Wort zum Tage, 30.04.2022

Beate Hirt, Frankfurt

Freudensprünge

Neulich hatte ich das Glück, einer Schafsherde ganz nahe zu kommen. Dabei waren auch einige junge Lämmer. Und das war ein großer Spaß: Denn diese kleinen, weißen Wollknäuel sind über die Wiese gewetzt und haben dabei Luftsprünge gemacht.

Mit allen vieren sind sie beim Rennen immer wieder in die Luft gesprungen. Es sah nach wirklichen Freudensprüngen aus. 

Ich liebe Schafe. Das hat vermutlich auch mit meinem Nachnamen zu tun: Ich heiße Hirt. Der Hirte und die Schafe sind mir im Laufe meines Lebens immer mehr ans Herz gewachsen.

Ich mag auch die biblischen Bilder und Geschichten dazu. Obwohl ich weiß: Vielen Menschen gefallen die nicht so. Sie finden sie zum Beispiel zu kitschig, denken an Schäferromantik und können nichts anfangen mit verklärten Naturszenen, in denen ein Hirte im wunderschönen Grün seine Schafe um sich schart.

Andere, die kirchlich Engagierten vor allem, reagieren allergisch auf das Bild, weil es scheinbar bestimmte Rollen festschreibt: Hier der Hirte, der sagt, wo es lang geht, und da die dummen Schafe, die sich führen lassen.

Und trotzdem: Ich mag dies biblischen Bilder vom Hirten und den Schafen. Mein Lieblingspsalm aus der Bibel ist der Psalm 23, darin heißt es:

„Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.“

Mir tun diese Zeilen gut. Mir tut dieses Bild von Gott gut: Er ist eben kein romantischer oder gar autoritärer Hirte. Das Wichtigste an seinem Hirte-Sein ist: Er ist für die Menschen da, er umsorgt sie, er verteidigt sie auch gegen das Böse.

„Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil. Denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.“

Mit dem Stock und Stab kann ein Hirte bis heute seine Schafe verteidigen, gegen andere Tiere zum Beispiel. Auch Jesus hat sich selbst als Hirte bezeichnet. Einer, der sogar im Notfall sein Leben hingibt für seine Schafe.

Ein Hirt ist eben in der Bibel keiner, dem die Schafe gehorchen oder sich opfern müssen. Sondern es ist umgekehrt einer, der sich für die Schafe opfert und ganz für sie da ist.

Ich mag dieses Bild von Gott und Jesus als Hirt. Und ich sehe mich in dem Bild auch ganz gerne mal als Schaf. Als eines, das beschützt und behütet wird. Dem die Lebenskraft wieder zurückgegeben wird.

Und manchmal sehe ich mich selbst dann sogar als Lamm, das im Frühling über die Wiese tollt und Freudensprünge macht.


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Dieser Beitrag wurde am 30.04.2022 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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