Wort zum Tage, 13.05.2022

Pfarrer Klemens Geiger, Wolfertschwenden

Worauf es ankommt

Heute Abend kommen Freunde zum Essen. Schon vor Wochen haben wir dieses Treffen ausgemacht. Ich freue mich darauf. Da ich gerne koche und meine Freunde gerne etwas Ausgefalleneres essen, wollte ich ihnen ein mehrgängiges Menü servieren.

Den Speiseplan habe ich schon vor ein paar Tagen festgelegt. Doch jetzt ist alles durcheinander geraten, weil ich heute länger arbeiten muss. Schade, die Vorfreude auf die gemeinsame Zeit und das gute Essen ist dem Gefühl gewichen, dass ich es einfach nicht auf die Reihe bekomme. Ich werde nicht, wie geplant, früher aus dem Büro kommen. Ich muss improvisieren.

Während ich meinen morgendlichen Kaffe trinke, blättere ich in einem Kochbuch, das ich vor vielen Jahren von Freunden geschenkt bekommen habe. Darin befinden sich von ihnen gesammelte Lieblingsrezepte. Auf der ersten Seite haben sie mir ein Rezept für alle Tage aufgeschrieben:

3 Löffel Frohsinn, 3 dicke Scheiben Fleiß, 1 Schuss Mut – möglichst frisch, 4 Esslöffel Bescheidenheit, 1 Pfund Vertrauen, 300 Gramm Ruhe und Entspannung und 3 gehäufte Esslöffel Geduld. Man mische alles kräftig durch und füge noch einen guten Löffel Kraft hinzu. Nun übergieße man die Masse mit Herzlichkeit und rühre nochmals kräftig um.

Serviert wird alles mit einem Sträußchen Aufmerksamkeit und bringe es mit Heiterkeit auf den Tisch.

Als ich dieses Rezept lese, muss ich schmunzeln. Vom Vertrauen würde ich mehr als ein Pfund nehmen und von der Ruhe und Entspannung anstatt der angegebenen 300 Gramm mindestens 500 Gramm. Gut, dass mir dieses Rezept für jeden Tag gerade jetzt in die Hände gekommen ist.

Mehrere Gänge müssen doch gar nicht sein. Wichtig ist doch, dass ich mit meinen Freunden zusammen sein kann. Vielleicht lasse ich auch nur eine Pizza kommen. Es wird trotzdem bestimmt ein netter Abend mit einem besonderen Menü.

Ich habe da schon etwas im Kopf: Zur Vorspeise gibt es eine herzliche Umarmung, der Hauptgang wird davon bestimmt, dass wir viel Zeit füreinander haben und zur Nachspeise vielleicht ein paar Anekdoten aus unserer Jugendzeit. Wichtig ist doch wirklich nur, dass wir uns wieder einmal sehen.

Wertvoll ist doch die Zeit, die wir miteinander verbringen dürfen. Zeit, um sich auszutauschen, in Erinnerungen zu schwelgen und das Miteinander zu genießen.

Um den guten Wein dazu zu besorgen, dafür reicht die Zeit heute noch in jedem Fall.


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Dieser Beitrag wurde am 13.05.2022 gesendet.


Über den Autor Klemens Geiger

Klemens Geiger, wurde 1961 in Simmerberg im Westallgäu geboren. Nach mehreren Jahren in denen er als Industriekaufmann tätig war, entschloss er sich für das Studium der katholischen Theologie im Spätberufenenseminar St. Lambert in Lantershofen. Nach seiner Priesterweihe in Augsburg  war er als Kaplan in Landsberg und Augsburg tätig. Seit 2000 leitet er die Pfarreiengemeinschaft Bad Grönenbach im Unterallgäu. Die zusätzliche Ausbildung in geistlicher Begleitung und integrativer Gestaltpädagogik nach Höfer sieht er als Bereicherung für sein Wirken. Wenn die Zeit es zulässt schreibt er gerne Meditationstexte. Zur Entspannung geht er in die Natur oder arbeitet im Wald. Dort ist er seit seiner bestanden Jägerausbildung schon auch mal mit Büchse, aber meist auch mit Kamera anzutreffen.

Kontakt
klemens.geiger@katholische-kirchen-groenenbach.de

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