Am Sonntagmorgen, 08.05.2022

von Gunnar Lammert-Türk, Berlin

„Aus Glauben widerstehen.“ Otl Aicher: Geistlicher Begleiter der Geschwister Scholl

Otl Aicher zählte zu den wichtigsten Gestaltern und Graphikern des 20. Jahrhunderts. Er schuf Piktogramme, die noch heute in Gebäuden oder auf Straßen den Weg weisen. Daneben beschäftigte Aicher sich seit seiner Jugend mit Politik. Er ging mit Werner Scholl zur Schule, hatte eine enge Beziehung zu Sophie Scholl und heiratete nach deren Tod ihre ältere Schwester, Inge.

© Arquivo Nacional, Gemeinfrei

„Der Wert eines Menschen zeigt sich an der würde seines Todes. wie und wofür man stirbt, das ist man selbst. Und der Mensch hat einen Anspruch auf einen würdigen, ihm gehörigen Tod. Dass die Nazis Millionen von Menschen diese würde stahlen, machte sie zu Zynikern eines blanken Wahns.“[1]

Diese Zeilen schrieb Otl Aicher in Erinnerung an Sophie Scholl in seinem 1985 verfassten autobiographischen Buch „innenseiten des krieges“. Das Geschick von Hans und Sophie Scholl, die wegen ihrer Flugblätter gegen das nationalsozialistische Regime hingerichtet wurden, prägte Otl Aicher bis ans Ende seines Lebens.

Und dieses Leben sollte wie das Material in den Händen eines Handwerkers bearbeitet werden, um als Antwort auf den Tod der beiden Wert zu haben. So nahm es sich Otl Aicher wenige Tage, nachdem Hans und Sophie Scholl unter dem Fallbeil gestorben waren, vor.

Sophie Scholl war tief beeindruckt

Er war damals zwanzig Jahre alt. Die enge Verbindung zwischen ihm und den Geschwistern Scholl beruhte auf Gegenseitigkeit. Besonders eng war sie zu Sophie Scholl. Wie sehr sie Otl Aicher schätzte, drückt ein Brief vom November 1942 an einen Bekannten aus:

„Er hat auf mich nicht nur gewirkt durch das, was er sagte, sondern durch das, was er ist. Man spürt in ihm das Wirken des Geistes, wie ich es von keinem anderen erlebt habe.“[2]

Sophie Scholl nimmt hier Bezug auf Otl Aichers scharfe und tiefe Gedanken und seine enorme Belesenheit. Aber ebenso auf sein Christsein und die damit verbundene Ausstrahlung. Für die protestantisch geprägten Scholl-Geschwister wurde der Katholik Aicher zum geistlichen Begleiter.

Insbesondere Sophie regte er immer wieder zur Beschäftigung mit wichtigen Themen und dazugehöriger Literatur an und forderte sie so heraus. Einen hohen Stellenwert hatte die Beschäftigung mit dem Kirchenvater Augustin, aber auch mit Thomas von Aquin.

Überleben im Dritten Reich: mit dem Buch

Daneben spielte der katholische Schriftsteller Georges Bernanos eine große Rolle, dessen Protagonist in seinem Roman „Tagebuch eines Landpfarrers“ zu einer Art Leitfigur der jungen Menschen wurde. Otl Aicher hatte sich mit seiner Bildung selbst die geistige Reserve geschaffen, um den Nationalsozialismus überstehen zu können. In „innenseiten des krieges“ bemerkte er dazu:

„Das entscheidende Mittel, im Dritten Reich zu überleben, war das Buch. (…) Man musste ein Territorium ausfindig machen, für das keiner der Nazis zuständig war, Bücher ausfindig machen, die streng wissenschaftlich waren, aber so doppelbödig, dass der aktuelle Klartext herüberkam. wer es lesen konnte, spürte, dass Theologie, Philosophie, Kulturgeschichte in erster Linie Anlässe waren, um zur Sache zu kommen.“[3]

So hatte sich Otl Aicher ein beeindruckendes Wissen erarbeitet, vornehmlich auf theologischem, philosophischem und historischem Gebiet. Es stärkte die Haltung, die ihm sein katholisches Elternhaus vermittelt hatte, das klar gegen Hitler und den Nationalsozialismus eingestellt war.

