Feiertag, 27.03.2022

von Elena Griepentrog, Berlin

„Gefühle ins Rollen bringen.“ Wie Musik bei Trauer und Depressionen hilft

Ein Lied oder eine Melodie kann manchmal mehr sagen als tausend Worte. Gefühle oder Emotionen, die nicht in Worte zu fassen sind, werden durch Musik plötzlich greifbar. Gerade bei Trauer haben Lieder und Musizieren oft eine heilende Wirkung. 

© Thanos Pal / Unsplash

Es zieht einem die Schuhe aus! Gänsehaut! Der österreichische Sänger Andreas Gabalier ganz allein auf der Bühne, in Trachten-Lederhose wie immer. Und dann singt er dieses Lied, ins totale Dunkel der Halle rein, nur die vielen Feuerzeuge stehen ihm bei.

Einmal sehen wir uns wieder. Ich bin sicher, ich bin nicht die Einzige, der die Tränen laufen. Meine Großmutter, ich war gerade sieben, als sie starb…. Thomas, mein bester Freund, abgestürzt beim Bergwandern, da war ich junge Erwachsene. …Mein Vater, Krebs – er starb nicht so viel später. Einmal sehen wir uns wieder...

Andreas Gabalier schrieb das Lied nach gleich zwei Schicksalsschlägen: Erst nimmt sich sein Vater das Leben, kurz darauf dann seine kleine Schwester. Die Selbsttötung seines Vaters 2006 kommt völlig überraschend, Gabalier ist erst 21. Bis heute hat er keine wirkliche Antwort gefunden, schreibt er in seiner Biografie.

Um den monströsen Verlust zu verarbeiten, geht Andreas viel in die Berge. Und er sucht Trost in der Musik. Lernt, Harmonika zu spielen und schreibt seine ersten Lieder. Immer ermutigt von seiner kleinen Schwester Elisabeth, damals 17. Doch gerade Elisabeth wird einfach nicht fertig mit dem Suizid des Vaters. 2008 bringt auch sie sich um, sie ist erst 19.

Nun hält es Gabalier nicht mehr aus, er zieht wild um die Häuser, trinkt, durchgerüttelt von Trauer und Wut. Aber er schreibt auch weiter Lieder, auch Lieder, in denen sein Glaube durchscheint. In „Einmal sehen wir uns wieder“ schreibt er sich die Trauer von der Seele. Und er schreibt von der Hoffnung auf ein ewiges Leben. Es hilft ihm, mit dem Unfassbaren umzugehen, irgendwie...

„Einmal sehen wir uns wieder“

– heute ein Hit auf Beerdigungen. Und immer wieder kommen nach Konzerten Menschen auf Andreas Gabalier zu, umarmen ihn, erzählen weinend von ihren eigenen verlorenen Angehörigen. Trauer legt ein samtenes Band um Menschen, die Ähnliches erlebt haben. 

Musik tröstet

Überall auf der Welt arbeiten Menschen ihre Trauer, ihren Schmerz in heilsamen Ritualen ab, oft mit Trauergesängen. Und fast immer in Gemeinschaft. Es tut einfach gut, wenn man nicht allein ist mit seiner Trauer, wenn man sich zusammen den Schmerz und vielleicht auch die Wut aus der Seele heult. 

Immer wieder kann man dieses Lied gerade hören. Überall auf der Welt singen Chöre und so genannte Flashmobs die National-Hymne der Ukraine:

Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben, noch wird uns lächeln, junge Ukrainer, das Schicksal. Verschwinden werden unsere Feinde wie Tau in der Sonne, und auch wir, Brüder, werden Herren im eigenen Land sein.“

Überall auf der Welt spielen große Orchester die bisher so unbekannte Hymne jetzt vor jedem Konzert, ob in New York, Tokio, Hamburg, Prag, Vilnius oder London. Überall auf der Welt Solidarität mit einem Volk, das ums Überleben kämpft.

Diesen Trost der Weltbevölkerung können sich die Ukrainer und Ukrainerinnen direkt auf ihrem Handy anschauen. Musik tröstet! Hoffentlich auch jetzt!

„Trostkonzerte“ und Beerdigungssänger

Musik tut auch gut, wenn man allein trauern muss oder will. Und Trost brauchen wir vielleicht öfter als wir uns als Erwachsene zugestehen. Der Tod eines geliebten Menschen, sicher.

Aber auch eine Trennung, der Renteneintritt, der Bruch einer langjährigen Freundschaft, der Verlust der Gesundheit – oder der eigenen Schönheit. Oder all die aufgestaute Trauer aus früheren Zeiten – die Flucht, Heimatlosigkeit. Eine schmerzhafte Kindheit.

