Am Sonntagmorgen, 03.04.2022

von Michael Kinnen, Trier

Gutes Geld und schnöder Mammon. Wie geht „ethisches Investment“?

Wenn gesagt wird, dass Geld die Welt regiert, ist das meistens wenig konstruktiv gemeint. Dabei kann Geld auch "gut", also ethisch investiert werden.

© micheile.com / Unsplash

„Die Wirtschaftssanktionen des Westens wegen Russlands Krieg gegen die Ukraine zeigen Wirkung. Was bedeutet das für Banken, Konzerne, Investoren - und sind noch schärfere Maßnahmen denkbar?“

So titelte die Tagesschau in den ersten Kriegstagen. Geld regiert die Welt. Was den russischen Aggressor vielleicht stoppen kann, ist wenn das Geld in der Kriegskasse knapp wird.

Da ist jeder Kriegsherr verletzlich. In einer gemeinsamen Presseerklärung formulierten kirchliche und nachhaltig orientierte Banken schon schnell nach Beginn des russischen Einmarsches:

„Wir fordern alle Akteure des Finanzmarktes auf, Verantwortung zu übernehmen und ein Zeichen zu setzen. Wir verurteilen jede direkte und indirekte Finanzierung dieses Angriffskrieges. Alle Wirtschaftsteilnehmer müssen jetzt ihre Geschäftsbeziehungen hinterfragen und genau prüfen, was vertretbar ist.“ [1]

Wo Geldhähne auf- und wo sie zugedreht werden, da verändert sich etwas: zum Schlechten wie zum Guten, je nachdem. Deshalb: Kein Geld für den Krieg und das, was Kriegstreiber unterstützen könnte.

Und auch umgedreht ist es ein wachsender Trend, Geld aus ethischen Gründen ganz bewusst zu investieren: Impact Investing – so lautet der Fachbegriff dafür, mit Geld etwas zum Guten, zum Besseren zu bewirken.

Die Macht des Mammon

„Wie geht das?“

Das fragen sich auch immer mehr die, die ihr Geld privat „gut“ anlegen wollen und überlegen, wie aus dem sprichwörtlichen schnöden Mammon das Gute finanziert, wie daraus gutes Geld werden kann. 

Wer vom sprichwörtlichen schnöden Mammon spricht, der benutzt ein biblisches Bild. Der Begriff „Mammon“ kommt vier Mal bei den Evangelisten Matthäus und Lukas vor – manchmal auch wortgleich, wenn sie Jesus selbst zitieren.

"Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ 

Insgesamt über 150 Mal ist in der Bibel vom Geld die Rede. Ob in der Jesusrede vom Mammon bis hin zu den berühmt berüchtigten 30 Silberlingen des Judaslohns. Es ist meist keine so gute Umgebung, wenn da von Geld in der Bibel die Rede ist.

Und Almosen, die da auch immer wieder erwähnt werden, sind zwar gut, aber letztlich doch nur eine kurzfristige Nothilfe. Das allein ist noch kein nachhaltiges ethisches Investment, so wichtig Spenden natürlich sind.

Regiert oder dient Geld?

Papst Franziskus erkennt die große Macht des Geldes. Er warnt in seinem programmatischen Antrittsschreiben „Evangelii Gaudium“ aus dem Jahr 2013 davor, dass es im Umgang damit nicht zuerst um Finanz-Spekulationen und nur um schnellen Gewinn gehen soll: immer mehr und immer schnelleres Geld; denn dann bleiben Umwelt, Ethik und Moral – dann bleiben Menschen auf der Strecke, schreibt der Papst:

„Einer der Gründe dieser Situation liegt in der Beziehung, die wir zum Geld hergestellt haben, denn friedlich akzeptieren wir seine Vorherrschaft über uns und über unsere Gesellschaften. Die Finanzkrise, die wir durchmachen, lässt uns vergessen, dass an ihrem Ursprung eine tiefe anthropologische Krise steht: die Leugnung des Vorrangs des Menschen! Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel.“ [2]