Davon geprägt, malte der zeichnerisch hochbegabte Aicher als 12-jähriger ein Anti-Hitler-Plakat, verweigerte den Hitler-Gruß und den Eintritt in die Hitlerjugend. Stärkung und Anregung – auch bezüglicher seiner Lektüre – erfuhr er zudem durch den Pfarrer seiner Heimatgemeinde Franz Weiß.

Der plante den Aufbau einer gegen den Nationalsozialismus gerichteten Geheimorganisation von Priestern. Zu einem darauf bezogenen Treffen nahm er Otl Aicher mit. Der 15-jährige erlebte die begeisterte Zustimmung der versammelten Pfarrer auf die Rede von Franz Weiß. Und hielt den Eindruck davon später in seinen „innenseiten des krieges“ fest:

„Ich saß als einziger, der keine Soutane trug, in einer hinteren Ecke, es gab einen frenetischen Beifall. mitten in der Flut der braunen Weltanschauungen standen wir auf einem Felsen. Dieses Erlebnis erwies sich als unsinkbares Floss. ich konnte, wenn es kritisch wurde, immer wieder darauf zurückspringen.“[4]

Aicher und die Geschwister Scholl werden Freunde

Mit 17 Jahren kam Otl Aicher – vermittelt durch seinen Schulkameraden Werner Scholl - zum ersten Mal in das Haus der Familie Scholl am Münsterplatz in Ulm. Das war im Oktober 1939. Dort befassten sich die Geschwister Scholl mit Freunden mit schöngeistiger Literatur und Kunst.

Unter dem Eindruck des gerade begonnen Krieges waren zunehmend politische und religiöse Fragestellungen aufgekommen. Otl Aicher machte nun Lektürevorschläge, inspirierte und forderte, trieb an und begeisterte. Unter seinem Einfluss entstand ein äußerst reger Austausch, bei dem die Themen ineinandergriffen:

„Wenn du über Gott redest, redest du sofort über Politik, und wenn du über Politik redest, redest du sofort über persönliche Beziehungen. Und alle Themen spiegeln sich, haben einen engen Zusammenhang miteinander. Das ist was sehr Überraschendes, diese ganz großen Lebensthemen alle so auf eine Richtung bündeln zu können. Die Richtung heißt: Wir wollen unser Floß stärken, so ungefähr. Wir wollen sicher weiter tuckern in dieser Notzeit.“

So beschreibt der Philosoph Matthias Rugel, der sich intensiv mit Otl Aicher befasst hat, das, was den Freundeskreis ausmachte. Zunehmend ging es um die Festigung der Persönlichkeit, um in der dunklen Zeit zu bestehen. Und das hieß, die christliche Prägung zu vertiefen. Otl Aicher nahm dabei entscheidenden Einfluss. Besonders nachhaltig auf Sophie Scholl.

Aicher schwärmt von Sophie Scholl

Im März 1942 verbrachten die beiden ein Wochenende in einem Gasthof im Elsass. Sophie entkam so für ein paar Stunden dem Kriegshilfsdienst bei der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Otl Aicher war als Soldat eingezogen worden, obwohl er sich gezielt die linke Hand verstümmelt hatte.

Kurz vor seinem Einsatz an der Ostfront genoss er das intensive Zusammensein mit Sophie Scholl, die endlosen Gespräche über Gott, die Welt und das Leben, über Politik und Glauben. In der Erinnerung daran zeichnet er in seiner Autobiographie ein liebevolles Bild der Gefährtin:

„Sophie hatte ein Gesicht, wie ich Gesichter mag. Sie hatte eine Frisur wie mir Frisuren gefallen, sie hatte einen Körper wie ich Körper mag. Den Kopf neigte sie ein wenig schräg nach hinten, blinzelte gegen die sinkende Sonne und hatte einen Gang mit leicht vorgeschobener Hüfte, die Füße etwas auseinandergestellt – wie ich. Die dunklen Haare von ihrem Bubikopf fielen auf die geneigte Seite. (…) So blieben uns der Samstagabend, die Nacht und der nächste Morgen. Dann mussten wir wieder zurück. … So blieben wir die ganze Zeit in einem kleinen Gasthof in der Eckbank am Fenster und hatten kaum Zeit, einmal über die Wiese zu gehen.“[5]

