Feiertag, 15.05.2022

von Stefan Förner

„Tradition verpflichtet!“ Die Oberammergauer Passionsspiele nach der Corona-Zwangspause

Nachdem die Passiosspiele in Oberammergau wegen der Corona-Pandemie unterbrochen werden musste, gehen sie in diesem Jahr wieder los. Die Menschen in det Stadt in den Bayerischen Alpen haben lange darauf hingefierbert. In Oberammergau bestimmt der Rythmus der Spiele das Leben der Menschen.

© Andreas Praefcke CC BY-SA 3.0

 „Wir sind verloren“,

Die Stimmung war schlecht im März 2020, als Christian Stückl nach jahrelanger Vorbereitung dann doch die Passionsspiele Oberammergau absagen musste, nur etwa zwei Monate vor der geplanten Premiere.

Steigende Inzidenzen und die nötigen Corona-Maßnahmen machten es unmöglich, den Termin zu halten. Wobei: „absagen“ gibt’s nicht, bzw. nur sehr ungern in Oberammergau, das war sehr schnell klar.

Und so wurden die Passionsspiele lediglich verschoben, gestern war es dann endlich soweit: Vor 4.500 Zuschauern im ausverkauften Passionstheater begann die sehnsüchtig erwartete Ouvertüre zur Premierenaufführung.

„Da hinten, wo der Jesus hängt“,

auch wenn der kleine Ort übersichtlich ist und das Passionstheater das mit Abstand größte Gebäude, diese Angabe ist für eine Orientierung in Oberammergau bei weitem nicht hinreichend; gerade dann nicht, wenn die Passionsspiele begonnen haben.

Deren Motiv – ein schlichter geschnitzter Corpus ohne Kreuzesbalken – beherrscht Schaufenster, Kartenbüro und Passionstheater, steht aber in Konkurrenz zu ungezählten anderen Kruzifixen, also Kreuzen, an denen Jesus als der Gekreuzigte hängt: Monumental aus Kelheimer Marmor, gestiftet von König Ludwig II., oberhalb des 5000-Einwohner-Dorfs; am Wegesrand auf Wiesen; an vielen Hauswänden und in den vielen Holzschnitzereien, die über den ganzen Ort verteilt sind.

Wie die Spiele nach Oberammergau kamen

Seit mehr als 500 Jahren wird in Oberammergau geschnitzt, den Ruf der Oberammergauer „Herrgott-Schnitzer“ haben sie – zunächst nur in die europäische Nachbarschaft – und dann in die ganze Welt getragen.

Vorbei an zahlreichen Gasthöfen, Fremdenzimmern und Hotels, die bis in den Oktober schon weitgehend ausgebucht sind, muss der Pilgerweg zu den Oberammergauer Passionsspielen zuerst in die Oberammergauer Pfarrkirche mitten auf dem Friedhof führen.

Vor dem „Gelübdekreuz“ am rechten Seitenaltar sollen die Oberammergauer im Jahr 1634 gelobt haben, das „Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus aufzuführen, wenn die Pest ihren Ort künftig verschonen sollte.

Noch bis ins Jahr 1633 sah es gut aus in dem kleinen Dorf, versteckt zwischen den Bergen schien die Pest an Oberammergau vorbeizuziehen, bis dann doch ein Tagelöhner aus Sehnsucht nach seiner Familie die Pestwachen umging und die Pest nach Oberammergau brachte.

Nach Kaspar Schisler ist zwar sogar eine Gasse benannt, doch historisch nachgewiesen ist seine Existenz nicht. Aber ohne ihn oder einen anderen „Patient Null“ gäbe es keine Passionsspiele. Denn anders wussten sich die frommen Oberammergauer nicht zu helfen, von Quarantäne und FFP2-Masken, von Viren, Desinfektion und Quarantäne wusste man damals noch viel zu wenig.

Das Gelübde, alle zehn Jahre Passionsspiele aufzuführen, legten in dieser Zeit viele Orte ab und offenbar hat es seine Wirkung gezeigt. An vielen Orten wurden aus Dankbarkeit Passionsspiele aufgeführt.