In Berlin bietet der dänische Tenor Mads Elung-Jensen regelmäßig „Trostkonzerte“ an, auch jetzt für die Opfer des Ukraine-Krieges. Mal Klassik, mal Musical und Schlager, mal Jazz – jede Musik kann helfen. Für Elung-Jensen sind diese Trost-Konzerte ein persönlicher Lebens-Auftrag.

„Als ich Student war, habe ich eine Stelle als Beerdigungssänger gehabt in Dänemark, und da habe ich immer erfahren, dass der Gesang eine sanfte Kraft hat, also Trauer lindern und zum Teil auch einen heilenden Effekt haben kann. Und das hat mich immer sehr berührt, und ich fand auch eine Art Mission kann man sagen, weil das macht wirklich einen Sinn, dass man da singen kann.“

Weinen erlaubt

Wenn man trauert, fühlt man sich oft wie gelähmt, kann sich nicht bewegen, keine Kraft für nichts mehr. Die Zeit steht still, die Gefühle liegen auf Eis. Nichts geht mehr hinein, nichts mehr hinaus. Und doch ist die Sehnsucht da, man will fühlen, wieder leben! 

Mads Elung-Jensen will der Trauer mit Musik eine Sprache geben, Gefühle wieder fließen lassen. Denn Musik ist Seelen-Balsam. Ganz sanft dringt sie uns in die Seele, macht dort wieder Türen auf, endlich. Wohl kaum etwas sonst auf dieser Welt hat diese emotionale Kraft wie Musik.

„Wenn die Tränen fließen, dann setze ich etwas in Gang. Also, wir sprechen davon, dass der fließende Atem vom Zwerchfell kommt, wenn wir singen. Und die Wissenschaftler haben auch mehrfach bewiesen, dass Gefühle im Zwerchfell gespeichert sind. So wie Trauer und alte Freuden, aber auch Traumata, die können da gespeichert werden. Und wenn man einen Schock erfährt oder wenn man weint, dann können diese Traumata in Bewegung gesetzt werden. Und man kann sie auch lösen irgendwie.“

Tränen sind bei diesen Trost-Konzerten von Mads Elung-Jensen ausdrücklich erlaubt.

Die Kraft eines einzelnen Liedes

Musik wirkt auf den Menschen, auch auf seinen Körper. Sie verändert den Herzschlag, den Blutdruck, die Atemfrequenz. Ganz besonders das Singen kann Gefühle lösen, erlösen.

Denn beim Singen ist der ganze Körper beteiligt. Kehlkopf und Stimmlippen, Muskeln, Knochen, Hohlräume, Weichteile. Und das Nervensystem mit Gehirn und Rückenmark. Alles singt, fühlt, vibriert, trommelt, tanzt mit. Das gilt sogar, wenn wir Gesang nur hören, regelmäßig. 

„Es gibt einige, die wiederholt kommen. Und das ist auch mein Gedanke, dass wir immer kontinuierlich diese Konzerte machen. Und das ist ja so wie die heilige Messe am Sonntag, man hat eine Kontinuität, man weiß, man kann hierherkommen, und wenn man sich wohlfühlt bei unseren Konzerten, dann kann man auch einen Freiraum finden, wo man sich auch ein bisschen aufmachen kann.“

Bei diesen Trostkonzerten gibt es keinen Applaus zwischen den Stücken. Die Zuhörer und Zuhörerinnen können sich ganz in die Musik hineinfallen lassen. Ein Konzert wie eine Meditation.

„Franz von Assisi hat gesagt, selbst ein ganz kleines Lied kann viel Dunkel erhellen. Und das ist das Motto von unseren Konzerten, und ich versuche zu betonen, dass immer hinter der Trauer eine große Liebe steckt. Und dass man die schönen Erinnerungen anspricht, dass man den Frühling, die guten Hoffnungen und auch natürlich die Trauer, aber nicht die quälenden Gefühle, und dass man sie wieder runter drückt, sondern dass man sich daran erinnert, dass man geliebt hat, dass es irgendwie einen Sinn gibt im Leben.“

David, der Musiker der Bibel? 

Musik führt uns tief nach innen, bis zum Urmenschen in uns. Und zu den Ursprüngen der Menschheitsgeschichte. Sprache und Musik entwickelten sich am Anfang gleichzeitig, waren vermutlich sogar praktisch eins, weiß die Forschung inzwischen.

Die Bibel, sozusagen ein Tagebuch der Menschheit, spricht deshalb häufig von Musik. Und schon in der Antike wissen die Menschen: Musik tröstet.