Am 31. Oktober 1943, acht Monate nach der Hinrichtung von Sophie und Hans Scholl, schrieb Otl Aicher an den katholischen Publizisten Carl Muth:

„Ich weiß auch, wie ich selbst in diesen Tod verflochten bin. Sie hat mir in Bad Hall alles dargelegt.“[6]

Sophie Scholl hatte Otl Aicher zwei Monate vor ihrem Tod in Bad Hall im Lazarett besucht. Darauf bezog er sich hier und deutete an, von ihr über die Flugblattaktionen der Weißen Rose informiert worden zu sein. Wieviel er davon wusste, ist nach wie vor unklar. In ihren Tod verflochten sah er sich wohl vor allem durch seinen Anteil an ihrer persönlichen Entwicklung, die ihr den Mut und das Gottvertrauen für ihr Tun gegeben hatten.

Nach der Hinrichtung der Scholl-Geschwister blieb Aicher der Familie Scholl eng verbunden. 1952 heiratete er Sophies ältere Schwester Inge. Mit ihr arbeitete er bereits seit Kriegsende an einer Neugestaltung Deutschlands im Sinne von Hans und Sophie Scholl. Dafür stand unter anderem die Gründung und Ausrichtung der Hochschule für Gestaltung Ulm.

Aicher, Wegbereiter des Corporate Designs

Dem Grafik-Designer Aicher ging es darum, die Infrastruktur des Lebens – Verkehr, Architektur, Städtebau – und die Dinge des täglichen Gebrauchs den Menschen dienstbar zu machen, sie von dysfunktionaler Überformung und von politischem Missbrauch zu befreien.

„Die Dinge in ihrem Eigenen zur Gültigkeit zu bringen, das ist das große Anliegen von Otl Aicher. Man kann die Dinge einfach angucken und dann zeigen die ihren Eigenwert, das, wozu sie da sind und wo sie stark sind, wo sich wirklich was entwickeln lässt, ohne dass man seinen Vorteil, den Vorteil einer Gruppe, irgendein Spezialinteresse, das man irgendwo reinschiebt, damit bedient.“

Statt solcher Inanspruchnahme sollen die Dinge und die Menschen selbst wirken. An die Stelle von Machtrepräsentation sollen Gebrauchswert und Funktionalität zur Bewältigung des Lebens treten. Aicher hat durch solche Erfassung des Wesens das Erscheinungsbild großer Organisationen und Firmen im Nachkriegsdeutschland geprägt. So stammen das Logo der Sparkasse und der Kranich der Lufthansa von ihm.

Man kann ihn als Wegbereiter des Corporate Designs bezeichnen. Spektakulär war sein Design der Olympischen Spiele in München 1972. Seine Piktogramme, die Menschen vieler Sprachen und Herkunft leichte Orientierung ermöglichten, die Gestaltung Münchens als eine Art Park der Begegnung, die ausgewählten Farben - das alles zeigt ein neues, ein erneuertes Deutschland. Einer seiner Mitstreiter bei diesem Projekt, der Architekt Günther Behnisch, erinnerte sich später, …

„… dass wir alle zusammen, die wir da gearbeitet haben, doch aus dem Farbkreis die Farben herausschneiden sollten, die verbraucht sind durch Macht: Purpur, Violett. (…) Es ging ein knappes Viertel des Farbkreises raus. Aicher schlug vor, dass wir uns in der hellblauen, hellgrünen Sphäre bewegen sollten. Otl Aicher hat es immer verglichen mit dem Erlebnis des Fluges über die Alpen, wenn man das Allgäu und Oberbayern unter sich liegen sieht, die Seen, den hellblauen Himmel und das Grün. (…) Man konnte das gedanklich noch weiterführen und sagen, dass es die Farben der schwachen Kräfte seien, der Natur, des Wassers, des Himmels und nicht die Farben der Macht.“[7]

Was wird aus uns?

