Gottesdienst am 5. Sonntag der Osterzeit

aus der Pfarrkirche St. Josef in St. Ingbert im Saarland

Predigt von Pfarrer Daniel Zamilski

Ich glaube nicht, dass Gott fertig ist. Ich glaube nicht, dass Gott die Welt an sieben Tagen gemacht hat. Zack – abgeliefert, kreativer Prozess beendet. Ich verstehe auch nicht, warum ich das glauben sollte.

Weil er es kann, höre ich die sagen, denen Gott nicht allmächtig genug sein kann. Weil Gott groß ist, größer als alle anderen Götter (die es doch aber sowieso nicht gibt). Leute, die sich an Größe berauschen, langweilen mich.

Ich glaube nicht, dass Gott sich beweisen muss. Ich glaube, Gott ist Schöpfungskraft. Und weil Gott keinen Anfang und kein Ende hat, kann die Schöpfung auch kein Ende haben.

Sie wächst und verändert sich. Lücken tun sich auf, Lücken schließen sich. Die Dinosaurier gingen, das Huhn kam. Die Evolution geht weiter. Hätte Gott eine statische Welt gewollt, hätte er sie besser aus Playmobil gebaut oder aus Stein. Hat er aber nicht.

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde – es war sehr gut, heißt es. Das ist schon lange vorbei.

Es ist ja nicht so, dass es nur ein Haar in der Suppe ist oder der Tisch wackelt, dass die Post zu lang braucht oder die Bahn zu spät kommt. 

Ein Erdbeben mit all den Toten. Ein Unfall, der zwei Kinder ohne Eltern hinterlässt. Eine Krankheit, die den besten Menschen der Welt sterben lässt. Warum?

Warum, Gott?

Ich will nicht immer der Verständnisvolle sein. Du redest nicht. Ich hab keine Ahnung, was in dir vorgeht. Ich hab keine Ahnung, ob du mich hörst, ob du überhaupt hören willst, weil alle irgendwie durcheinanderreden, weil alle irgendwas von dir wollen. Jedenfalls die, die noch nicht aufgegeben haben.

Und du schweigst. Zu Kriegen, Hungersnöten und durchgeknallten Möchtegern-Weltherrschern sagst du nichts.

Ich stand all die Jahre an deiner Seite. Ich habe dich verteidigt. Ich habe versucht dich zu erklären, dich und dein Schweigen, obwohl ich es selbst nicht verstehe. Ich habe Entschuldigungen für dich gesucht, hab mir Antworten zurechtgelegt. Ich war dein Anwalt!

Manchmal denke ich, vielleicht ist Gott doch nicht der Alleskönner, für den wir ihn halten.

Wenn er alles könnte, könnte er Kriege beenden, Brötchen an Bettler verteilen, den Nordpol wieder um ein paar Grad herunterkühlen und den Mördern die Gewehre wegnehmen. Tut er aber nicht.

Manche sagen: Er könnte schon, er will nur nicht. Das wiederrum will ich mir gar nicht vorstellen. So ein Gott wäre ziemlich kaltherzig.

Bleibt nur die Möglichkeit, dass er kein Alleskönner sein will. Ein Gott, der alles kann, wäre praktisch, weil er die Welt aufräumen und, falls nötig, Berge verschieben könnte. Meinungsverschiedenheiten könnte er mir nichts, dir nichts beseitigen. Allerdings hielte er uns im Kinderstatus: Papa soll entscheiden, wer „Schuld“ hat, Mama soll es richten. Womit wir wieder am Anfang wären…

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und er legte den Menschen die Neugier ins Herz.

Segen oder Fluch? Womöglich war er selbst überrascht, als er feststellte: Das Paradies reicht uns nicht. Es ist uns zu eng. Wir wollen Freiheit, Wissen, Erkenntnis, Entwicklung, wollen selbst herausfinden, was gut ist und was böse.

Da wusste Gott, er hatte verloren.

„Geht“,

sagt er,

„geht und greift euch das Leben!“

Und er führt uns hinaus ins Weite. Zeit, erwachsen zu werden. Im Paradies geht das nicht.

Und jetzt sind wir da. Mit einem Rucksack voller Verantwortung.  So schwer, dass wir manchmal darunter zusammenbrechen.

„Steh auf“,

sagt Gott,

„im Rückenstärken bin ich gut!“

Und dann malt er uns eine Verheißung in den Himmel: 

„Irgendwann werde ich in eurer Mitte wohnen und ihr werdet mein Volk sein; und ich werde bei euch sein. Ich werde alle Tränen von euren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Seht, ich mache alles neu.“

Wann genau wird das endlich sein? frage ich, aber Gott hüllt sich – wie so oft – in Schweigen.

Bis es so weit ist, liegt es wohl an uns aus unserer Erde einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Furcht gequält, nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung. Damit unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen.

Ob wir das schaffen? Mir kommt es eher so vor, als würden wir gerade im Chaos versinken.

Aber Gott scheint seinen Traum noch nicht aufgegeben zu haben. Ich bin mir sicher: Er ist immer noch nicht fertig mit uns. Er ist Schöpfungskraft! Und er hat uns Glaube, Hoffnung und Liebe mitgegeben. Damit kann man leben!


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Dieser Beitrag wurde am 15.05.2022 gesendet.





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