Wenn Menschen leiden, weil ein paar wenige auf deren Kosten leben und ausbeuterisch profitieren, dann ist dieses Wirtschaften ganz wortwörtlich un-menschlich. Und noch drastischer fasst der Papst es in dem kurzen Satz zusammen, der zu einem der bekanntesten und am meisten zitierten Worte seiner bisherigen Amtszeit geworden ist:

„Diese Wirtschaft tötet.“ [3]

Und damit ist dann schon ein erstes Kriterium für „gutes Geld“ gegeben: Der Mensch muss im Mittelpunkt bleiben. Nein zu einer Vergötterung des Geldes; oder – wie es der Papst schreibt:

„Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen“ [4]

Und hier scheint schon Kriterium 2 auf: Geld an sich ist weder gut noch schlecht. Gutes Geld muss für etwas gut sein, um gut zu sein. Die katholische Sozialethik hat dafür Grundprinzipien: Personalität, Solidarität, Subsidiarität, Gemeinwohl und Nachhaltigkeit.

Es geht also um den Menschen und darum, was mit dem Investment bewirkt werden kann und soll: Geht's nur um Gewinn und Profit von ein paar wenigen oder stärkt es auch nachhaltig die Gemeinschaft, gerade die, die schwächer und bedürftiger sind? Finanzfachleute sprechen vom magischen Dreieck des Investments:

„Liquidität, Risikominimierung, Rendite.“

Kategorien des ethischen Investments

Geld soll also so angelegt werden, dass es einerseits schnell verfügbar ist, wenn man es braucht. Es soll andererseits möglichst so angelegt werden, dass es solide mehr wird und dass dabei gleichzeitig das Risiko gering bleibt, es in dubiosen Anlagen oder schädlichen Verstrickungen zu verzocken. Aber wie? Dafür gibt es ethische Investmentkategorien[5] :

Kategorie 1: „Ausschluss“ 

... also das vermeiden, was nicht ethisch ist: Kriegstreiberei mit Waffengeschäften zum Beispiel, Ausbeutung von Menschen und ihrer Arbeitskraft; Ausbeutung fossiler Ressourcen wie Kohle, Gas und Öl; Leben zu Lasten von anderen in dieser und künftigen Generationen – da nicht investieren – sondern aussteigen und ausschließen: „Divestment“ statt Investment.

Kategorie 2: „Best in“

... also das mit Investitionen zu fördern, was sozusagen als Klassenbester in der jeweiligen Branche gute Fortschritte macht; wo es am besten vorangeht mit mehr Schutz der Menschenwürde, dem Schutz der Schöpfung und gerechteren Verhältnissen in Unternehmen und Staaten; wo Korruption, Rüstung, Todesstrafe und unlautere, ausbeuterische Geschäftsgebaren kontrolliert, bekämpft und abgeschafft werden.

Und schließlich:

 

    Kategorie 3: Engagement.

 

... also dort zu investieren, wo kreative Projekte und Ideen zu einer nachhaltigen Verbesserung hin zu fairen Wirtschaftsbeziehungen beitragen. Als Faustformel können die drei Buchstaben ESG dienen: entlehnt aus dem Englischen – E für Environment, also für ökologische Kriterien – S für Social – Soziales Engagement – und G für Governance – gutes Regierungshandeln.

Welche Staaten also in Fragen der Menschenwürde aktiv sind, gerechte Lebensverhältnisse schaffen, Korruption bekämpfen und so weiter. Dort etwa in konkrete Projekte, in Unternehmens- und Staatsanleihen investieren. Das schafft gutes Geld mit E-S-G.

