Wort zum Tage, 28.04.2022

Beate Hirt, Frankfurt

Jom haScho’a

Es sind Erlebnisse, die ich nie vergessen werde: Mein Besuch in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Israel, vor gut 20 Jahren. Und dann der Tag in Auschwitz im Sommer vor sechs Jahren, auf einer Polenreise.

Das Grauen über den Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden hat mich an diesen Orten gepackt. Heute, an diesem Donnerstag, muss ich an diese Erlebnisse besonders denken. Denn heute wird in Israel der Jom haScho’a begangen, der Gedenktag für die Opfer der Schoah, des Holocaust.

In Israel wehen deswegen die Fahnen auf Halbmast. Im Fernsehen und Radio laufen keine Unterhaltungssendungen, nur Trauermusik und Dokumentationen. Im gesamten Land heulen um 10 Uhr morgens für zwei Minuten die Sirenen.

Dann halten Autos und Busse an, Menschen bleiben schweigend stehen und gedenken der Opfer. Und in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte, werden sechs Fackeln entzündet. Sechs Fackeln – für sechs Millionen ermordete Jüdinnen und Juden.

Als ich damals in Yad Vashem war, hat mich vor allem die Kindergedenkstätte berührt. In einem unterirdischen, dunklen Raum flackern unzählige winzige Lichter. Kerzen, die durch Spiegel immer weiter reflektiert werden. Und aus einem Lautsprecher erklingen unentwegt Namen, dazu Alters- und Ortsangaben.

Hinter jedem Namen steht ein jüdisches Leben, das in den Ghettos und Konzentrationslagern der Nazis verlosch. Es waren eineinhalb Millionen jüdische Kinder, die in der Schoah ermordet wurden.

Auch in Auschwitz hat man sie umgebracht. Bei meinem Besuch dort im Sommer 2016 war das Gras frisch gemäht. Es roch ganz wunderbar. Und gerade das hat mich aufgewühlt – weil ich dachte, welcher Geruch lag an diesem Ort in der Luft, als hier tausende Menschen am Tag verbrannt wurden. Über Jahre.

Ich hatte so viel über Auschwitz gelesen und im Fernsehen gesehen. Aber als ich dort war, das Gras gerochen habe, auf die Reste der Gasöfen geschaut habe, da hat mich das mit allen Sinnen berührt und tief erschüttert.

Die Besuche in Auschwitz und in Yad Vashem haben mich verändert. Ich bin noch empfindlicher geworden gegenüber jeder Form von Antisemitismus. In mir ist der Wille weiter gewachsen: Ich muss aufstehen, wenn Jüdinnen und Juden angegriffen werden, in Taten oder Worten.

Auch in diesen Zeiten jetzt, in denen antisemitische Erzählungen wieder Auftrieb bekommen, etwa bei den Verschwörungstheoretikern und den Corona-Leugnern. Es war ein unfassbares Grauen, das damals in der Zeit der Schoah geschehen ist. Und so etwas darf nie wieder passieren.


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Dieser Beitrag wurde am 28.04.2022 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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