstrafen: notorische Schwarzfahrer oder Kleindiebe, die ihre Geldstrafe nicht bezahlen können oder wollen. Nur eine kleine Minderheit sind Schwer-, noch weniger Schwerstverbrecher.

Kurze Freiheitsstrafen können durchaus helfen, sagt Seelsorger Patrick Beirle. Weil sie den Täter aus seinem Umfeld ziehen. Und seine Motivation, in sich zu gehen und seine Probleme zu bearbeiten, zu Beginn am größten ist.

Lange Freiheitsstrafen haben dagegen nicht mehr viel Nutzen, so Beirles Erfahrung. Viele verlieren dann auch noch den Kontakt zur Familie und damit zur Außenwelt.

„Meine Vorstellung davon ist es, dass die Männer früher gelockert werden, dass es zum Beispiel so wie es im alten Strafvollzugsgesetz, im Bundesgesetz, vorgesehen war, dass der Regelvollzug der Offene Vollzug ist, dass von dort aus die Menschen sich erproben können, von dort aus in die Arbeit gehen, von dort aus therapeutische Maßnahmen in Anspruch nehmen, weil da kann man konkret erproben, an welchem Punkt jemand steht. Oder auch während der Bewährungszeit eine intensive Betreuung.“

Und die Opfer?

Ja. Aber! – schreit es in mir: Wo bleiben die Opfer? Haben Sie nicht ein Recht darauf, dass der Täter hinter Gittern sitzt? Dass ihm die Zeit dort richtig weh tut? Ist seine Bestrafung nicht für ihre Heilung notwendig? Und hat nicht die ganze Gesellschaft ein Recht auf Sicherheit?

„Ich kann das sehr gut verstehen, dass es ein Sanktionsbedürfnis gibt, und es braucht auf jeden Fall auch Sanktionen. Aber ich denke, wir überschätzen die Wirkung von Strafe auch. Und ich sage mal, der beste Opferschutz ist, wenn die Männer dabei unterstützt werden, ihre Sucht, ihre Aggressionen, die Ursachen, die da zugrunde liegen, denen genau auf den Grund zu gehen und diese Probleme zu bewältigen. Also, ich finde, man kann da eigentlich kaum genug investieren.“ 

Was aber ist mit Mördern, Serien-Vergewaltigern, Menschenhändlern, notorischen Missbrauchstätern, Terroristen jeder Couleur. Schwerkriminelle mit langen Haftstrafen, teils in Sicherheitsverwahrung.

Für sie steht derzeit eine intensive Sozialtherapie auf dem Programm, häufig über Jahre. Die Erfolgsaussichten sind allerdings: ziemlich ernüchternd, sagt Thomas Galli.

„Was aber eben die Erkenntnis ist: Wir können Gefährlichkeit nicht wirklich wegtherapieren. Und wir können sie auch nicht prognostizieren. Das heißt, wie müssen aus meiner Sicht bei Menschen, die ganz besonders schlimme Dinge getan haben, schon die Sicherheit der Allgemeinheit in den Vordergrund stellen dürfen und sagen, wir müssen dir notfalls auch lebenslang die Freiheit entziehen, aber das sollte eben in einem humanen Kontext geschehen und nicht in einem kleinen Haftraum.“

Sie sollen abgeschieden und nach außen gesichert dauerhaft in einer Art Dorf oder auf einer Insel leben und dort auch arbeiten. Der Gewinn soll dann den Opfern von Straftaten zugutekommen. Für die große Mehrheit der Häftlinge dagegen empfiehlt Galli vor allem ein normales Umfeld und Arbeit, um den Schaden wieder gut machen zu können.

Täter-Opfer-Ausgleich

Flankiert von individueller Therapie und Sozialarbeit. Und von Ausbildung, denn zwei Drittel der Jugendstrafgefangenen hatten vor der Haft nicht mal einen Schulabschluss. Bei den Erwachsenen über die Hälfte keine Arbeit. Menschen mit einer Ersatzfreiheitsstrafe sollen, laut Galli, ihre Schulden abarbeiten, mit gemeinnütziger Arbeit.

Dazu schlägt Thomas Galli auch einen Täter-Opfer-Ausgleich vor. Das Gericht entscheidet über Schuld oder Unschuld. Aber ein Ausschuss aus Psychologen, Sozialarbeitern, Seelsorgern, Bürgern, dem Täter selbst und wenn es will auch dem Opfer legt gemeinsam die Art der Strafe fest, samt Wiedergutmachung.

Ich denke mir: Vielleicht kommt es dabei ja sogar zu einer Aussprache und Versöhnung zwischen Täter und Opfer. Etwas, das sicher für beiden Seiten heilsam wäre…

Die beste Maßnahme gegen Straftaten ist allerdings: ein genaues Hinsehen schon bei Kindern und Jugendlichen, sagt Thomas Galli.

„Wenn man eben wie ich viele Jahre lang im Strafvollzug tätig war, dann wird es offensichtlich, dass eben die weitüberwiegende Mehrheit der Inhaftierten aus bestimmten sozialen Milieus kommt. Und das sind eben sehr oft sehr prekäre Situationen, finanziell schwierig, alleinerziehende Mütter vielleicht oder auch Gewalt der Eltern gegenüber den Kindern spielt eine Rolle, Drogenkonsum und und und. Man muss eben sehen, wenn ich da wirklich langfristig das reduzieren will, dass Menschen, die aus solchen Milieus kommen, dann irgendwo die Schäden, die ihnen selber zugefügt wurden, dann auf destruktive Art und Weise an anderen auslassen, dann muss ich halt in diesen Milieus mehr staatliche Ressourcen investieren. Und das sind ganz einfache Dinge, letztlich, zum Beispiel Sozialarbeiterstellen an Schulen.“

Der Mensch ist mehr als seine Tat

Hilfe statt Haft – die antike christliche Idee einer Wiedereingliederung von Straftätern, sozusagen neu belebt. Kann das klappen? Ich bin ernsthaft ins Grübeln gekommen. Wie wäre es zumindest mit Hilfe und Haft, aber einer sinnvollen Haft! Jeder verdient eine zweite Chance im Leben, auch wenn es manchmal schwerfällt.

Sollte das Opfer dem Täter sogar verzeihen können, womöglich eine Zusatz-Motivation für den Täter, sich zu ändern! Mir hilft die Sicht von Seelsorger Patrick Beirle und seinen Kollegen und Kolleginnen.

„Mir ist ganz wichtig, dass ich den Menschen vorurteilsfrei sehe, als ganzen Menschen sehe, ihn nicht auf seine Tat reduziere, sondern eben den ganzen Menschen sehe mit all seinen Bedürfnissen, Fehlern und auch die Chance, dass wir jederzeit uns verändern können. Dass wir nicht auf unsere Tat festgenagelt werden, sondern, dass wir jederzeit umkehren können. Und wenn wir es ernst meinen, dass dies auch gelingen kann.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Philip Glass – Truman sleeps

Philip Glass – Escape

Philip Glass – Truman sleeps

Philip Glass – Escape


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Dieser Beitrag wurde am 22.05.2022 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

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