Gottesdienst am Ostermontag

aus der Kirche St. Elisabeth in Ballenstedt

Pfarrer Winfried Runge

Liebe Schwestern und Brüder,

unsere Kirche St. Elisabeth ziert die Muschel des Jakobsweges. 2006 begann man in unserem Bistum Magdeburg die Strecken auf dem sachsen-anhaltinischen Jakobsweg neu einzurichten und zu beschreiben. Dabei versuchte man möglichst viele Kirchen auf der Straße der Romanik mit in den Streckenverlauf einzubeziehen.

Klar, das Orte wie Magdeburg, Halberstadt und Quedlinburg oder Naumburg dabei nicht fehlen durften. Aber Ballenstedt? Das ist doch eher ein Ort für Touristen und Kurgäste. Aber das Wissen darum, für mich, als neuem Pfarrer, dass wir hier an einer der wichtigen geistlichen Pulsadern Europas liegen, hat mich inspiriert. Mehr noch der Aufruf von Papst Franziskus Ende letzten Jahres zur Weltsynode, indem er sagte:

"Wir wollen uns als Kirche miteinander auf den Weg machen."

Dies haben wir hier in unserer Pfarrei konkret umgesetzt, an mehreren Samstagen der Fastenzeit. Wir haben die Pfarrei unter unsere Füße genommen und mehr und mehr Menschen haben sich dieser Bewegung angeschlossen und sind dabei miteinander ins Gespräch gekommen.

Auf dem Camino gehen. Schon in der DDR-Zeit träumte ich davon. 2006 war es dann endlich soweit. Hape Kerkeling hatte gerade sein Buch veröffentlich: „Ich bin dann mal weg“ – mit der beeindruckenden Passage, dass er von sich sagen konnte, er habe auf diesem Weg Gott erfahren, was für so manchen Bundesbürger ein weiteres Motiv gewesen sein mochte, es ihm gleich zu tun.

Pilgern ist in Mode gekommen – und es ist nicht nur das Abenteuer, das in die Fremde lockt sondern eben auch eine Ahnung davon, dass mir auf diesem Weg etwas Wunderbares widerfahren kann – dass mir vielleicht eine wichtige Erkenntnis geschenkt wird, dass sich ein schwerwiegendes Problem löst, ja vielleicht auch, dass ich Gott ganz bewusst und anders erfahre.

Gott suchen, damit beginnt alles. Aber finde ich ihn auch? Gibt es dafür eine Garantie? Die gibt es leider nicht, sagen uns die geistlichen Experten einer 2000-jährigen Frömmigkeitsgeschichte – zumindest nicht so, wie ich es erwarte. Bei dem einen genügen 5 Schritte aus dem Haus und er ist bei Gott oder Gott bei ihm. Der andere läuft ein Leben lang und sucht und wartet und spürt kaum etwas.

Warum aber immer gleich Gott erfahren wollen? Warum immer gleich nach dem Äußersten greifen? Geht es nicht auch etwas bescheidener? Es gibt eine interessante Aussage des Wüstenvaters Antonius, des Großen. Er sagt:

„Vom Nächsten her kommen uns Leben und Tod. Gewinnen wir nämlich den Bruder, so gewinnen wir Gott.“

Genau da wollten wir bei unserem Gemeindepilgern ansetzen. Sich gemeinsam auf den Weg machen und Gelegenheit geben, einander – neu – kennenzulernen – den Bruder, die Schwester. Sicher, wir hatten Andachten, Meditationen, Impulsfragen zum Nachdenken vorbereitet.

Aber es zeigte sich sehr schnell: Wir haben einen unglaublichen Bedarf zu reden, uns auszutauschen – vielleicht auch deshalb, weil die Coronazeit uns so lange eingesperrt und isoliert hatte. Vielleicht ist es aber grundsätzlich so: Erst wenn wir uns leer geredet haben – im Schweigen - entsteht auch ein Raum, für Neues – für eine neue Sicht des Lebens, für neue Ideen und Möglichkeiten.

War nicht auch dies genau die Erfahrung der Emmausjünger?

Sie reden und reden über all das, was sich in Jerusalem ereignet hatte – über ihre zerplatzten Träume, über das Fiasko auf Golgotha, über diesen Jesus aus Nazareth, den sie offenbar nie so richtig verstanden hatten und, und, und… Ein wichtiger Teil ihres Lebens lag hinter ihnen und er hatte ein Ende gefunden, mit dem sie nicht klarkamen.

Und sie reden so lange, bis sie mit ihrem Latein am Ende sind und dann – spricht er – der Fremde, der sich ihnen zugesellt hat – der nun seine Sicht der Dinge ins Spiel bringt. Und es ist anfangs nicht mehr als eine Ahnung – die mehr und mehr zu einer Gewissheit wird und sich am Ende zu einem inneren Feuer entwickelt: Brannte uns nicht das Herz, als er unterwegs mit uns redete?

Haben wir dieser Tage nicht auch genügend schlechte Geschichten, die wir loswerden müssen – die Kirchenkrise und diese ganze Sache mit dem Missbrauch, die Erfahrungen mit Corona, den Maßnahmen und ihren Auswirkungen, der Krieg in der Ukraine und die Sorgen, wie es weitergeht. Und ist es nicht gut, dabei Menschen an der Seite zu haben, die mitgehen, die zuhören können und dann, am Ende vielleicht doch noch einmal einen neuen, einen anderen Blick auf die Dinge wagen?

Das Emmausevangelium möchte uns nicht sagen, dass am Ende eines jeden Weges nun unbedingt auch ein „happy end“ wartet – aber es sagt uns: Jesus geht immer mit. Jesus hört immer zu. Und Jesus kennt verschiedene Wege, wie er unser träges Herz zu neuer Hoffnung erwecken kann. Und er begleitet uns meistens unerkannt – zeigt sich in denen, in denen wir ihn nicht vermuten.

Eine meiner eindrücklichsten Pilgererfahrungen auf dem Camino vor 15 Jahren war ein langes Gespräch mit einem jungen Mann. Ich hatte bei den Begegnungen nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich Priester bin und so nutzte er die Gelegenheit eines 20km langen Wegabschnittes zu einer Lebensbeichte.

Er war auf diesem Weg eine ungeheure Last losgeworden und ich hatte nicht gemerkt, wie Stunde um Stunde vergangen war. Einander wirklich zuhören, ich glaube, dass darin ein echter Schlüssel liegt, um Veränderungen in guter Weise zu befördern.

Deswegen legt auch Papst Franziskus einen Schwerpunkt auf eine solche Haltung, wenn er sagt: Der Sinn des Weges, auf den wir gerufen sind, ist es vor allem, das Antlitz und die Gestalt einer synodalen Kirche zu entdecken, in der

„jeder etwas zu lernen hat: das gläubige Volk, das Bischofskollegium, der Bischof von Rom – jeder im Hinhören auf die anderen und alle im Hören auf den Heiligen Geist, den „Geist der Wahrheit“

(Joh 14,17),

um zu erkennen, was er ,den Kirchen sagt‘ “.

Synodale Kirche – das ist Kirche auf dem Weg – das ist Weggemeinschaft nach Emmaus hin und nach Jerusalem zurück – das ist das Freiwerden von dem, was uns niederdrückt und das leichtfüßige Aufbrechen zu einem Neuanfang, der immer möglich ist, wenn man den Auferstandenen im Herzen trägt.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 18.04.2022 gesendet.





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