Neue, alte Ziele bis 2030

Und noch ein Kriterium kann da hilfreich sein: die so genannten Millennium-Entwicklungsziele[6]. Entstanden sind sie an der Jahrtausendwende und sollten als Zielvorgabe für das Jahr 2015 das politische Handeln in und mit den so genannten Entwicklungs- und Schwellenländern fördern. Zu diesen Zielen gehören:

    - den Anteil der Weltbevölkerung, der unter extremer Armut und Hunger leidet, halbieren

    - allen Kindern eine Grundschulausbildung ermöglichen

    - die Gleichstellung der Geschlechter fördern

    - die Kindersterblichkeit verringern

    - die Gesundheit der Mütter verbessern

    - HIV /Aids, Malaria und andere übertragbare Krankheiten bekämpfen

    - den Schutz der Umwelt verbessern

Manches wurde erreicht, doch auch viele neue Baustellen sind aufgekommen seitdem. Inzwischen sind die Millennium-Entwicklungsziele weiterentwickelt worden – auch mit der Arbeit kirchlicher Hilfswerke.

Mittlerweile sind 17 Haupt-Entwicklungsziele für eine nachhaltigere Welt[7] formuliert. Sie sollen bis zum Jahr 2030 umgesetzt sein. Dazu gekommen sind zum Beispiel auch Ziele wie:

    - Gerechter Zugang zu sauberem Wasser und Energie

    - menschenwürdige Arbeit für alle

    - Sofortmaßnahmen gegen den Klimawandel und seine Auswirkungen

    - nachhaltiger Konsum

    - friedliche, gerechte und inklusive Gesellschaften

Mikrokredite und Gütesiegel

Es sind gewaltige Ziele. Dazu braucht es viele Investitionen und sehr viel Geld. Wie soll ich da mit meinen paar Euro, die ich vielleicht anlegen kann, etwas erreichen? Und vor allem: Wie kann ich als Privatanleger sehen, welche Anlageformen das alles erfüllen?

Hilfe bieten da Qualitätssiegel, wie zum Beispiel das FNG-Siegel[8] des Forums für Nachhaltige Geldanlagen. Da werden solche Kriterien überprüft, gewichtet und angewandt.

Solche Foren und auch auf Nachhaltigkeit und Ethik spezialisierte Ratingagenturen ie beobachten, wie transparent und vertrauenswürdig die Finanzgesellschaften arbeiten und berichten darüber – als Qualitäts-Check für gutes Geld.

Gutes Geld soll Gutes bewirken. Impact-Investing. Auch mit vielen kleinen Beträgen kann etwas erreicht werden. Der bengalische Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus hat für sein Konzept der Mikrokredite im Jahr 2006 sogar den Friedensnobelpreis bekommen.

Mit Kleinstkrediten hat seine Grameen-Bank zum Beispiel ermöglicht, dass sich arme Familien Ziegen kaufen konnten. Wo es gelang, wurden sie zu Kleinbauern und konnten selbst vom Ertrag leben. In seiner Rede zur Preisverleihung beim Friedensnobelpreis 2006 hat Yunus gesagt:

 

„Wenn du die beste Saat für die größten Bäume in einen Blumentopf setzt, bekommst du eine Kopie in Klein. Da ist nichts falsch am Samen, nur der Boden ist nicht passend. Für mich sind arme Menschen wie kleine Bonsai-Bäume. Es ist nichts falsch an ihnen, nur hat ihnen die Gesellschaft nicht die Chance gegeben, zu wachsen. Um arme Menschen aus der Armut zu holen, müssen wir ein Umfeld schaffen, das Möglichkeiten bietet: Wo sie ihre Kraft und Kreativität entfalten können – dann verschwindet die Armut sehr schnell.“ [9]

Auch wenn die konkrete Umsetzung der Mikrokredite inzwischen auch kritisch gesehen werden, die Grundidee stimmt: Investieren, um zu ermöglichen. Das macht aus schnödem Mammon gutes Geld. Apropos Mammon. Da fehlt noch was zur Ehrenrettung.

Vermögen friedlich nutzen

Der Begriff Mammon ist aus dem Aramäischen genommen und bedeutet dort gleichermaßen Besitz und Vermögen. Und Vermögen im Deutschen hat ja auch zwei Bedeutungen: Nämlich den Besitz und... etwas zu vermögen, ein Potenzial zu haben, eine Möglichkeit. Besitz ist das Vermögen, gerechtere Verhältnisse zu schaffen. Gerechtigkeit ist die Grundlage für Frieden.