Befreite Dinge und befreite Menschen – darin sah Otl Aicher sein Wirken im Sinne der gemordeten Geschwister Scholl. Am 13. Mai wäre er einhundert Jahre alt geworden. Gestorben ist er am 1. September 1991. In den letzten Tagen seines Lebens arbeitete er an Porträtbüsten von Hans und Sophie Scholl.

Mit Sophie verband ihn viel: eine gewisse Scheu genauso wie die Lust am geistigen Wettstreit, die Intensität des intellektuellen und religiösen Ringens. Die Freude daran, die Freude am Zusammensein, aber auch den Ernst ihrer Lage hielt Otl Aicher auf berührende Weise in Erinnerung an das gemeinsame Wochenende im Elsaß fest. In „innenseiten des krieges“ schrieb er:

„Ein sonniger Morgen. Eine helle Wirtsstube. Ein langes Frühstück. Wir waren ebenso aufgeräumt wie aufgewühlt. Außer uns beiden … war niemand in der Wirtsstube, und wir saßen wieder in der schönen Ecke, hungrig und offen für alles, was der andere in Worten heranschaffte. Die Landschaften des Denkens waren aufregender als Arkadien. Schließlich sprachen wir um unser Leben. Wenn wir fragten, was wird aus diesem Land, dann war das die Frage, was wird aus uns. Und wenn zwei junge Leute, die am Anfang ihres Lebens stehen, so fragen, spürt man die Vibration, die aus der Gegenwart von Geschichte entsteht. Wie wird das enden? Das Krachen im Gebälk der Geschichte war so laut, dass wir wussten, nachher würde alles anders sein als zuvor.“[8]

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Schostakowitsch: Streichquartett No. 6 - 3. Lento

Schostakowitsch: Streichquartett No.6 - 3. Allegretto

Schostakowitsch: Streichquartett No.7 - 2. Lento

Schostakowitsch: Streichquartett No.5 - 2. Andante


[1] Aus Otl Aichers innenseiten des krieges, S. 132                                                            

[2] Aus Sophie Scholls Brief an Waldemar Gabriel, 13.11.1942 (B. Beuys: S. 396)

[3] Aus Otl Aichers innenseiten des krieges, S. 152

[4] Aus Otl Aichers innenseiten des krieges, Aicher 1985, S.18

[5] Aus Otl Aichers innenseiten des krieges, S. 57 und 63

[6] Aus Otl Aichers Brief an Carl Muth vom 31.10.1943

[7] Aus: eva moser: otl aicher, gestalter, S. 191

[8] Aus Otl Aichers innenseiten des krieges, S. 70

© Gerrit van Honthorst, 17. Jh. / Gemeifrei

Woher der Zweifel kommt

Thomas ist nicht irgendwer. Das war einer der zwölf Apostel. Jene Zwölf, die alles auf eine Karte gesetzt hatten. Sie hängten den Beruf an den Nagel, verließen Haus und Hof und sind Jesus nachgefolgt.

Wenn man als jemand, der alles aufgegeben hat, miterleben muss, dass dieser Jesus von der geistlichen Elite, vom Hohen Rat, als Gotteslästerer verurteilt und von der römischen Besatzungsmacht wie ein Verbrecher ans Kreuz gehängt wird, um mit einem Schrei der Gottverlassenheit zu sterben, dann bricht eine Welt zusammen.

Und jetzt stellen Sie sich vor: Am Ostertag abends kommt dieser Thomas mit seinem enttäuschten Herzen, mit seiner zerbrochenen Hoffnung in die Nähe des Hauses, wo die anderen Apostel sitzen. Er hört schon, als er einige Meter vor der Türe ist, wie sie drinnen singen und jubeln:

„Halleluja, Jesus lebt!“

Er macht die Türe auf und sieht, wie sie da feiern, wie sie Mahl miteinander halten. Er versteht das einfach nicht.

