Wort zum Tage, 10.05.2022

Pfarrer Klemens Geiger, Wolfertschwenden

Spuren von Müssen

An verschiedenen Stellen in meiner Wohnung hängen oder stehen Spruchkarten, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben. Denn an den Ständern mit Spruchkarten kann ich einfach nicht vorüber gehen.

Und es gibt immer wieder eine Karte, die ich haben will. Eine Spruchkarte in meiner Sammlung hat es mir besonders angetan. Darauf steht in großen geschwungen Buchstaben:

„Dieser Tag könnte Spuren von Müssen enthalten.“

Was als Warnung auf Lebensmittelpackungen für Allergiker immer wieder zu lesen ist, wird hier auf die Lebensrealtität des Alltags umgemünzt.

Da geht es dann nicht um Nüsse, Soja, Milch, Sesam oder andere Dinge, sondern um Sachen, die einfach erledigt werden müssen. Da führt kein Weg dran vorbei. Sie gehören zum Arbeitspensum des bevorstehenden Tages. Dieser Tag könnte Spuren von Müssen enthalten.

Ein Spruch, der mich immer wieder zum Schmunzeln bringt. Wenn ich heute so in meinen Terminkalender schaue, dann entdecke ich da jede Menge an Spuren, mit denen ich eher ein Müssen als ein Dürfen verbinde. Dem einen oder anderen Termin blicke ich mit einem mulmigen Gefühl entgegen.

Schwierige Entscheidungen stehen an und ich bin mir unsicher, ob wir zu einem guten Ergebnis kommen. Auch das Gespräch mit einem Kollegen liegt mir im Magen. Es geht darum einen Konflikt aus der Welt zu schaffen. Ich weiß, dass es da ein gutes Fingerspitzengefühl braucht, denn er reagiert schnell eingeschnappt. Außerdem muss ich noch ein paar Abrechnungen fertig machen.

Das ist eine Arbeit, die ich nur allzu gerne vor mir herschiebe. Der heutige Tag beinhaltet ein paar Termine, auf die ich gut verzichten könnte, aber ich muss, ob ich will oder nicht. Dieser Tag könnte Spuren von Müssen enthalten. Aber ich bin mir sicher, da wird es auch ebenso die Spuren geben, die mir guttun und ein wenig Leichtigkeit hineinbringen.

Ich habe mir angewöhnt, dass ich mich am Ende eines Tages ruhig hinsetze und auf den Tag zurückschaue. Neben all den Terminen und den verschiedenen Arbeiten, die es zu erledigen galt, entdecke ich bei genauem Hinsehen auch immer wieder Dinge, die etwas Leichtigkeit in den Tag gebracht haben.

Manchmal ist es eine unerwartete Begegnung mit einem lieben Bekannten, ein kurzes freundliches Gespräch oder etwas, das mich zum Lachen gebracht hat und vieles mehr. All diese Dinge sind für mich Grund am Ende eines Tages Danke zu sagen.

Ich bin mal gespannt, was da am Abend im Rückblick auf den heutigen Tag so zusammenkommen wird. Ich lasse mich überraschen.


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Dieser Beitrag wurde am 10.05.2022 gesendet.


Über den Autor Klemens Geiger

Klemens Geiger, wurde 1961 in Simmerberg im Westallgäu geboren. Nach mehreren Jahren in denen er als Industriekaufmann tätig war, entschloss er sich für das Studium der katholischen Theologie im Spätberufenenseminar St. Lambert in Lantershofen. Nach seiner Priesterweihe in Augsburg  war er als Kaplan in Landsberg und Augsburg tätig. Seit 2000 leitet er die Pfarreiengemeinschaft Bad Grönenbach im Unterallgäu. Die zusätzliche Ausbildung in geistlicher Begleitung und integrativer Gestaltpädagogik nach Höfer sieht er als Bereicherung für sein Wirken. Wenn die Zeit es zulässt schreibt er gerne Meditationstexte. Zur Entspannung geht er in die Natur oder arbeitet im Wald. Dort ist er seit seiner bestanden Jägerausbildung schon auch mal mit Büchse, aber meist auch mit Kamera anzutreffen.

Kontakt
klemens.geiger@katholische-kirchen-groenenbach.de

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