© Joseph Albert - zeno.org, Privatsammlung, Aachen, Gemeinfrei

Ein Blick in die Pfarrmatrikel aus dieser Zeit – ein Faksimile liegt direkt neben dem „Gelübdekreuz“ in der Pfarrkirche – bestätigt den Eindruck. Fast zeitgleich mit dem Gelübde ging die Zahl der Todesfälle deutlich zurück, laut Überlieferung starb danach keiner mehr in Oberammergau an der Pest. Rings umher dagegen starben die Passionsspiele nach und nach aus, im Pfaffenwinkel, wie die von Klöstern förmlich übersäte Gegend auch heißt.

Zurück ins Jahr 1633

In Oberammergau dagegen lassen sich bis heute alle zehn Jahre die Männer Bärte wachsen, diskutiert jede Familie, wer sich um welche Rolle bewirbt, wird darum gestritten, wer mitspielen darf und wie teuer die Kulissen und Gewänder werden dürfen. Alle zehn Jahre wird das Gelübde feierlich erneuert und so gut wie jeder zweite ist in irgendeiner Weise mit dabei. 

Einen Vorhang für die beeindruckende und durchweg in betongrau gehaltene Bühne gibt es nicht. In voller Breite wurde sie als Tempelanlage von Jerusalem konzipiert, durch das Aufziehen von zeltartigen Wänden wird daraus der Abendmahlssaal, ansonsten entstehen fast ausschließlich durch die Choreographie die Gassen Jerusalems, der Amtssitz des Pilatus, der hohe Rat oder die Kreuzigungsstätte.

Doch zu Beginn versammelt sich der Chor um ein Kreuz und beginnt also im Jahr 1633, dem Ort und Zeitpunkt des ersten Gelübdes. Die Chorsängerinnen und -sänger tragen in diesem Jahr erstmals einfache schwarze Kleider und Anzüge statt der früher eher liturgisch wirkenden Gewänder. Damit stehen sie für die Gemeinde und stellen sich – und damit stellvertretend ganz Oberammergau – in die Tradition, die seit Jahrhunderten den Ort prägt.

Den Chor stellvertretend für die Gemeinde zu setzen, erinnert in der Geste und auch in den Texten an die Choräle der Bachpassionen. Auch dort übernimmt der Chor die kommentierende, klagende, trauernde Rolle der zum Gottesdienst am Karfreitag versammelten Gemeinde. Musikalisch klingt es weniger nach Bach, man meint man eher Anleihen bei den Oratorien Mendelssohns zu vernehmen.

Hinzu kommen auch einzelne Chöre – darin auch ganz den Bachschen Passionen ähnlich – in denen sie die Handlung voranbringen und in diesem Fall den ersten Auftritt Jesu, seinen triumphalen Einzug in Jerusalem begleiten. Das „Heil Dir!“ darf als so etwas wie die inoffizielle Hymne des Ortes bezeichnet werden; es wird den Oberammergauern gewissermaßen schon an der Wiege gesungen und begleitet sie ihr gesamtes Leben hindurch.

Keine Laien am Werk

„Rabbi“, wenn die Jünger auf der Bühne Jesus „Rabbi“ rufen oder lautstark die Herausgabe des Barrabas fordern mit diesem unüberhörbar donnernd-rollenden „R“, dann kommt mir das sehr entgegen. Oder wenn die Soldaten Jesus als „Könik“ statt als „Könich“ verspotten, so wie es eigentlich korrekt „Der kleine Hey“ vorgibt, nach wie vor das Standardwerk über die Kunst des Sprechens, dann kommt man dem Wesenskern dieser Passionsspiele schon recht nahe.

Christoph Stückl, der gleichfalls seine Herkunft sprachlich nicht versteckt, Intendant, Passionsspielleiter und Regisseur der Passionsspiele, ist stolz darauf, dass es allesamt Laien sind, die an den Spielen beteiligt sind. Wobei es „Laien“ nicht wirklich trifft.

© Henning Schlottmann (User:H-stt) - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Ich spreche lieber von Amateuren im ursprünglichen Sinn des Wortes. Denn der Amateur liebt das, was er macht, und das trifft für wenigstens den halben Ort zu: Mit allein 1.800 Darstellern wirkt der halbe Ort auf der Bühne mit, weitere Positionen sind hinter der Bühne, beim Kartenabreißen, im Chor oder im Orchester zu vergeben, andere sind im Hotel- und Gaststättengewerbe zumindest indirekt betroffen.