Und als diese freudig Thomas von der Begegnung mit dem Auferstandenen berichteten, sagt Thomas gleichsam:

„Alles Unsinn. Tot bleibt tot. Die Geschichte von Jesu Auferstehung ist Quatsch. Das kann und will er nicht glauben.“

Die tiefsten Glaubens-Zweifel sind oft auch verbunden mit existenziellen Situationen. Was, wenn sich zeigt: Das wird nicht mehr gut in meinem Leben, meine Lebensplanung zerfällt in Trümmer.

Wann immer Verlust uns ängstigt, Trauer uns niederdrückt, Sinnlosigkeit im Raum steht, dann ist auch der Glaube in Frage gestellt. Es meldet sich jene Seite, die sucht und fragt, kritisch und skeptisch ist, die das Für und Wider erwägt, die zweifelt und wenig Vertrauen hat. Die aber den Mut besitzt zu sagen: Ich glaube nicht. Es ist jene Seite, die Sehnsucht hat nach echter, tiefgreifender Erfahrung.

Der Zweifel stärkt

Meinem Empfinden nach, wird uns kaum beigebracht, wie man produktiv mit Unsicherheiten und Risiken umgehen kann. Als Konsequenz verleugnen oder überspielen viele Menschen Unsicherheiten und Risiken. Sie suchen stattdessen absolute Sicherheiten.

Doch wir alle brauchen auch eine gesunde Portion Skepsis, ein Misstrauen gegenüber der Illusion von Sicherheit, einschließlich und besonders der eigenen. Es bedarf schon des Mutes und einer gewissen Wachheit, um diejenigen, die sich in Sicherheit wiegen, etwas zu piesacken. So wie es Thomas gegenüber seinen Apostelkollegen wagt.

Jeder Mensch hat eine eigene Persönlichkeitsstruktur, ist anders geprägt. Wer sich stark nach Sicherheit sehnt, um sein Ich zu schützen, wird den Zweifel scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Denn schon ein Anflug von Zweifel könnte leicht in Verzweiflung umkippen.

Wer aber ein gewisses Maß an Unsicherheit aushalten kann, ist dem Zweifel gegenüber offen und hat womöglich Freude daran, Dinge infrage zu stellen und unter anderen Blickwinkeln zu betrachten. Der Zweifel stärkt – gerade auch die eigene Persönlichkeit.

Sicher, es wird viel misstraut und gezweifelt. Aber dieser Zweifel bleibt doch oberflächlich. Ich habe eine andere Art des Zweifels im Blick: ein skeptisches Denken, das kultiviert und entwickelt werden muss. Darin liegt eine Lebenskunst, die in unserer auf Gewissheit versessenen Zeit in Vergessenheit geraten ist.

Erst das Zweifeln eröffnet durch seine Vorläufigkeit neue Freiräume des Urteilens und Handelns. Zweifeln ist fruchtbar, bricht Eingefahrenes auf und dynamisiert das Leben. Zweifeln ermöglicht die Suche nach Alternativen und eröffnet neue Möglichkeiten.

Sicherheit gibt es kaum

Persönlich sollte man immer wieder sein Denken und Handeln überprüfen. Lebe ich nach meinen Vorstellungen, meinen Überzeugungen und Werten, oder passe ich mich zu sehr den Erwartungen anderer an? Wir entwickeln uns weiter, indem wir uns neu befragen.

Manchmal kennen wir die Antwort noch nicht. Manchmal muss sie sich erst bilden. Dann wird spürbar, dass es kaum Sicherheit in Erkenntnissen gibt, weil die sich wieder verändern können und nie allumfassend sind.

Unsere gegenwärtige Zeit ist schnelllebig – wir werden konfrontiert mit den unterschiedlichsten Lebensentwürfen. So ist diese Zeit auch eine Zeit des Zweifels: Ist meine Art zu leben eigentlich noch die richtige? Man könnte sein Leben ja auch ganz anders gestalten, wie uns tagtäglich tausende Menschen vor Augen führen.

Die Schnelllebigkeit unserer Zeit macht ein ständiges Innehalten schwer – aber sie verhindert auch, dass wir in unseren Gewissheiten versteinern. Vielleicht haben wir weniger Zeit für skeptisches Hinterfragen, aber dafür definitiv mehr Gelegenheit.