Der Musiker des Alten Testaments ist der legendäre jüdische König David. Er ist nicht nur König, sondern auch Poet und Sänger. Traditionell gilt er als der Autor der meisten der 150 Psalmen. Davids Lieblingsinstrument, so heißt es, ist die Leier, eine frühe Harfe.

Immer, wenn er selbst traurig, trübsinnig, verzweifelt ist, spielt er darauf. Sie trägt ihn, auch durch alle Lebenskrisen hindurch: Probleme in der Familie, Krankheit, Verfolgung und drückende eigene Schuld.

Schon als David noch ein bescheidener Hirtenjunge war, fiel er mit seiner besonderen musikalischen Gabe auf. Wie die Bibel erzählt, mit ihrer bilderreichen Sprache, wird er gerufen, um dem depressiven König Saul beizustehen.

Eines Tages kamen einige Diener Sauls mit einem Vorschlag zu ihm: „Du weißt selbst, dass ein böser Geist dich quält“, sagten sie. „Lass uns jemanden suchen, der gut auf der Leier spielen kann! Jedes Mal, wenn dieser böse Geist dich überfällt, wird der Mann seine Laute zur Hand nehmen und dir etwas vorspielen. Das wird dich beruhigen und aufmuntern. Wir denken da an einen jungen Mann, den ich einmal gesehen habe, einen Sohn von Isai aus Bethlehem. Er ist nicht nur ein ausgezeichneter Musiker, sondern auch mutig und kampferprobt. Gott steht ihm bei.“ Sofort sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm ausrichten: „Schick deinen Sohn David, den Schafhirten, zu mir an den Königshof!“ Immer, wenn der böse Geist über Saul herfiel, griff David nun zur Leier und begann zu spielen. Und immer wieder brachte die Musik Saul Erleichterung. Er fühlte sich besser, und der böse Geist ließ ihn in Ruhe.

(1. Samuel 16) 

Noch heute heißt die Leier in jüdischen Kreisen „Davids-Harfe“. Sie mache das Gemüt sanft, heißt es. Und heile die wunde Seele.

Musik bei der Sterbebegleitung 

Das Elias-Hospiz in Ludwigshafen, klein und familiär. Der katholische Priester Joachim Putz arbeitet hier während seiner Ausbildung zum Sterbe- und Trauerbegleiter mit. Ja, oft brauchen wir auch Trost beim Sterben. Gegen die Angst und vielleicht auch gegen die Empörung: Ich muss sterben!

Oder weil wir nicht ins Reine kommen mit uns und unseren Liebsten, weiß Joachim Putz aus seiner Erfahrung. Putz ist von Kindheit an begeisterter Musiker. Und schon bald hat er auch im Hospiz seine Gitarre immer dabei. Eines Tages wünscht sich ein Hospizgast ein paar Lieder, einfach Gassenhauer.

„Jetzt war es so, dass an diesem Vormittag ein Mann verstorben war und die Familie, die Angehörigen da waren. Und dann waren die am Kaffeetisch, und ich sollte jetzt der Frau Lieder singen, wie ‚Über den Wolken‘, ‚Country Roads‘, ‚Let it be‘ oder so. Und habe dann die Menschen eben gefragt, die Angehörigen des Verstorbenen, ob das jetzt okay wäre, die Frau möchte gern ein paar Lieder hören. Und dann haben die gesagt, ja! Ja, auf jeden Fall! Und er hat auch gern Musik gemacht und er konnte auch Gitarre spielen. Und das hat ihnen so Trost gegeben in dem Moment, die haben mitgesungen, weil sie die Lieder kannten und haben sich hinterher tausend Mal bedankt.“

Abschied muss eben nicht nur melancholisch und ruhig sein. Den einen tröstet Heavy Metal, die andere wünscht sich Schlager. Der dritte liebt Gregorianik. Und manch eine lauscht am liebsten der Stille, einer Musik der ganz besonderen Art.

An einem Weihnachtstag hält Joachim Putz im Hospiz Sitzwache, am Bett eines alten Mannes, der im Sterben liegt.

