Wort zum Tage, 12.05.2022

Pfarrer Klemens Geiger, Wolfertschwenden

Öffne dich!

Sie sitzen an einem Tisch neben mir in einem kleinen Straßencafé: vier jüngere Leute, drei Frauen und ein Mann. Sie unterhalten sich angeregt, doch man hört nichts. Sie unterhalten sich in der Gebärdensprache und offensichtlich amüsieren sie sich. Ihre Mimik verrät, dass es um etwas Lustiges gehen muss.

Die kleine Gruppe im Café fällt auf. Nicht nur weil sie sich in der Gebärdensprache unterhalten, sondern auch weil es die einzigen sind, an deren Tisch es richtig lebendig zugeht.

Im Café sitzen noch ein paar Jugendliche, die mit ihren Smartphones beschäftigt sind, ein älteres Ehepaar, das kein Wort miteinander redet, und an einem weiteren Tisch zwei Herren, jeder in eine Zeitung vertieft. Irgendwie erscheint mir dieses Bild ein wenig verrückt. Was ich in dem kleinen Café beobachte, erinnert mich daran, was ich in meiner Arbeit als katholischer Priester immer wieder erlebe.

Ich begegne Menschen, die nicht mehr miteinander reden, Menschen, die manchmal regelrecht verstummen. Andere, die sich in ihre Welt zurückziehen, nicht mehr hören wollen oder können, was um sie herum geschieht. Sie wären fähig zu sprechen, doch etwas hat ihnen die Sprache genommen.

Sie wären fähig zu hören, doch etwas hat dazu geführt, so dass sie zugemacht haben. Eine Frau sagte mir einmal: Wieso soll ich mich mitteilen, es versteht mich sowieso keiner. Außerdem hat man mich schon viel zu oft verletzt. Diese Frau hat regelrecht zugemacht. Sie verschließt sich und lebt im Grunde vollkommen isoliert.

So ähnlich muss sich wohl auch der Mann gefühlt haben, dessen Geschichte in der Bibel erzählt wird. Er ist taubstumm und wird zu Jesus gebracht, damit er diesen Mann heile. Jesus nimmt ihn beiseite, legt ihm die Finger in die Ohren und berührt die Zunge des Mannes.

Dann blickt er zum Himmel auf und sagt zu dem Taubstummen: Effata! Das heißt: Öffne dich. Und der Mann wird von seiner Fessel befreit. Er kann wieder hören und sprechen. Jesus holt diesen Mann aus seiner Isolation heraus. Er heilt ihn von seiner Verschlossenheit. Dieser Mann kann wieder am Leben und der Gemeinschaft teilnehmen. Effata, öffne dich, das wünsche ich so manchen Menschen in meinem Umfeld.

Ich wünsche ihnen, dass es da jemanden gibt, dem sie vertrauen können, gegenüber dem sie sich öffnen können. Heilsame Begegnungen wünsche ich allen, die stumm geworden sind, allen die nichts Gutes mehr in ihrem Leben hören. Effata, öffne dich, das ist für mich persönlich auch der Ruf Gottes an mich am Beginn eines neuen Tages.

Sei offen für das, was dieser Tag bringt. Höre gut hin auf das, was Menschen dir heute sagen. Gehe ohne Vorurteil in ein Gespräch, glaube nicht zu wissen, was der andere dir sagen will.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 12.05.2022 gesendet.


Über den Autor Klemens Geiger

Klemens Geiger, wurde 1961 in Simmerberg im Westallgäu geboren. Nach mehreren Jahren in denen er als Industriekaufmann tätig war, entschloss er sich für das Studium der katholischen Theologie im Spätberufenenseminar St. Lambert in Lantershofen. Nach seiner Priesterweihe in Augsburg  war er als Kaplan in Landsberg und Augsburg tätig. Seit 2000 leitet er die Pfarreiengemeinschaft Bad Grönenbach im Unterallgäu. Die zusätzliche Ausbildung in geistlicher Begleitung und integrativer Gestaltpädagogik nach Höfer sieht er als Bereicherung für sein Wirken. Wenn die Zeit es zulässt schreibt er gerne Meditationstexte. Zur Entspannung geht er in die Natur oder arbeitet im Wald. Dort ist er seit seiner bestanden Jägerausbildung schon auch mal mit Büchse, aber meist auch mit Kamera anzutreffen.

Kontakt
klemens.geiger@katholische-kirchen-groenenbach.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche