Wort zum Tage, 27.04.2022

Beate Hirt, Frankfurt

Auszeit im Kloster

Vor kurzem war ich endlich mal wieder eine Woche im Kloster. Ich mache das jedes Jahr, wenn‘s geht und nicht gerade Pandemiewellen sind: eine Woche Auszeit in einem wunderbaren Schweigekloster in Frankreich. Nichts als meditieren und beten, essen und schlafen, viel schlafen.

Dieses Jahr hat mir diese Klosterauszeit besonders gut getan. Sie hat mir ein bisschen Abstand verschafft zu all dem Schrecklichen, das gerade in der Welt passiert: Pandemie und Krieg.

Zuhause beschäftigt mich das zurzeit sehr, ich schaue viel Nachrichten und klicke auf dem Handy auf die Eilmeldungen. Die Bilder aus der Ukraine verfolgen mich: diese schrecklich zerstörten Städte, die verzweifelten Gesichter.

Ich gebe zu: Die Woche im Kloster war auch ein bisschen Eskapismus - Flucht aus der Welt. Das war in den letzten Wochen immer mal wieder Thema in Radiosendungen oder Artikeln: Wie viel Eskapismus, Flucht vor den Nachrichten brauchen wir gerade und dürfen wir uns gönnen?

Ich bin eigentlich gar kein eskapistischer Mensch. Ich möchte nicht aus der Welt fliehen, sondern sie verändern und verbessern. Erst recht als Christin.

Gläubigen Menschen wird ja immer mal wieder Eskapismus vorgeworfen: Wir flüchten uns angeblich in eine andere, jenseitige Welt oder vertrösten auf den Himmel, um uns nicht mit der diesseitigen Welt abgeben zu müssen. Mancher sieht auch Klöster so: Als Orte, an denen Menschen aus der Welt fliehen.

Ein bisschen stimmt es ja auch. Und trotzdem ist dieses Schweigekloster ganz und gar kein eskapistischer Ort. Die Schwestern dort sind nämlich auf faszinierende Weise mitten in der Welt. Sie bekommen die Sorgen und Ängste der Menschen mit, die bei ihnen zu Gast sind.

Und sie schauen Nachrichten.Sie tragen all das Leid, das sie wahrnehmen, in ihren Gebeten vor Gott. Manchmal bekomme ich deswegen in meiner Klosterwoche Schreckensnachrichten nicht übers Handy mit, sondern über die Fürbitten, die die Schwestern in den Gottesdiensten sprechen.

Ich hab im Kloster wieder gemerkt: eine gute Balance zwischen Weltflucht und Weltzuwendung ist wichtig. Ich brauche Pausen von der Welt, in denen ich zur Ruhe kommen kann. Neue Kraft tanken kann.

Auch zuhause gönne ich mir jetzt immer wieder solche Pausen und kleine Fluchten. Ich lege für eine Viertelstunde Johann Sebastian Bach auf und spüre, wie mich seine Musik beruhigt. Abends vor dem Einschlafen lese ich Bücher, die nichts mit Krieg oder Pandemie zu tun haben. Und ich bete und meditiere wieder öfter. Kloster im Kleinen – das tut mir auch zuhause richtig gut.


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Dieser Beitrag wurde am 27.04.2022 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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