Die Auswirkungen des Passionsspiels gehen aber weiter: Wenn das Kind ein Instrument lernt, dann nach Möglichkeit das, für das Bedarf im Orchester besteht, wer kann, legt seine Hochzeit auch nicht in die Passionsspiel-Saison und wer eine Hauptrolle anstrebt, sollte rechtzeitig ein Freisemester beantragen.

Peter Stückl, der Vater des Passionsspielleiters beispielsweise, war 1950 als Kind beim Volk dabei, hat 1960 als Bass im Chor seine Frau kennengelernt, 1970 die Rolle des Nathanael von seinem Opa übernommen und spielt in diesem Jahr den Annas.

Leben im Rythmus der Spiele

Aber auch für den 18-jährigen Sebastian Schulte sind es schon seine zweiten Spiele, in diesem Jahr als Kaiphasdiener. Und das kleine Mädchen, das in diesem Jahr zur Fußwaschung das Handtuch und zum Abendmahl das Feuer zum Anzünden der Menora auf die Bühne bringen darf, wird das sein Leben lang nicht vergessen. 

Der Rhythmus der Passionsspiele gibt den Takt für die Lebensplanung vor. Nur in einem sind sie noch streng, „Zugroaste“, also Zugezogene, müssen sich das Spielrecht 20 Jahre lang erst verdienen. Eine Regel, die erst in der Nachkriegszeit und nach dem Zuzug der vielen Flüchtlinge erdacht wurde, niemand wollte sich vorstellen, so viele Personen auf die Bühne bringen zu müssen.

Und so fühlt man sich in Oberammergau erinnert an die „gute stehende Schaubühne“, besser bekannt als „moralische Anstalt“, nach deren Wirkung schon Friedrich Schiller im 18. Jahrhundert fragte.

„Es ist nicht Übertreibung, wenn man behauptet, daß diese auf der Schaubühne aufgestellten Gemälde mit der Moral des gemeinen Manns endlich in eins zusammenfließen, und in einzelnen Fällen seine Empfindung bestimmen. Diese Eindrücke sind unauslöschlich, und bei der leisesten Berührung steht das ganze abschröckende Kunstgemälde im Herzen des Menschen wie aus dem Grabe auf. So gewiß sichtbare Darstellung mächtiger wirkt als toter Buchstabe und kalte Erzählung, so gewiß wirkt die Schaubühne tiefer und dauernder als Moral und Gesetze.“

Schillers Thesen, mit denen er für das Theater wirbt, passen bestens auf die Passionsspiele. Denn wenn die Oberammergauer nicht Theater spielen, wird der ganze Ort zur „moralischen Anstalt“, zur Bühne, auf der diskutiert und gestritten wird über Tradition und Veränderung und über die Frage, wie man das uralte Gelübde noch heute nach Corona und mitten im Ukrainekrieg zeitgemäß erfüllen kann.

Frauen dürfen erst seit 1990 mitspielen

Dabei gilt es noch nicht allzu lange, dass wirklich ganz Oberammergau dabei sein darf.

Denn die Oberammergauerinnen mussten sich ihr uneingeschränktes Spielrecht erst bis hoch zum bayerischen Verwaltungsgerichtshof erstreiten, wo schließlich Artikel 3 des Grundgesetzes Anwendung fand gegen eine gern behauptete Tradition. Seit Februar 1990 dürfen auch generell und ohne Altersbeschränkung Frauen mitspielen.

Bis zu den Spielen damals im Mai 1990 wurden noch kurzerhand vierhundert weitere Kostüme genäht und – wenn auch kleine Rollen – hinzugeschrieben. Nach und nach durften in den Folgejahren auch evangelische, ausgetretene, ungetaufte und muslimische Oberammergauer mitspielen.

Alle Fragen rund um das Passionsspiel werden in Oberammergau grundsätzlich in großer Runde ausdiskutiert. Da kommt es zu Verletzungen, zu Kampfabstimmungen, Bürgerbegehren und Klagen, aber am Ende käme keiner auf die Idee, das Passionsspiel aufzugeben. Denn Oberammergau, das sind die Passionsspiele, auch für die, die nicht mehr mitmachen.