Der Mensch braucht Verlässlichkeit

Misstrauen und Argwohn können nützlich und angebracht sein. Zum Beispiel wenn ein Banker unglaubliche Zinssätze verspricht, jedoch insgeheim nur in seine eigene Tasche wirtschaften will.

Aber wenn sich Argwohn und Misstrauen verselbständigen und sich in jedem Lebensbereich breitmachen, dann kann ein Leben leicht aus den Fugen geraten. Man wittert dann überall das Böse.

Doch: Wenn man alles anzweifelt, läuft man Gefahr, sich selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Woran soll man sich halten, was soll man glauben? Wer sich nur treiben lässt und den Zweifel verabsolutiert, dem fehlt die Orientierung im Leben.

Es bedarf eines Ausgleichs zwischen den Dingen. Dafür braucht es Verlässlichkeit, an die wir uns halten können. Deshalb lohnt es sich, aus den Verhaltensweisen des Thomas zu lernen.

Der Zweifler braucht Gemeinschaft

Als bei ihm alles zusammengebrochen war, hat er sich abgesetzt von der Gemeinschaft der anderen und sich der Haltung hingegeben: Damit muss ich erst einmal alleine fertig werden. Doch entscheidend ist in solch sensiblen Lebensphasen, dass wir uns gegenseitig tragen.

Als Thomas sich aufrafft und wieder zur Gemeinschaft hinzustößt, fallen sie nicht über ihn her. Er wird nicht als störender Nörgler hingestellt, der nur die schöne Stimmung kaputt macht oder mit seiner Außenseiter-Meinung die Gemeinschaft gefährdet.

Eigentlich hätten sie Grund genug dazu; denn sein ausdrücklicher Zweifel an ihren Schilderungen unterstellt doch indirekt, dass ihre Worte keinen Glauben verdienen. Aber sie scheinen zu spüren, wie ernst es ihm ist, welche Glaubensnot hinter seinem Zweifel steckt.

Selbst Jesus hat ihm keine Vorwürfe gemacht, sondern nimmt den Thomas mit seinen Fragen ganz ernst. Er geht auf ihn zu und sagt ihm:

„Thomas, du wolltest mich doch anfassen. Bitte! Hier sind meine Hände, hier ist meine Seite. Du kannst deinen Finger in meine Wunde legen. Ich bin es wirklich.“

Zweifel ins Gebet nehmen

Wenn wir beginnen, über Angst und Ängste, Verzweiflung und Enttäuschung zu reden, und wenn Menschen sich für solche Gespräche öffnen, bin ich überzeugt, dass sich zeigt, wie viele Menschen von Angst getrieben werden. Zweifel wollen zum Ausdruck gebracht werden. Eine religiöse Weise ist das Beten.

Im Gebet kann ich meine Verzweiflung in Worte fassen und auf diese Weise abgeben. Das entlastet und trägt zur Klärung bei. Mir hilft es daher auch, dass andere für mich beten.

Das Gebet knüpft ein Band zu Gott und zu den Mitmenschen. Es ist ein auflehnendes „Trotzdem“, das sich nicht abfinden will mit einer reinen Fragwürdigkeit, die nur noch abgründig ist. 

Niemand kann dem anderen Gott und sein Reich auf den Tisch legen, auch der Glaubende sich selbst nicht. Aber wie sehr sich der Unglaube dadurch auch gerechtfertigt fühlen mag, es bleibt ihm die Unheimlichkeit des „Vielleicht ist es doch wahr.“

Ohne Zweifel geht Glaube nicht

Der Glaubende wie der Ungläubige haben jeder auf seine Weise am Zweifel und am Glauben Anteil, wenn sie sich nicht vor sich selbst verbergen und vor der Wahrheit ihres Seins. Keiner kann dem Zweifel ganz, keiner dem Glauben ganz entrinnen.

Für den einen ist es der Glaube gegen den Zweifel, für den anderen der Glaube durch den Zweifel und in der Form des Zweifelns. Es gibt eine nicht beendbare Rivalität von Glaube und Zweifel, von Gewissheit und Anfechtung.

