Gottesdienst am 3. Sonntag der Osterzeit

aus der Kirche St. Mariä Himmelfahrt in Mülheim

Predigt von Pfarrer Christian Böckmann

„Na, kennst du mich noch?“

Vielleicht wissen Sie auch, wie peinlich solch eine Frage sein kann. Beim Familientreffen von irgendeinem Cousin an mich gerichtet, den ich zum letzten Mal gefühlt vor einer halben Ewigkeit gesehen habe; beim Klassentreffen von einer ehemaligen Mitschülerin gestellt, an deren Namen ich mich partout nicht erinnern kann.

Es ist mir peinlich, wenn ich mein Gegenüber nicht sofort wiedererkenne… und doch passiert es immer mal wieder, dass ich in solch eine unangenehme Situation gerate. Da steht mir jemand gegenüber, der mir bekannt vorkommt, dessen Namen mir nicht einfällt oder den ich gerade nicht eindeutig einordnen kann.

Es ist schon verblüffend, mit welcher Hartnäckigkeit die Osterberichte in den Evangelien genau mit dieser alltäglichen und allzu menschlichen Erfahrung umgehen. Wie ein roter Faden zieht sich die Peinlichkeit des Nichterkennens durch die Begegnungen der Jünger mit dem Auferstandenen.

Maria von Magdala am Grab, die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus, Thomas im Kreis der anderen und auch heute in der Begegnung des Auferstandenen am See von Tiberias.

Wie ist das zu verstehen, wie können wir das einordnen?

Sind die Jünger einfach nur ‚neben der Spur‘`? Sind sie schwer von Begriff? Oder haben die Ereignisse in Jerusalem, haben Prozess und Kreuzestod Jesu sie so traumatisiert, dass sie das, was geschehen ist, verdrängen? Können sie einfach nichts mehr an sich heranlassen? Auch nicht die umwerfende Botschaft, dass Jesus, der tot war, lebt?

Wie wäre sonst dieser merkwürdige Widerspruch aufzulösen. Jesus offenbart sich nach einer Bemerkung des heutigen Evangeliums (Joh 21,14) am See ja bereits zum dritten Mal nach seiner Auferstehung.

Er hatte die Jünger am Osterabend feierlich beauftragt, seine Sendung weiterzuführen; er hat dem Thomas seine Wunden gezeigt, hatte mit seinen Jüngern gegessen und getrunken.?Eigentlich eine klare Abfolge von schwer beeindruckenden Erfahrungen für die Jünger. Das müsste doch bei ihnen wirken.?

Und doch kommt es immer wieder zu einer Art von Bruch. Sie können scheinbar nicht konsequent an die Erfahrungen anknüpfen, die sie gemacht haben.?Immer wieder stehen sie vor der Peinlichkeit, den Auferstandenen nicht eindeutig zu erkennen.

Eine Art von Bruch ist auch das, was die Jünger tun. Nach den zutiefst erschütternden Erfahrungen in Jerusalem kehren sie dorthin zurück, wo sie sich auskennen, wo sich bisher ihr Leben abgespielt hat. Sie gehen zurück nach Galiläa – dorthin, wo sie herkommen. Sie sind reif für die Insel, besser: reif für ihr vertrautes Boot. Sie gehen wieder fischen.

Das kenne ich auch und mir scheint: So sind wir Menschen. In Momenten großer Überforderung, in Augenblicken, wo uns das Leben zu entgleiten droht, suchen wir das, was wir können, suchen wir etwas, woran wir uns festhalten und was uns Sicherheit und Schutz bietet kann.

Also: etwas Vertrautes tun, um Kopf und Herz zu ordnen, um bei allem Verlust und Durcheinander wieder durch etwas Gewohntes inneren Halt und Ruhe zu finden und Luft holen zu können.

Meiner Beobachtung nach reagieren wir oft so auf Überforderungen und in Krisenzeiten. Wir blasen gleichsam zum Rückzug, suchen vertrautes Terrain und schützenden Boden…

In wenigen Strichen skizziert das heutige Evangelium dies alles. Die ratlosen Jünger folgen ihrem Wortführer Simon Petrus an den See und tauchen in ihren gewohnten, vertrauten Alltag ein. Das, was sie können, nehmen sie wieder auf. Sie gehen fischen, des Nachts, so wie es alle Fischer dieser Welt immer schon gemacht haben.Aber sie stellen fest: Der Alltag trägt nicht mehr.

