Gottesdienst am Vierten Fastensonntag

aus der Pfarrkirche Heilige Dreifaltigkeit in Stralsund

Pfarrer Johannes Schaan

Liebe Schwestern und Brüder,

im Eröffnungsvers der Hl. Messe an diesem Sonntag heißt es:

Freue dich, Stadt Jerusalem! Seid fröhlich zusammen mit ihr, alle, die ihr traurig wart. Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung.

Daher heißt der heutige, vierte Fastensonntag: Laetare – Freut euch. Er ist ein Sonntag der Freude, an dem schon die Osterfreude durchscheint.

Was ist diese Freude? Freude kann eine spontane, emotionale Reaktion auf ein Ereignis, ein äußeres Geschehen sein, sogar dann, wenn es noch nicht ganz geschehen ist, und Freude kann in der Erinnerung an solche frohmachenden Erlebnisse zu einem Gemütszustand werden.

Doch leider gibt es aktuell einiges, das uns die Freude nehmen kann. Die Coronapandemie beeinträchtigt uns jetzt schon zwei Jahre. Innerkirchlich ist ein heftiges Ringen entbrannt um notwendige Schritte der Erneuerung angesichts der Trauer und des Schmerzes über das Versagen von Priestern und Bischöfen.

Und es herrscht Krieg in Europa. Schreckliche Bilder der Zerstörung erreichen uns mit den traumatisierten Menschen, die auf der Flucht sind. Wir beten um den Frieden in der Ukraine.

Liebe Schwestern und Brüder, in gewisser Weise ist heute Halbzeit in der Fastenzeit. Hinter uns liegen schon etwa drei Wochen und vor uns liegen noch drei Wochen, dann ist Ostern.

In der Halbzeitpause eines Fußballspiels freut sich die Mannschaft, die in Führung liegt, schon über den möglichen Sieg. Das schenkt Kraft, um dann in der zweiten Halbzeit alles zu geben, damit man nicht vielleicht doch noch Punkte liegen lässt.

Wir dürfen heute Halbzeitpause machen und wissen: Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat. Das ist ein Ereignis. Wir feiern jedes Mal, wenn wir uns zur Eucharistie versammeln, den Sieg Jesu über das Böse, die Sünde und den Tod.

„Triumph, der Tod ist überwunden.“

Das schenkt Freude und Kraft und spornt an, die nächsten drei Wochen und immer wieder alles zu geben, um wirklich Ostern feiern zu können und in der Freude der Auferstehung zu leben.

Wir stehen in der Spannung des schon und noch nicht. Es ist schon geschehen, aber noch nicht vollendet, und es ereignet sich wieder. Es gilt mit den Worten des Hl. Paulus:

Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Und gleichzeitig die Aufforderung: Lasst euch mit Gott versöhnen! Freut euch! Wir sind erlöste Menschen in Christus und bleiben doch immer auch Sünder, Menschen mit Fehlern, Ecken und Kanten.

Liebe Schwestern und Brüder, es stellt sich dann die Frage angesichts all dessen, das uns die Freude nehmen kann: Kann man einfach so zur Freude auffordern, Freude gar anordnen?

Ich möchte Sie einladen, sich heute an Momente der Freude in Ihrem Leben zu erinnern. Oft sind es Momente der Begegnung mit Menschen, die eine besondere Bedeutung für unser Leben hatten oder haben. Es sind Begegnungen, die unser Herz berühren, das innerste unserer Existenz, Begegnungen, die eine bleibende Wirkung haben können.

Und dann möchte ich Sie einladen, mit mir den inneren Blick auf Jesus, den Sohn des Vaters, zu richten. Er möchte uns heute einen Grund zu wahrer und dauerhafter Freude schenken, die eine innere Freude ist und aus einer besonderen Begegnung entspringt.

Kein Gleichnis Jesu wurde so vielfältig ausgedeutet und aktualisiert wie die Erzählung vom verlorenen Sohn oder dem barmherzigen Vater im Lukasevangelium, was wir heute gehört haben.

Was wären unsere Kultur, unsere Gesellschaft, die Kunst und unsere Zivilisation im Allgemeinen ohne die Offenbarung eines Gottvaters voll Erbarmen, ohne die Frohe Botschaft vom barmherzigen Vater? Ständig bewegt sie uns, und jedes Mal, wenn wir sie hören oder lesen, kann sie uns immer neue Bedeutungen nahelegen. Es ist eine Geschichte von Begegnungen, von Nähe und Ferne.

Der erste Sohn geht weg und sucht Freude in vielen, vergänglichen Dingen. Es sind Momente der Freude oder auch Freuden für den Moment, situativ, aber nicht beständig, äußerlich und nicht im Innern verankert. Er verliert im Letzten die Freude.

Der zweite Sohn bleibt zu Hause, er ist brav und verliert doch auch die Freude. Er meint besser zu sein als sein Bruder, und bleibt damit ähnlich wie der andere in einer äußeren Betrachtung des Lebens und der Beziehungen. Er stellt sich selbst ins Abseits und verkennt die innere Verbundenheit des Sohnseins.

Die Worte Jesu in diesem Gleichnis besitzen vor allem die Kraft, zu uns von Gott zu sprechen, uns sein Antlitz, besser noch: sein Herz kennenlernen zu lassen. Jesus lenkt unseren Blick auf die Begegnung mit seinem Vater.

Der Vater hat einen Blick voll von Barmherzigkeit, er erkennt in beiden Söhnen das, was wirklich ist und schaut beide so an, wie sie in Wahrheit sind, seine geliebten Kinder. Wir wollen essen und fröhlich sein.

Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Gott, der Vater, bietet Ihnen die Freude der wahren Kindschaft an.

In welchem der beiden erkennen wir uns heute? Welchem Sohn fühlen wir uns nahe?

Jeder von uns steht in einer Beziehung mit Gott über eine Geschichte hinweg, über seine persönliche Lebensgeschichte: Es gibt Höhen und Tiefen, Trotz und Vertrautheit, Trennung und Verbundenheit. Zu unserem Glück versagt Gott nie seine Treue, er wartet immer auf uns.

Und selbst wenn wir uns entfernen und uns verlieren, fährt er fort, uns mit seiner Liebe zu folgen, wobei er unsere Fehler vergibt und innerlich zu unserem Gewissen spricht, um uns zu sich zurückzurufen.

Allein dadurch, dass wir die Vergebung erfahren und uns so als Menschen erkennen, die von einer ungeschuldeten Liebe geliebt sind, die größer als unsere Armseligkeit, aber auch größer als unsere Gerechtigkeit ist, treten wir endlich in eine wirklich kindliche und freie Beziehung zu Gott.

Immer wieder zu unserem barmherzigen Vater zurückzukehren und sich in seine liebenden Arme zu werfen, das ist Grund und Ursprung wahrer, innerer und dauerhafter Freude.

Liebe Schwestern und Brüder, freut euch, weil Gott ein barmherziger Vater ist, der uns durch seinen Sohn mit sich versöhnt hat und uns als seine geliebten Kinder annimmt. Jetzt lädt er uns ein zu einem Fest der Freude und der Dankbarkeit.

Das schenkt Kraft für die zweite Halbzeit der Fastenzeit, die noch vor uns liegt. Legen wir alle Traurigkeiten und Nöte unserer Tage in die barmherzigen Hände des Vaters.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 27.03.2022 gesendet.





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