Mit dieser Wortbedeutung von Besitz und Vermögen öffnen sich neue Horizonte. Mein Geld, meine Fähigkeiten oder meine Zeit. Es gibt viel Vermögen, Potenzial, was ich investieren kann, ganz alltäglich.

Auch das ist ethisches Investment, das etwas bewirken kann. Das funktioniert letztlich sogar ohne Geld und ist eine Investition in Frieden und Glück. Solches Investment wird zum Segen, so wie in diesem irischen Gebet:

    „Mögen deine Taschen schwer sein von guten Gaben,

    dein Herz aber sei leicht, wenn du sie verteilst.

    Möge das Glück dich verfolgen an jedem Morgen und in jeder Nacht.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Klaus Nomi – The Cold Song

Lambert – Gdansk

Lauren O’Connell – Come together


[1]     Aus der gemeinsamen Presseerklärung von der Bank für Kirche und Caritas eG, Bank für Sozialwirtschaft, BANK IM BISTUM ESSEN eG, Evangelische Bank, KD-Bank Bank für Kirche und Diakonie, Pax-Bank, Steyler Ethik Bank, Triodos Bank und Umwelt Bank vom 1. März 2022: z.B. hier https://www.pax-bank.de/content/dam/f0395-0/interneinhalte/pdf/presse/2022/Gemeinsame%20Presseerkl%C3%A4rung%20zur%20Ukraine_pax-bank.pdf

[2]     Papst Franziskus: Evangelii Gaudium, Nr. 55: https://www.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium.html

[3]     Papst Franziskus: Evangelii Gaudium Nr. 53 - www.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium.html

[4]     Papst Franziskus: Evangelii Gaudium, Überschrift zu den Nrr. 57ff.: https://www.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium.html

[5]     Peter Kardinal Turkson & Peter Schallenberg & Ulrich Schürekrämer - Ethisches Investment https://www.gruene-reihe.eu/artikel/ethisches-investment

[6]     https://www.un.org/millenniumgoals/ und https://www.bmz.de/de/service/lexikon/mdg-millenniumsentwicklungsziele-mdgs-14674

[7]     Zu den so genannten Sustainable Development Goals (SDG): https://sdgs.un.org/goals

[8]     https://www.forum-ng.org/de/qualitaet-und-standards/fng-siegel.

[9]     "To me poor people are like bonsai trees. When you plant the best seed of the tallest tree in a flower-pot, you get a replica of the tallest tree, only inches tall. There is nothing wrong with the seed you planted, only the soil-base that is too inadequate. Poor people are bonsai people. There is nothing wrong in their seeds. Simply, society never gave them the base to grow on. All it needs to get the poor people out of poverty for us to create an enabling environment for them. Once the poor can unleash their energy and creativity, poverty will disappear very quickly." - eigene freie Übersetzung. Original: https://www.nobelprize.org/prizes/peace/2006/yunus/26090-muhammad-yunus-nobel-lecture-2006-2/


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Dieser Beitrag wurde am 03.04.2022 gesendet.


Über den Autor Michael Kinnen

Michael Kinnen, Jahrgang 1977, studierte Theologie in Trier, Frankfurt und Mainz. Er absolvierte die studienbegleitende Journalistenausbildung an der katholischen Journalistenschule in München und ist seit 1998 für verschiedene Programme der Kirche im Radio "auf Sendung". Zum Thema "Gott in Einsdreißig - Fides et 'Radio'" promovierte er an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt zum Verkündigungsauftrag der Katholischen Kirche im Privatfunk. Berufliche Stationen führten ihn von Mainz über Berlin nach Trier. Michael Kinnen ist verheiratet und Vater einer Tochter. Kontakt: info@radiopredigt.de

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