Der Glaube ist nicht einfach unser Besitz. Er bleibt etwas Lebendiges. Solange wir leben, sind wir unterwegs und deswegen wird der Glaube immer wieder bedrängt und bedroht.

Es ist also heilend, wenn er nicht zu einer handhabbaren Ideologie wird. Denn dann würde er mich unfähig machen, mit den Zweifelnden mitzufühlen, mitzudenken und mitzuleiden.

Wer in seinem Leben ernsthaft sucht, der muss durch viele Enttäuschungen hindurchschreiten zu geistigem und geistlichem Wachstum und zur Reife. Das gilt auch für den christlichen Glauben.

Was nie gezittert hat, was nie ins Wanken gebracht wurde, kann am Ende nicht fest sein. Ohne Zweifel kommt der Glaube nicht zu seiner Sicherheit.

Ein Glaube ohne Zweifel und ohne kritisches Denken könnte zum Fanatismus führen, zum naiven Hochmut eines Fundamentalisten. Andererseits könnte ein Zweifler, ohne irgendeinen Glauben zu haben, in Zynismus und bittere Hoffnungslosigkeit stürzen.

Zweifeln soll nie aufhören

Dem Heiligen Martin soll der Satan in Gestalt von Christus erschienen sein. Aber Martin fragte: Wo sind deine Wunden? Da flüchtete der Teufel. Diese Legende sagt viel: Einem Glauben, einer Kirche, einem Christus ohne Wunden, kann ich keinen Glauben schenken.

Deswegen habe ich weniger Angst vor Zweifel, vor Krisen und Einbrüchen als vor der Banalität, mit der Lebenszeit manchmal herumgebracht oder eben totgeschlagen wird.

Das Zweifeln am eigenen Denken und Handeln soll nicht einfach eines Tages aufhören, vielmehr ist dieses Zweifeln ein nie endender, nie beendbarer Prozess.

Das menschliche Vermögen zur Selbstrevision ist prinzipiell sehr groß. Man soll das Gute behalten, aber immer wieder hinschauen, was denn das Gute ist. Grundvertrauen ist nichts Gegebenes, sondern etwas Dynamisches. Es stellt sich her, und zwar immer wieder neu und nie vollkommen.

Zweifel gibt der Möglichkeit Raum, dass auch anderes wahr sein kann – ganz anderes als das, von dem wir gerne hätten, dass es wahr wäre. Will man es pathetisch formulieren, könnte man sagen: Zweifelst du nicht, glaubst du nicht und dann lebst du vermutlich auch nicht wirklich.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Hans Zimmer – Stay, aus: Soundtrack „Interstellar“

Hans Zimmer – Day One, aus Soundtrack “Interstellar”

Hans Zimmer – Cornfield Chase, aus Soundtrack „Interstellar“

Hans Zimmer – Mountains, aus Soundtrack “Interstellar”


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Dieser Beitrag wurde am 08.05.2022 gesendet.


Über den Autor Gunnar Lammert-Türk

Gunnar Lammert-Türk (Jahrgang 1959) ist freischaffender Journalist und Autor. Er wurde in Leipzig geboren und studierte Germanistik und Evangelische Theologie in Berlin. Nach dem Studium organisierte er Projekte einer Arbeitsfördergesellschaft, die aussortierte Technik für Hilfsprojekte in Osteuropa und der Dritten Welt regenerierte. Es folgte die Leitung einer Beratungsstelle für Russlanddeutsche. Darauf war er Autor und Redakteur in der Medienfirma Greenlight. Seit 2003 ist er als freier Journalist und Autor tätig. Von 2004 bis 2007 führte er mit einem Musiker und einem Zauberer Musiktheatershows für Kinder auf. Er verfasst Rundfunkbeiträge, schreibt Texte für Audioführer und Kinderlieder. Veröffentlichungen im Boje Verlag, Schneider Verlag, Xenos Verlag und im Deutschen Theater Verlag. Kontaktg.lammert.tuerk@gmail.com

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