Es war Weihnachten, ich wusste, er ist religiös, es lag das Gesangbuch da, und ich habe gedacht, okay, welches Weihnachtslied wäre denn schön und habe ‚Ich stehe an deiner Krippe hier‘ ausgewählt. Das ist ein sehr bekanntes Weihnachtslied, das er sicher gekannt hat und ihm sicher vertraut war, ‚Ich stehe an deiner Krippe hier, oh Jesu, du mein Leben. Ich komme, bringe und schenke dir, was du mir hast gegeben.‘

Und in einer Strophe geht es um die Todesnacht und um die Begleitung Gottes, und ich hatte das Gefühl, als ich das Lied gesungen habe, er wurde ruhiger, und am Ende des Liedes habe ich gemerkt: Er ist gestorben! Und das war… mir ist es kalt den Rücken runter gelaufen, das war so beeindruckend und so, ja, würdevoll eigentlich auch für ihn, das ist der Moment, der so bewegend auch für mich war.“

Im Hauptberuf ist Joachim Putz Seelsorger im Uniklinikum Mainz. Viele Patienten und Patientinnen überfallen Ängste, Verzweiflung, Depressionen, wenn sie eine schlimme Diagnose erhalten, erzählt er.

„Bei depressiven Verstimmungen ist es gut, wenn jemand erst mal da ist und zaghaft nachfragt oder mit jemandem einen Weg geht. Was ist das Vertraute? Menschen erzählen gern vom vertrauten Dingen, von Dingen, die ihm gut tun. Manchmal aber in depressiven Verstimmungen, hat jemand keine Idee, was ihm gut tun würde. Und dann kann ich anbieten und sagen, ich habe mal ein Lied mitgebracht, ich würde es ihnen gern singen. Vielleicht hilft ihnen das. Ich habe ja auch einen gewissen Liedschatz, den ich einfach so singen kann. Und oft sind es eher zum Beispiel Taizé-Lieder, die einen ganz einfachen Text haben, die man singen kann, um Menschen mit Musik ein Stück zu erreichen.

Musikmachen setzt Hormone frei

Auch selbst Musik machen hilft. Manchen geht es besser, wenn sie Stunden lang Klavier üben. Oder aufs Schlagzeug eindreschen wie ein Berserker. Oder sich in das gemeinsame Musizieren mit ihrem Orchester hineinfallen lassen können.

Spirituelle Lieder singen. Oder auch nur summen, wie ein Mantra. Auf der Gitarre improvisieren. Rhythmisches Trommeln. Aufhören zu denken. Ich lebe! Ich fühle! Wie oft hat sich Belastendes dann schon ein Stück sortiert. Oder es hat zumindest gut getan, meine innere Zisterne ist wieder etwas aufgefüllt mit Lebenskraft. 

Musik und Lieder tun gut, in großer Trauer wie auch in leiser Traurigkeit. Und gerade Singen macht sogar glücklich. Rein wissenschaftlich betrachtet liegt das an den vielen Glückshormonen, die der Körper dabei ausschüttet: Endorphine, Serotonin, Dopamin. Die Stresshormone wie Cortisol werden gleichzeitig abgebaut.

Wenn man zusammen singt, wird es noch besser: Schon nach einer halben Stunde produziert unser Gehirn Oxytocin, das Kuschel- oder auch Bindungshormon. Wir fühlen uns mit den Mitsingenden verbunden, werden zu einer Gemeinschaft. Wenn wir trauern oder mit Depressionen kämpfen, können wir uns davon tragen lassen, zumindest mal für eine Stunde oder zwei.

Die Summa theologica von Thomas von Aquin

Gemeinsames Singen erwärmt meine Trauer, sie kann sich verwandeln, ganz langsam. Das wusste auch schon Thomas von Aquin, der Star-Theologe des Hochmittalters. In seinem Hauptwerk befasst er sich auch mit der menschlichen Trauer. Sänger Mads Elung-Jensen:

„Er schrieb 1274 seine Summa theologica, und er hatte fünf Mittel wider Trauer und Schmerz. Das erste Mittel, das probateste Mittel, ist jegliche Erfreuung. Also, wenn man sich freut, ist es schwierig, so ganz tief zu trauern. Und in der Trauer kann man auch sehr viel Freude finden. Natürlich eine stillere Heiterkeit als wenn man eine Farce sieht. Aber dass man lächelt und dass man auch vielleicht ein bisschen lachen kann, das ist, glaube ich, ein sehr gutes Mittel gegen Trauer und Schmerz. Die anderen Mittel, das sind Weinen und Heulen und das dritte Mittel ist das Mitgefühl von Freunden. Das vierte Mittel ist Betrachtung der Wahrheit. Und das fünfte Mittel ist Schlafen und Baden.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Andreas Gabalier – Amoi Segn ma uns wieder (Live-Version)

Andreas Gabalier – Amoi Segn ma uns wieder (Album-Version)

Ukrainische Nationalhymne, gesungen

Robert Schumann - „Gute Nacht“ (Winterreise)

Herbert Grönemeyer – Der Weg

Pellegrinnatti feat. Steve Rees – Psalm 90

Katrin Haag & Thomas Wahl – Ich steh an deiner Krippe hier

Tui amoris ignem (Taizé-Gesang)

Israel Kamakawiwo‘ole – Somewhere over the Rainbow

Gemeinfrei

Bis heute gilt er, der allen ein Bruder sein wollte, Juden, Muslimen und Christen als leiser und leidenschaftlicher Prophet, dem sich zu Lebzeiten nie jemand angeschlossen hat. Jetzt berufen sich etliche geistliche Gemeinschaften auf ihn.