Wenn Christoph Stückl von einem „sozialen Event für den ganzen Ort“ spricht, greift das vermutlich zu kurz, die Passionsspiele sind der Ort, sie machen den Ort wesentlich aus! Die Kontinuität ist größer als die jeweils zehnjährige Pause, deren Verlängerung Corona erzwungen hatte.

Weniger vom Leiden, mehr vom Leben Jesu

Auch wenn sich in Oberammergau keiner mehr persönlich erinnern kann, der Schreck über Corona war vielleicht doch noch ein wenig größer in dem kleinen Dorf als andernorts. Denn genau 100 Jahre früher, 1920, mussten die Spiele schon einmal verschoben werden.

Damals wegen der Folgen der Spanischen Grippe und wegen der Vielen, die nicht aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt waren. Und trotzdem – oder vielleicht genau deswegen? – sind die Passionsspiele heute in der aktuellen Inszenierung so wenig „Leiden und Sterben“ und so viel Leben Jesu wie nur irgend möglich.

Die erste Hälfte des insgesamt fünfstündigen Spiels packt so viel von der eigentlichen Botschaft Jesu wie möglich in die Stunden zwischen dem Einzug in Jerusalem und dem letzten Abendmahl. Jesus-Zitate, Bildreden und Teile der Bergpredigt – auch wenn man noch so bibelfest ist, es wird schwerfallen, alle Zitate richtig einzuordnen.

Beeindruckend ist, wenn Jesus vor der Verhaftung am Bach Kidron ganz allein wacht und betet: Hier greift das Drehbuch auf Gebete aus dem „Gebetbuch Jesu“, aus seiner jüdischen Bibel, insbesondere dem Psalter zurück. Und aus demselben Gebetbuch bekommt Jesus – anders als im biblischen Bericht – von einem Engel tatsächlich Antwort in seiner Todesangst, ein Engel antwortet mit Trostworten auf Jesu Ängste und Sorgen.

Bei alledem ist eine gewisse Vorkenntnis der Ereignisse von Palmsonntag bis Ostersonntag nicht abträglich, gerade um die „Lebenden Bilder“ aus dem Alten Testament erkennen zu können. Es handelt sich dabei um aufwendige und farblich herausstechende Kompositionen von beeindruckenden Objekten wie einer knallroten Schlange aus dem Paradies oder einem goldenen Kalb, in die Menschen in Kostümen wie Engelsflügeln oder Pharaonenkleidung unbeweglich hineingesetzt werden.

Sie machen traditionell einen großen Teil der Inszenierung aus und stellen die Passion in den größeren heilgeschichtlichen Zusammenhang und spannen den Bogen bis zu Adam und Eva.

Vor dem letzten Abendmahl – Tisch, Stühle und die Menora stehen bereits auf der Bühne – singt der ganze Chor das Sch’ma Israel, das jüdische Glaubensbekenntnis,

„Höre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Und diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.“

Es gibt eine politische Botschaft

Das Sch’ma Israel ist die wichtigste Ergänzung in der alt-ehrwürdigen Partitur der Passionsspiele und das unüberhörbare Statement gegen den Antijudaismus, wie er sich früher auch im Text der Passionsspiele wiederfand. Es ist auch auf der Bühne gesungenes Gebet und Positionierung gegen die alten Klischees und Vorwürfe gegen die Juden als „Brunnenvergifter“ – damit wurde ihnen schon zu Pestzeiten die Schuld an der Ausbreitung der Seuche gegeben.

Erste Anstrengungen, die antijudaistischen Passagen zu tilgen, gehen zurück bis in die frühe Nachkriegszeit, aber erst Christian Stückl hat damit ernst gemacht. Und er geht noch weiter: Zu Beginn der Probenphase fährt er mit allen Hauptdarstellern ins Heilige Land, um die Geschichte Jesu und seiner Jünger als eine jüdische Geschichte zu erzählen und zu verstehen.

Das Ergebnis sieht und hört man: Neben dem Sch’ma Israel werden auch die Gebete über Brot und Wein hebräisch gebetet, die Menora – der siebenarmige jüdische Leuchter – wird zum letzten Abendmahl erleuchtet.

