Am Sonntagmorgen, 24.04.2022

von Pfarrer Christian Olding, Geldern

Zweifelst du nicht, glaubst du nicht! Der „ungläubige Thomas“ als Inspiration

Zweifel gehören zum Leben dazu. Trotzdem ist die Unsicherheit, die der Zweifel mit sich bringt, manchmal kaum zu ertragen. Auch Zweifel und Glaube gehören zusammen. Sie brauchen sich – gegenseitig.

© Lea Fabienne / Unsplash

Zweifeln ist lästig. Ich habe es gerne eindeutig. Ich habe ein gutes Stück meines bisherigen Lebens damit verbracht über Gott nachzudenken, habe seine Worte studiert, gelesen und gelehrt. Aber ich habe auch Zweifel.

Und wenn ich einmal gestorben bin und sich herausstellen sollte, dass tatsächlich wahr ist, was sich Christen über den Tod und das Leben danach erzählen: Ja, dann werde ich ein bisschen erstaunt sein.

Deshalb ist es entlastend im Evangelium, dem Bibeltext, der am heutigen Sonntag in den Kirchen verlesen wird, einen Bruder im Zweifel an die Seite gestellt zu bekommen. Je nach persönlichem Belieben darf ich vorstellen: Der ungläubige oder zweifelnde Thomas.

Am Abend des ersten Tages der Woche hatten sich die Jünger versammelt. Die Türen ließen sie fest verschlossen. Plötzlich kam Jesus zu ihnen. Er trat in ihre Mitte und grüßte sie: „Friede sei mit euch!“ Dann zeigte er ihnen die Wunden in seinen Händen und an seiner Seite.

Als die Jünger ihren Herrn sahen, freuten sie sich sehr. Thomas, einer der zwölf Jünger, war nicht dabei. Deshalb erzählten die Jünger ihm später: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Doch Thomas zweifelte: „Das glaube ich nicht! Ich glaube es erst, wenn ich seine durchbohrten Hände gesehen habe. Mit meinen Fingern will ich sie fühlen, und meine Hand will ich in die Wunde an seiner Seite legen.“

Acht Tage später hatten sich die Jünger wieder versammelt. Und obwohl sie die Türen abgeschlossen hatten, stand Jesus auf einmal in ihrer Mitte und grüßte sie: „Friede sei mit euch!“

Dann wandte er sich an Thomas: „Leg deinen Finger auf meine durchbohrten Hände und sieh sie dir an! Gib mir deine Hand und leg sie in die Wunde an meiner Seite! Zweifle nicht länger, sondern glaube!“ Thomas antwortete: „Mein Herr und mein Gott!“

© Gerrit van Honthorst, 17. Jh. / Gemeifrei

Woher der Zweifel kommt

Thomas ist nicht irgendwer. Das war einer der zwölf Apostel. Jene Zwölf, die alles auf eine Karte gesetzt hatten. Sie hängten den Beruf an den Nagel, verließen Haus und Hof und sind Jesus nachgefolgt.

Wenn man als jemand, der alles aufgegeben hat, miterleben muss, dass dieser Jesus von der geistlichen Elite, vom Hohen Rat, als Gotteslästerer verurteilt und von der römischen Besatzungsmacht wie ein Verbrecher ans Kreuz gehängt wird, um mit einem Schrei der Gottverlassenheit zu sterben, dann bricht eine Welt zusammen.

Und jetzt stellen Sie sich vor: Am Ostertag abends kommt dieser Thomas mit seinem enttäuschten Herzen, mit seiner zerbrochenen Hoffnung in die Nähe des Hauses, wo die anderen Apostel sitzen. Er hört schon, als er einige Meter vor der Türe ist, wie sie drinnen singen und jubeln:

„Halleluja, Jesus lebt!“

Er macht die Türe auf und sieht, wie sie da feiern, wie sie Mahl miteinander halten. Er versteht das einfach nicht.

Und als diese freudig Thomas von der Begegnung mit dem Auferstandenen berichteten, sagt Thomas gleichsam:

„Alles Unsinn. Tot bleibt tot. Die Geschichte von Jesu Auferstehung ist Quatsch. Das kann und will er nicht glauben.“

Die tiefsten Glaubens-Zweifel sind oft auch verbunden mit existenziellen Situationen. Was, wenn sich zeigt: Das wird nicht mehr gut in meinem Leben, meine Lebensplanung zerfällt in Trümmer.

Wann immer Verlust uns ängstigt, Trauer uns niederdrückt, Sinnlosigkeit im Raum steht, dann ist auch der Glaube in Frage gestellt. Es meldet sich jene Seite, die sucht und fragt, kritisch und skeptisch ist, die das Für und Wider erwägt, die zweifelt und wenig Vertrauen hat. Die aber den Mut besitzt zu sagen: Ich glaube nicht. Es ist jene Seite, die Sehnsucht hat nach echter, tiefgreifender Erfahrung.

Der Zweifel stärkt

Meinem Empfinden nach, wird uns kaum beigebracht, wie man produktiv mit Unsicherheiten und Risiken umgehen kann. Als Konsequenz verleugnen oder überspielen viele Menschen Unsicherheiten und Risiken. Sie suchen stattdessen absolute Sicherheiten.

Doch wir alle brauchen auch eine gesunde Portion Skepsis, ein Misstrauen gegenüber der Illusion von Sicherheit, einschließlich und besonders der eigenen. Es bedarf schon des Mutes und einer gewissen Wachheit, um diejenigen, die sich in Sicherheit wiegen, etwas zu piesacken. So wie es Thomas gegenüber seinen Apostelkollegen wagt.

Jeder Mensch hat eine eigene Persönlichkeitsstruktur, ist anders geprägt. Wer sich stark nach Sicherheit sehnt, um sein Ich zu schützen, wird den Zweifel scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Denn schon ein Anflug von Zweifel könnte leicht in Verzweiflung umkippen.

Wer aber ein gewisses Maß an Unsicherheit aushalten kann, ist dem Zweifel gegenüber offen und hat womöglich Freude daran, Dinge infrage zu stellen und unter anderen Blickwinkeln zu betrachten. Der Zweifel stärkt – gerade auch die eigene Persönlichkeit.

Sicher, es wird viel misstraut und gezweifelt. Aber dieser Zweifel bleibt doch oberflächlich. Ich habe eine andere Art des Zweifels im Blick: ein skeptisches Denken, das kultiviert und entwickelt werden muss. Darin liegt eine Lebenskunst, die in unserer auf Gewissheit versessenen Zeit in Vergessenheit geraten ist.

Erst das Zweifeln eröffnet durch seine Vorläufigkeit neue Freiräume des Urteilens und Handelns. Zweifeln ist fruchtbar, bricht Eingefahrenes auf und dynamisiert das Leben. Zweifeln ermöglicht die Suche nach Alternativen und eröffnet neue Möglichkeiten.

Sicherheit gibt es kaum

Persönlich sollte man immer wieder sein Denken und Handeln überprüfen. Lebe ich nach meinen Vorstellungen, meinen Überzeugungen und Werten, oder passe ich mich zu sehr den Erwartungen anderer an? Wir entwickeln uns weiter, indem wir uns neu befragen.

Manchmal kennen wir die Antwort noch nicht. Manchmal muss sie sich erst bilden. Dann wird spürbar, dass es kaum Sicherheit in Erkenntnissen gibt, weil die sich wieder verändern können und nie allumfassend sind.

Unsere gegenwärtige Zeit ist schnelllebig – wir werden konfrontiert mit den unterschiedlichsten Lebensentwürfen. So ist diese Zeit auch eine Zeit des Zweifels: Ist meine Art zu leben eigentlich noch die richtige? Man könnte sein Leben ja auch ganz anders gestalten, wie uns tagtäglich tausende Menschen vor Augen führen.

Die Schnelllebigkeit unserer Zeit macht ein ständiges Innehalten schwer – aber sie verhindert auch, dass wir in unseren Gewissheiten versteinern. Vielleicht haben wir weniger Zeit für skeptisches Hinterfragen, aber dafür definitiv mehr Gelegenheit.

Der Mensch braucht Verlässlichkeit

Misstrauen und Argwohn können nützlich und angebracht sein. Zum Beispiel wenn ein Banker unglaubliche Zinssätze verspricht, jedoch insgeheim nur in seine eigene Tasche wirtschaften will.

Aber wenn sich Argwohn und Misstrauen verselbständigen und sich in jedem Lebensbereich breitmachen, dann kann ein Leben leicht aus den Fugen geraten. Man wittert dann überall das Böse.

Doch: Wenn man alles anzweifelt, läuft man Gefahr, sich selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Woran soll man sich halten, was soll man glauben? Wer sich nur treiben lässt und den Zweifel verabsolutiert, dem fehlt die Orientierung im Leben.

Es bedarf eines Ausgleichs zwischen den Dingen. Dafür braucht es Verlässlichkeit, an die wir uns halten können. Deshalb lohnt es sich, aus den Verhaltensweisen des Thomas zu lernen.

Der Zweifler braucht Gemeinschaft

Als bei ihm alles zusammengebrochen war, hat er sich abgesetzt von der Gemeinschaft der anderen und sich der Haltung hingegeben: Damit muss ich erst einmal alleine fertig werden. Doch entscheidend ist in solch sensiblen Lebensphasen, dass wir uns gegenseitig tragen.

Als Thomas sich aufrafft und wieder zur Gemeinschaft hinzustößt, fallen sie nicht über ihn her. Er wird nicht als störender Nörgler hingestellt, der nur die schöne Stimmung kaputt macht oder mit seiner Außenseiter-Meinung die Gemeinschaft gefährdet.

Eigentlich hätten sie Grund genug dazu; denn sein ausdrücklicher Zweifel an ihren Schilderungen unterstellt doch indirekt, dass ihre Worte keinen Glauben verdienen. Aber sie scheinen zu spüren, wie ernst es ihm ist, welche Glaubensnot hinter seinem Zweifel steckt.

Selbst Jesus hat ihm keine Vorwürfe gemacht, sondern nimmt den Thomas mit seinen Fragen ganz ernst. Er geht auf ihn zu und sagt ihm:

„Thomas, du wolltest mich doch anfassen. Bitte! Hier sind meine Hände, hier ist meine Seite. Du kannst deinen Finger in meine Wunde legen. Ich bin es wirklich.“

Zweifel ins Gebet nehmen

Wenn wir beginnen, über Angst und Ängste, Verzweiflung und Enttäuschung zu reden, und wenn Menschen sich für solche Gespräche öffnen, bin ich überzeugt, dass sich zeigt, wie viele Menschen von Angst getrieben werden. Zweifel wollen zum Ausdruck gebracht werden. Eine religiöse Weise ist das Beten.

Im Gebet kann ich meine Verzweiflung in Worte fassen und auf diese Weise abgeben. Das entlastet und trägt zur Klärung bei. Mir hilft es daher auch, dass andere für mich beten.

Das Gebet knüpft ein Band zu Gott und zu den Mitmenschen. Es ist ein auflehnendes „Trotzdem“, das sich nicht abfinden will mit einer reinen Fragwürdigkeit, die nur noch abgründig ist. 

Niemand kann dem anderen Gott und sein Reich auf den Tisch legen, auch der Glaubende sich selbst nicht. Aber wie sehr sich der Unglaube dadurch auch gerechtfertigt fühlen mag, es bleibt ihm die Unheimlichkeit des „Vielleicht ist es doch wahr.“

Ohne Zweifel geht Glaube nicht

Der Glaubende wie der Ungläubige haben jeder auf seine Weise am Zweifel und am Glauben Anteil, wenn sie sich nicht vor sich selbst verbergen und vor der Wahrheit ihres Seins. Keiner kann dem Zweifel ganz, keiner dem Glauben ganz entrinnen.

Für den einen ist es der Glaube gegen den Zweifel, für den anderen der Glaube durch den Zweifel und in der Form des Zweifelns. Es gibt eine nicht beendbare Rivalität von Glaube und Zweifel, von Gewissheit und Anfechtung.

Der Glaube ist nicht einfach unser Besitz. Er bleibt etwas Lebendiges. Solange wir leben, sind wir unterwegs und deswegen wird der Glaube immer wieder bedrängt und bedroht.

Es ist also heilend, wenn er nicht zu einer handhabbaren Ideologie wird. Denn dann würde er mich unfähig machen, mit den Zweifelnden mitzufühlen, mitzudenken und mitzuleiden.

Wer in seinem Leben ernsthaft sucht, der muss durch viele Enttäuschungen hindurchschreiten zu geistigem und geistlichem Wachstum und zur Reife. Das gilt auch für den christlichen Glauben.

Was nie gezittert hat, was nie ins Wanken gebracht wurde, kann am Ende nicht fest sein. Ohne Zweifel kommt der Glaube nicht zu seiner Sicherheit.

Ein Glaube ohne Zweifel und ohne kritisches Denken könnte zum Fanatismus führen, zum naiven Hochmut eines Fundamentalisten. Andererseits könnte ein Zweifler, ohne irgendeinen Glauben zu haben, in Zynismus und bittere Hoffnungslosigkeit stürzen.

Zweifeln soll nie aufhören

Dem Heiligen Martin soll der Satan in Gestalt von Christus erschienen sein. Aber Martin fragte: Wo sind deine Wunden? Da flüchtete der Teufel. Diese Legende sagt viel: Einem Glauben, einer Kirche, einem Christus ohne Wunden, kann ich keinen Glauben schenken.

Deswegen habe ich weniger Angst vor Zweifel, vor Krisen und Einbrüchen als vor der Banalität, mit der Lebenszeit manchmal herumgebracht oder eben totgeschlagen wird.

Das Zweifeln am eigenen Denken und Handeln soll nicht einfach eines Tages aufhören, vielmehr ist dieses Zweifeln ein nie endender, nie beendbarer Prozess.

Das menschliche Vermögen zur Selbstrevision ist prinzipiell sehr groß. Man soll das Gute behalten, aber immer wieder hinschauen, was denn das Gute ist. Grundvertrauen ist nichts Gegebenes, sondern etwas Dynamisches. Es stellt sich her, und zwar immer wieder neu und nie vollkommen.

Zweifel gibt der Möglichkeit Raum, dass auch anderes wahr sein kann – ganz anderes als das, von dem wir gerne hätten, dass es wahr wäre. Will man es pathetisch formulieren, könnte man sagen: Zweifelst du nicht, glaubst du nicht und dann lebst du vermutlich auch nicht wirklich.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Hans Zimmer – Stay, aus: Soundtrack „Interstellar“

Hans Zimmer – Day One, aus Soundtrack “Interstellar”

Hans Zimmer – Cornfield Chase, aus Soundtrack „Interstellar“

Hans Zimmer – Mountains, aus Soundtrack “Interstellar”


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Dieser Beitrag wurde am 24.04.2022 gesendet.


Über den Autor Christian Olding

Pfarrer Christian Olding, geboren 1983, wuchs in Niedersachsen auf. 2011 empfing er die Priesterweihe und ist derzeit in der Pfarrei St. Maria Magdalena am Niederrhein tätig. Mit seinem Projekt v_the experience arbeitet er daran, den Glauben in seiner ganzen Alltagsrelevanz zu vermitteln. Kontakt
christian.olding@gmail.com Internet
www.youtube.com/c/vtheexperience

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