Laufbahn im Militär

Darunter die „Kleinen Schwestern Jesu“ und die „Kleinen Brüder Jesu“. Zu ihnen gehört Andreas Knapp. Der Priester und Dichter lebt mit zwei anderen „Kleinen Brüdern“ in Leipzig und hat sich viel beschäftigt mit dem aus dem Adel stammenden Wüstenvater.

„Charles de Foucauld hatte genügend Geld, konnte es mit beiden Händen aus dem Fenster werfen. Er hat viele Partys gefeiert und ein sehr auffälliges Leben geführt, war dann auch durch seine wissenschaftliche Arbeit als Geograph mit jungen Jahren schon berühmt geworden.

Und ihm ging dann auf, als er auf der Suche nach Gott war, dass man Gott eben nicht in diesen Hierarchien suchen darf, die für sein Leben bisher wichtig waren. Die Hierarchie von Status, Geld, von Adligem oder von Ehre und Karriere.

Und er merkt: Gott ist ganz anders. Wenn ich Gott suchen will, dann muss ich heraus aus diesen Vorstellungen, was wichtig ist, wer oben ist, was entscheidend ist. Gott stellt diese Maßstäbe auf den Kopf. Das ging ihm beim Lesen des Evangeliums auf.“

Nach dem Abitur absolviert Charles de Foucauld nur mit Mühe die Militärschule. Sein ausschweifender Lebenswandel verträgt sich nicht mit dem militärischen Drill. Trotzdem wird er Offizier und 1880 mit seinem Regiment in die französische Kolonie Algerien geschickt. 

Wegen einer Geliebten wird er jedoch schon nach wenigen Monaten unehrenhaft aus der Armee entlassen. Nachdem er sich von der Frau getrennt hat, kehrt er für kurze Zeit zum Militär zurück und wird zu einem angesehenen Soldaten.

Die Frage nach Gott

Die arabische Welt und auch der Islam faszinieren ihn. Er will Algeriens Nachbarland Marokko erforschen, ein Land, das für Christen verboten ist. Darum lernt er Hebräisch und macht sich mit einem Rabbiner auf zur Grenze.

Getarnt als Jude zeichnet er die ersten Karten des Altas-Gebirges. Damit kehrt er im Mai 1884 nach Paris zurück. Der junge Forscher wird zum Star der Geografie.

Doch seitdem er in Algerien Muslime erlebt hat, die ganz selbstverständlich in der Gegenwart Gottes leben und darum häufig am Tag beten, beschäftigt ihn eine Frage, die er lange nicht kannte: die Frage nach Gott.

In Paris geht er immer wieder in die Kirche Saint Augustin. Innerlich aufgewühlt, auf der Suche nach der Wahrheit, wiederholt er dort oft einen Satz:

„Mein Gott, wenn es dich gibt, dann lass mich dich erkennen.“

Leben wie Jesus selbst

Im Oktober 1886 ist Charles de Foucauld entschlossen, den Priester von Saint Augustin, Abbé Henri Huvelin, zu bitten, ihn in Religion zu unterrichten. Er möchte sein Leben neu ausrichten – auf Gott.

Doch der Abbé gibt dem 28-jährigen Mann keinen Unterricht. Er nimmt ihm die Beichte ab, reicht ihm die Kommunion, den Leib Christi. Dem jungen Mann wird immer klarer: Ich will leben wie Jesus selbst gelebt hat.

„Charles de Foucauld hat sich von dieser Liebe Gottes so treffen lassen, dass für ihn sein ganzes Leben neu gestaltet werden konnte. So radikal bin ich nicht. Aber die Grundidee, mein Leben gestalten zu lassen von meinem Glauben, das hat mich sehr fasziniert. Und da hoffe ich, dass ich von Charles de Foucauld auch immer wieder so ´n bissel Inspiration bekomme.“

Gut drei Jahre später wird Charles de Foucauld Mönch. Einem Freund schreibt er:

„Ich liebe unseren Herrn Jesus Christus und kann es nicht ertragen, ein angenehmes und ehrenvolles Leben zu führen; war doch das seine das härteste und verachtetste, das es jemals gegeben hat.“

(nach Aufz. und Briefe, 30)

Der Weg führt nach Nazareth

Charles tritt in den strengen Orden der Trappisten ein, bleibt einige Monate in Frankreich, bevor er in ein Kloster nach Syrien wechselt. Von dort geht er nach Algerien. Aber das Leben im Kloster schenkt ihm keine Ruhe.

Und so verlässt er die Gemeinschaft, reist nach Israel und arbeitet in Nazaret als Knecht für ein Frauenkloster. So will er Jesus nachfolgen, der auch in dem kleinen Ort Nazaret viele Jahre unerkannt gelebt hat, bevor er öffentlich aufgetreten ist. Für Charles de Foucauld ist Nazareth allerdings mehr als nur ein Ort.

„Nazareth ist ´ne Chiffre, ´n Bild dafür, dass Gott an Orten ist, wo man ihn sonst eben nicht vermutet. Und dass im Unscheinbaren und im Gewöhnlichen des Alltags oft das Entscheidende schon geschieht.“                     

In Nazareth wurden die Weichen gestellt für das Leben Jesu. Dort wurde er erzogen, auch zu einem gottesfürchtigen Juden, der Gott als Vater anspricht. In Nazaret hat Jesus auch gearbeitet.

„Wir kennen von Jesus vor allem, wie er gepredigt hat und wichtige Dinge gesagt hat, wie er Gleichnisse erzählt hat und Geschichten, oder wie er Menschen begegnet ist und sie geheilt hat. Aber das Ganze wurde ja irgendwie vorbereitet in einer stillen Zeit. Und ich würde das gern die Schule von Nazareth nennen.

Vielleicht ist es ja gerade deswegen so wichtig, in diese Schule zu gehen, damit man in einen ähnlichen Lebensstil hineinwachsen kann. Und die Schule von Nazaret, die kennen wir nur indirekt, sozusagen an dem, was dabei herausgekommen ist. Was er gelebt hat, muss er ja vorher irgendwann gelernt haben.

Und das zeigt sich in den Gleichnissen. Wenn er über Gott redet, redet er nicht in den Bildern des Tempels und des Kultes, sondern in den kleinen Geschichten des Alltags. Und wenn er Menschen begegnet, dann achtet er besonders auf die, die so am Rand stehen. Und darin spiegelt sich seine eigene Lebenserfahrung wider.

Nazareth war´n Dorf, auf das man mit etwas Verachtung herabgeblickt hat. Und vielleicht hat Jesus dadurch gelernt, wie es ist, wenn man verächtlich behandelt wird, und hat eine Sensibilität gerade für die Menschen entwickelt, die an den Rand gedrängt wurden. Und genau ihnen gilt die frohe Botschaft, dass Gott für alle da ist!“                             

In Nazareth lebt Charles de Foucauld wie Jesus: Arm, arbeitet mit seinen Händen, dient Menschen. Als Klosterknecht steht er ganz unten in der Gesellschaft, auf dem letzten Platz.

Tief in seinem Innersten spürt er: Ich bin endlich angekommen, denn in Jesus hat Gott auch diesen letzten Platz eingenommen, um zu lieben, nicht zu herrschen.

„Ich glaube, dass da eine Dynamik drin ist in unserem Glauben. Das ist die Dynamik der Nähe, des Kleiner-Werdens, des Sich-selber-Loslassens. Dass Gott eben nicht jemand ist, der oben auf ´nem Thron sitzt und uns kontrolliert und mächtig uns klein macht, sondern dass Gott jemand ist, der uns entgegenkommt, der uns sucht, der sich bis ins Kleinste hineinbegibt, um uns nahe zu sein.

Und das ist ja so ´ne Dynamik von Annäherung, von Begegnung, von Liebe, wo ich ja immer ´n Stück abrüsten muss und kleiner werden, mich öffnen muss, mich wehrlos machen muss, damit ich einem anderen Menschen überhaupt offen begegnen kann.“

Ganz unten leben

Das einfache Leben ihres Knechtes berührt die Ordensfrauen. Sie möchten Charles de Foucauld gern als Hausgeistlichen haben, als Begleiter ihrer Seelen. Aber zunächst lehnt der einfache Mönch dies ab. Er will seinen letzten Platz nicht gefährden. Sein Leben, das für ihn einen unvergleichlichen Glanz hat: Den der Nachfolge Jesu.

Doch schließlich verlässt Foucauld Israel. Er geht zurück nach Europa und wird im Jahr 1901, mit 42 Jahren, zum Priester geweiht. Kurze Zeit später zieht es ihn zurück nach Algerien.

Zunächst in eine Oase im Westen des Landes, dann nach Tamanrasset, wo er in der Steinwüste eine Einsiedelei errichtet, sich um französische Soldaten kümmert und Kontakte pflegt zu den eher misstrauischen Einheimischen.

Er will vermitteln, nicht missionieren, nur gastfreundlich sein, sich als Bruder erweisen und so das Evangelium verkünden – in einem Leben ganz unten.

Gott ist einfach             

„nazaret:

im graubunten galiläer allerlei

monotones hinundher

treppauftreppab jahrausjahrein

das leben pulsiert

im rhythmus von hammer und säge

die hobelspäne der zeit

fallen auf den boden der normalität

inmitten dieser symphonie aus eintönigkeiten

völlig unspektakulär

das göttliche präsent

Das Wort ‚Präsent‘ hat ja diese doppelte Bedeutung: Das Gegenwärtig sein, es heißt aber auch: Es ist ein Geschenk, ein Präsent wird überreicht.“

Mit wenigen Worten beschreibt Andreas Knapp das Lebensmodell des Charles de Foucauld. In einem einfachen Leben scheint Gott auf. Es braucht dafür keine Kathedralen, keinen Gottesdienst, keine hohe Bildung, keine Liste von guten Werken.

Freund der Tuareg

Weniger ist mehr. Es braucht Tag für Tag Vertrauen ins Leben und offene Augen für Menschen und Gott. Das Lebensmodel überzeugt auch die Tuareg, das muslimische Volk, dem Foucauld in der Wüste begegnet.

Bald sehen manche von ihnen in ihm einen heiligen Mann, der leider kein Muslim ist. Er lernt ihre Sprache, sammelt ihre Wörter, ihre Fabeln und Gedichte. Er lebt wie sie, teilt mit ihnen, was er hat. Sie sind ihm ebenso wichtig wie die hochgestellten französischen Militärs oder einfache Soldaten.

Von Tamanrasset zieht Foucauld schließlich auf einen Gipfel des Ahaggar-Gebirges, wo er in 2700 m Höhe eine neue Einsiedelei baut. Er will sich in der Einsamkeit radikal hinwenden zu Gott.

Dabei die Menschen nicht aus den Augen verlieren. Doch schon bald verlässt er den Berggipfel wieder, kehrt zurück nach Tamanrasset, lebt in Nachbarschaft der Tuareg.

Lernen von Foucauld

Das irritiert nicht nur manche französischen Soldaten. Für Andreas Knapp hat Charles de Foucauld damit etwas deutlich gemacht:

„Das ist auch ein Aspekt, wie ich ganz konkret Nazareth leben kann: Hab´ ich auch Beziehungen zu Menschen, die eher am Rand stehen? Interessiert mich das Schicksal von Nachbarn oder Nachbarinnen, denen es nicht gut geht? Pflege ich Beziehungen zu Menschen, die mir nicht zu Ansehen verhelfen, die keine Lobby haben, mit denen ich nicht einmal irgendwie glänzen kann, sondern die in Not sind, die in Schwierigkeiten sind. Oder mit Geflüchteten und Vertriebenen. Habe ich Kontakt zu solchen Menschen, die in den Augen der Gesellschaft zunächst einmal nicht interessant sind?“

Charles de Foucauld hat sie gesehen, sich von ihrer Not berühren lassen. Er war einer von ihnen, ganz unten. Auf dem letzten Platz, den Gott in Jesus selbst eingenommen hat, um niemanden zu übersehen.

Wie aber schauen Christinnen und Christen heute?

„Haben sie ´nen Blick für Menschen, die am Rand stehen, sind ihnen die wichtig, und sind sie auch zufrieden mit den gewöhnlichen Dingen des Alltags? Wir leben ja in einer Gesellschaft, in der Optimierung, Karriere, immer schneller, immer mehr ´ne Spirale ist, die auch viele Menschen oft an den Rand ihrer Kräfte bringt.

Natürlich ist es wichtig, dass wir funktionieren, dass wir unseren Job gut machen, dass wir auch innerhalb der Gesellschaft unseren Platz einnehmen. Aber das ist nicht das Wichtigste.

Das Wichtigste ist, dass ich aus Liebe lebe, dass ich in Beziehung lebe, dass ich Vertrauen habe ins Leben, dass ich mit Gott in Beziehung stehe. Kann ich glauben, dass Gott mich kennt und sieht, und gibt mir das so ´ne gewisse Gelassenheit gegenüber all den Anforderungen, die täglich auf mich einstürmen?“

So muss ich mich selbst nicht überfordern. Ich muss nicht alles machen. Und: Ich muss auch nicht immer geben. Ich darf Menschen auch mit leeren Händen begegnen. Dann lenkt nichts ab von einem Blick in die Augen, von einem Wort, das das Herz erreicht.  

„Das war auch ´n Lernprozess für Charles de Foucauld. Der hat ja auch aus seiner adligen Familie manchmal noch Geld abgeschöpft, um irgendwelche guten Werke zu tun. Da ist natürlich immer die Gefahr: Ich bin der Gebende, der andere ist der Empfangende. Ich – von oben nach unten. Aber die Maßstäbe Gottes sind ja gerade umgekehrt. Dass ich eben immer auch der Empfangende bin und dass von unten her das Gute geschenkt wird.

Und da hat Charles de Foucauld gelernt, dass er von diesen Menschen mehr empfängt als er eigentlich gibt. Es gab ´ne dramatische Situation in seinem Leben, wo seine Gesundheit so bedroht war, dass er dem Tod nah war, und da haben ihm diese Beduinen der Tuareg das Leben gerettet.

Und da hat er gelernt: Beziehung ist immer ein Geben und Nehmen. Wir empfangen immer und wir geben. Und ich meine, dass die Bekehrung da beginnt, wo ich lerne, ich bin bedürftig, ich habe leere Hände und ich empfange.“

Der erste Weltkrieg verschont auch Algerien nicht. Da aber die Einsiedelei in Tamanrasset nicht ausreicht, um seine Freunde, die Tuareg, zu schützen, baut er mit ihnen ein Fort.

Nazareth ist überall

Das wird am 1. Dezember 1916 von Aufständischen überfallen und geplündert. Dabei wird Charles de Foucauld ermordet, seine Leiche wird im Boden verscharrt. Doch er wird nicht vergessen. 1933 treten die ersten Männer und später auch Frauen in seine Fußstapfen.

Überzeugt davon: Nazareth ist überall. Was das bedeutet, beschreibt der Kleine Bruder Andreas Knapp so:

„Ich kann hier und jetzt anders leben. Das ist ja das Entscheidende des Evangeliums, dass Jesus auch in einem Umfeld, in dem ganz viel Gewalt herrscht und Hoffnungslosigkeit, dass er anders gelebt hat. Dass er hier und jetzt schon die neue Welt Gottes versucht hat zu realisieren. Indem er auf Menschen zuging, indem er Aussätzige umarmt hat, indem er viele der gültigen Gesetze überschritten hat, um zu zeigen: Es ist eine andere Welt möglich. Und zwar dort, wo ich jetzt schon damit beginne!“

Indem ich eintauche in das Leben, im Glauben daran: Gott ist da. Hier und jetzt. So können Menschen gelassen seine Gastfreundschaft zeigen, seine Güte und Liebe. Wer sich auf Nazareth einlässt wie Charles de Foucauld, lebt anders, gelassener. Das bedeutet:

„Dass mein Besitz und alles, was mir so anvertraut ist, dass das nicht zu einem krampfhaften Festhalten führt, sondern dass ich frei mit umgehen kann. Und es heißt: Wenn ich die Karriere nicht machen kann, die ich angestrebt habe, dass ich deswegen als Mensch noch nicht versagt habe, sondern dass ich immer noch für Gott ein unendlich wertvoller Mensch bin. Also, an all dem, was gegeben ist, das dankbar anzunehmen und zu benutzen, aber es nicht so festzuhalten, dass ich abhängig werde.“

„Weniger ist mehr.“ Das hat Charles de Foucauld in seinem Leben entdeckt und gelebt. Im Mai wird der „Bruder aller“ von der Katholischen Kirche heiliggesprochen.

Doch es ist sein Beispiel, das Menschen bis heute fasziniert: In Beziehung leben. Wie das aussehen kann, beschreibt Andreas Knapp so:

„mitten in der Welt

Unser Stadtviertel ist unser Kloster

und die belebten Straßenkreuzungen sind unser Kreuzgang

unsere Klosterwerkstätten sind die Fabriken

und unsere Gebetszeiten werden von der Stechuhr diktiert

unsere Fürbitten stehen in der Zeitung

die Probleme der Nachbarin hören wir als Tischlesung

und ihre Lebensgeschichte sind unsere Bibliothek

die Gesichter der Menschen sind die Ikonen die wir verehren

und im leidgezeichneten Antlitz schauen wir auf den Gekreuzigten.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Marcelino’s Despair - Mark Knopfler & Evelyn Glennie

Hams (Whisper) - Mohamed Naiem

„Asking For A Friend“ - Mary Chapin Carpenter

Monagah - Mohamed Naiem

Altamira - Mark Knopfler & Evelyn Glennie

The Cider House - Rachel Portman


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Dieser Beitrag wurde am 27.03.2022 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

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