Wort zum Tage, 11.05.2022

Pfarrer Klemens Geiger, Wolfertschwenden

Kleiner Kaktus

Mein Kaktus hat seit über 20 Jahren seinen festen Platz auf der Fensterbank in meinem Wohnzimmer. Kräftig und gesund sieht er aus. Aber, das war nicht immer so. Er hat eine ganz besondere Geschichte.

Ich habe ihn vor 40 Jahren von einer Kollegin zum Geburtstag bekommen. Damals war er nicht größer als eine Euromünze. Er stand in einem Übertopf, der an einen winzigen Nachttopf erinnerte. Damals stellte ich den kleinen Kaktus ins Bücherregal in meiner früheren Wohnung.

Ein paar Jahre später entschied ich mich noch für ein Studium. Vor Studienbeginn musste alles in Umzugskartons verpackt werden, die nun für etliche Jahre zwischengelagert werden mussten. Dabei muss mir der Kaktus unbemerkt in den Karton mit Büchern gefallen sein.

Es dauerte viele Jahre, bis ich diesen Karton mit Büchern wieder auspacken konnte. Dabei wurde ich ordentlich gepiekst. Ich konnte es kaum glauben, mein kleiner Kaktus von damals war wieder aufgetaucht.

Er war bis zu Unkenntlichkeit zusammengeschrumpft und bestand im Grunde nur noch aus langen Stacheln. Die sind im Laufe der Zeit ordentlich gewachsen, während alles andere arg zurückgegangen ist. Ich habe ihm frische Erde gegeben, regelmäßig gegossen und natürlich bekam er auch einen ordentlichen Schuss Dünger.

Was ich kaum zu hoffen wagte, geschah. Schon nach ein paar Monaten hatte er sich erholt und das nach so einer langen Zeit im Karton, ohne Licht und Wasser. Zwischenzeitlich musste ich den Kaktus schon zweimal umtopfen. Er hat jetzt die stattliche Größe meiner Hand.

Für mich ist dieser Kaktus zu einem Zeichen der Hoffnung geworden. Eine Hoffnung, die mir sagt, dass auch nach langen, schwierigen und dunklen Zeiten, sich das Leben zurückmelden kann. Oft schon habe ich es in meiner Arbeit als Seelsorger erlebt, dass Menschen in absolute Krisen geraten können. Sie wissen einfach nicht, wie es in ihrem Leben weiter gehen soll.

Alles erscheint für sie so sinnlos. Sie fühlen sich vom Leben abgeschnitten, nichts macht ihnen mehr eine Freude. Neue Perspektiven für ihr Leben können sie nicht sehen. Ebenso habe ich es aber auch schon erfahren, dass sich nach langer Zeit der Dunkelheit das Leben für sie wieder zurückgemeldet hat. Plötzlich war da wieder Sinn und Lebensmut. Die schwierige Phase war endlich überstanden.

Wenn es mir schlecht geht und ich manchmal das Gefühl habe, dass ich kein Land mehr sehe, dann schaue ich meinen Kaktus an und denke mir: Halte durch, der kleine stachelige Kerl hat es auch geschafft.

Ich glaube daran, dass sich das Leben durchsetzt. Und ich glaube daran, dass Gott mir dabei hilft.


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Dieser Beitrag wurde am 11.05.2022 gesendet.


Über den Autor Klemens Geiger

Klemens Geiger, wurde 1961 in Simmerberg im Westallgäu geboren. Nach mehreren Jahren in denen er als Industriekaufmann tätig war, entschloss er sich für das Studium der katholischen Theologie im Spätberufenenseminar St. Lambert in Lantershofen. Nach seiner Priesterweihe in Augsburg  war er als Kaplan in Landsberg und Augsburg tätig. Seit 2000 leitet er die Pfarreiengemeinschaft Bad Grönenbach im Unterallgäu. Die zusätzliche Ausbildung in geistlicher Begleitung und integrativer Gestaltpädagogik nach Höfer sieht er als Bereicherung für sein Wirken. Wenn die Zeit es zulässt schreibt er gerne Meditationstexte. Zur Entspannung geht er in die Natur oder arbeitet im Wald. Dort ist er seit seiner bestanden Jägerausbildung schon auch mal mit Büchse, aber meist auch mit Kamera anzutreffen.

Kontakt
klemens.geiger@katholische-kirchen-groenenbach.de

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