Beeindruckend ist auch die theologische Sorgfalt und dramaturgische Präzision, mit der in den Passionsspielen der Prozess und die Verurteilung Jesu im zweiten Teil nachvollziehbar werden. Fast zwei Stunden nimmt sich das Passionsspiel dafür Zeit. Es gelingt, aus dem Stück heraus zu verstehen, wie aus dem Hosianna vom Palmsonntag ein „Kreuzige ihn!“, ein „er muss sterben“ am Karfreitag wurde.

Ausführlich wird die Situation der römischen Besatzung geschildert, die drohenden Unruhen und die Erpressbarkeit des Hohepriesters durch Pilatus. Ein zynischer König Herodes spitzt den Konflikt zu. Und als Pilatus den schon gefolterten Jesus freilassen will, organisiert Kaiphas die „Mehrheit auf der Straße“.

Und wenn dann eine aufgewiegelte Menge den Tod Jesu beeindruckend lautstark auf der Bühne fordert, fühlen sich nicht nur Nikodemus und Joseph von Arimathäa als Mitglieder des Hohen Rates nicht mehr wohl in ihrer Haut.

„Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das Leben!“,

rufen sie noch aus – aber vergebens. Dass Jesus selbst in der zweiten Hälfte – mit Ausnahme der bekannten wenigen Zitate – schweigt, ist eine weitere Stärke der Inszenierung.

Die Rolle des Judas ist beliebt

Für ein wenig Aufsehen sorgte es, dass ausgerechnet die Rolle des Judas mit einem Oberammergauer Moslem besetzt wurde, was man aber wohl nur außerhalb des Ortes erklären muss. Denn die Rolle ist seit jeher eine der beliebtesten. Und auch in diesem Jahr beeindruckt die Darstellung des Judas.

Er kann seine ursprünglich gute Absicht durchaus plausibel machen, auch wenn er sich eingestehen muss, dass er das Anliegen Jesu falsch verstanden und seine eigene Ungeduld und Unzufriedenheit höher bewertet hat.

Und so kommt es mit der aus der Bibel bekannten Zwangsläufigkeit zur Kreuzigung, aus der Bühne wird – mit drei massigen Kreuzen – Golgotha, nur sparsam aber doch wirkungsvoll kommt Theaterblut zum Einsatz, es wird drastisch aber nicht kitschig, die Wirkung der Kreuzigungsgruppe ist in dem großen Passionstheater bis auf den letzten der rund 4.500 Plätze stark. Maria, Jesu Mutter, fasst Trauer und Klage in Worte.

Theaterstück oder Gottesdienst?

Die Auferstehung wird wiederum sehr nah an den biblischen Texten und aus der Perspektive der ersten Frauen am – leeren – Grab erzählt: Der Engel, der Jesus schon vor seiner Verhaftung Trost spendet, verkündet die Auferstehungsbotschaft, an einem kleinen Lagerfeuer sitzend, so wie Jesus, wenn er als Auferstandener seinen Jüngern begegnet.

Das letzte Wort der Passionsspiele hat – wie im Ostergottesdienst auch – der Chor mit dem österlichen Halleluja. Und so ist am Ende offen, ob man ein Theaterstück gesehen oder einen Gottesdienst mitgefeiert hat. Vermutlich gilt aber, was schon Friedrich Schiller über jedes gute Theater geschrieben hat:

„Der Unglückliche weint hier mit fremdem Kummer seinen eigenen aus – der Glückliche wird nüchtern, und der Sichere besorgt. Der empfindsame Weichling härtet sich zum Manne, der rohe Unmensch fängt hier zum erstenmal zu empfinden an.“

Der Weg nach Oberammergau lohnt sich, wenn man bereit ist, sich auf zwei Mal zweieinhalb Stunden in einem reichlich zugigen Theater einzulassen. Noch bis in den Oktober besteht die Möglichkeit selbst in dieses Universum einzutauchen.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 15.05.2022 gesendet.


Über den Autor Stefan Förner

Stefan Förner ist Diplom-Theologe und Pressesprecher des Erzbistums Berlin. Kontakt
Stefan.Foerner@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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