Das, was ihnen so vertraut ist, rinnt ihnen durch die Finger. Sie können sich auch auf ihr erlerntes Handwerk nicht mehr verlassen. „Aber in dieser Nacht“, so heißt es im Evangelium „fingen sie nichts.“

Und dann tritt der Auferstandene in ihren Alltag. Er kommt am Morgen, verstörend und geheimnisvoll fremd. Zu einem Zeitpunkt, an dem man erfahrungsgemäß mit dem Fischen aufhört, fordert er sie auf, die Netze noch einmal auszuwerfen.

Jesus hält keine große Rede, keine umfassende Katechese, Glaubensunterweisung oder Belehrung. Er fordert einfach dazu auf, etwas zu tun; etwas Vertrautes zu tun. Nicht durch Einsicht, nicht durch den Verstand, sondern über Herz und Hand kommt der Glaube. Er muss erfahrbar werden, Glaube muss man erleben.

Nicht über den Glauben reden – sondern ihn erfahren.

Die Jünger folgen dem geheimnisvollen Fremden. Scheinbar weckt er sofort ihr Vertrauen. Vielleicht macht sich auch eine erste Ahnung und Erinnerung breit, wer dieser Fremde sein könnte.

Was er fordert, widerspricht zwar all ihren beruflichen Erfahrungen. Aber vielleicht ist ja ohnehin schon alles in ihrem Leben so durcheinander geraten, dass es jetzt darauf auch nicht mehr ankommt. Also warum nicht – viel zu verlieren gibt es eh nicht mehr. Sie werfen die Netze aus und augenblicklich sind sie so voll, dass sie nur mit Hilfe der anderen zurechtkommen.

Es ist wie ein Wunder! Jetzt geht alles ganz schnell: In diesem Zeichen können sie erkennen. Der Fremde am Ufer „ist der Herr!“ So stellt es als erstes Johannes fest, der Jünger, den Jesus liebte. Herz und Hand führen zum Glauben!

Da wird den Jüngern insgesamt der Fischfang zum Geheimnis, zum Geheimnis des Glaubens.?Was sie als Ablenkung, als Ausweg aus ihrer Überforderung und Krise gewählt hatten, wird für sie auf einmal zu einem Verweis auf einen ganz anderen Fischzug. Sie erinnern sich an ihren Auftrag:

„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“

Sie haben jetzt jenen Fischzug weiterzuführen, den derjenige begonnen hat, der da am Ufer steht und sie erwartet. Sie sammeln sich um Jesus. Und Jesus deutet ihnen geheimnisvoll an, worum es geht: es geht um Sammeln, um Gewinnen, um Einholen… so wie bei einem reichen Fischfang, wie bei der wunderbaren Brotvermehrung.

Es geht um Mahlgemeinschaft, um Nahrung zum Leben, ja um das Leben selbst.? Darum geht es. Jesus, der Auferstandene, der den Tod bezwungen hat, er teilt das Leben aus. Alle sind voller Ahnung, Hoffnung, anfanghafter Freude. Durch den auferstandenen Herrn in ihrer Mitte geht ihnen auf, was jetzt dran ist, wie es weitergeht.

Nicht Rückzug, nicht ängstliches Verharren im Vertrauten, nicht Abwarten und Aussitzen. Sondern nach vorne gehen – das Leben wagen!

Die Jünger erfahren am See von Tiberias den Glauben an den Auferstandenen. Da geht es nicht um Feierstunden oder Sonntagsreden. Sie erfahren ihn vielmehr in ihrem Alltag, sie erfahren ihn als den Urgrund ihres ganzen alltäglichen Seins. Nicht eine Trennung und Aufteilung von „hier ist mein Glaube“ und „dort ist mein Leben“ ist die Botschaft von Ostern, sondern ganz im Gegenteil: Der Glaube lässt sich erst im gelebten Leben finden. Und in der Erfahrung des Alltags bewährt er sich.

Ein Abenteuer, ein zuweilen mühevolles Unterfangen und äußerst riskant dazu. Was uns vielleicht dabei trösten mag ist die Glaubenserfahrung der Osterevangelien: Jesus, der Auferstandene, den wir peinlicherweise oft übersehen und nicht erkennen, er ist immer schon da und er ist derjenige, der auf uns zukommt – in den Alltag unseres Lebens!


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Dieser Beitrag wurde am 01.05.2022 gesendet.





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