Am Sonntagmorgen, 20.03.2022

von Gerd Felder, Aachen

Ist Gott im Lockdown? Corona und die Folgen für den Glauben

In Zeiten der Krise wird Gott am meisten benötigt. In Zeiten der Krise wird die Gegenwart Gottes aber auch am meisten hinterfragt. Ihn zu finden und sich an ihm festzuhalten kann in solchen Zeiten auch besonders schwer fallen ist. Wo ist Gott in der Corona-Krise?

© Julián Amé / Unsplash

Fast scheint er durch die Geschehnisse in der Ukraine in den Hintergrund geraten zu sein – doch in diesen Tagen begehen wir den zweiten Jahrestag des Beginns der Corona-Krise in Deutschland.

Markiert durch den Beginn des ersten Lockdowns am 22. März 2020, wodurch das Virus und seine Auswirkungen in der ganzen Gesellschaft spürbar angekommen waren.

Seit nunmehr zwei Jahren wird die Menschheit mit einer unserer Generation unbekannten Bedrohung konfrontiert. Wie selten zuvor ist uns durch das Corona-Virus die Verletzlichkeit und Verwundbarkeit unseres Lebens vor Augen geführt worden.

Doch welche Folgen hat diese weltumspannende Katastrophe für den Glauben an Gott, welchen Einfluss hat die Pandemie auf das Gottesbild? Hat SARS-CoV-2 etwas mit Gott zu tun? Ist die Pandemie etwa gottgewollt? Wo ist er? Schweigt er? Ist Gott im Lockdown?

Wo ist Gott geblieben?

Zwei Jahre nach dem Beginn des ersten Lockdowns in Deutschland soll es im Folgenden um diese ernsten und grundlegenden Fragen gehen, die dringender denn je gestellt und vor allem auch beantwortet werden müssen. 

© Anna Shvets / Pexels

Die Zurückhaltung, Gott mit dem Geschehen zusammenzubringen, das uns gerade widerfährt, ist seit Beginn der Pandemie mit Händen zu greifen. In der medialen Berichterstattung spielen Fragen einer religiösen Deutung praktisch keine Rolle mehr.

Gott kommt in der über Corona so intensiv und unermüdlich diskutierenden Öffentlichkeit kaum oder gar nicht vor.

Selbst Bischöfe und Theologen, so scheint es, sind sehr zurückhaltend oder geben sich sogar unwillig, Gott angesichts des Virus für irgendetwas in Gebrauch oder in Anspruch zu nehmen.

Ja, Gott lässt sich nicht auf irgendeine simple, vorschnelle Weise vereinnahmen oder verzwecken, eine große Gefahr besteht darin, den „Wahrheitsmund“ in der Gewissheit, in dieser oder jener Weise vom Gott des eigenen Glaubens sprechen zu können, zu voll zu nehmen. 

Gott spricht nicht durch das Virus, nicht durch Seuchen wie die Corona-Pandemie und nicht durch Hunderte oder Tausende Tote. Und doch kann man umgekehrt auch nicht behaupten, dass Gott einfach schweigt.

Corona und die Theodizeefrage

Er kommt zu Wort. Die Krise ist ein Zeichen der Zeit, und zwar einer Zeit der Glaubenszweifel, Grenzerfahrungen und der Bewährung im Glauben. Sie wird damit zum Anlass, sich selbst sowie die eigene Beziehung zu Gott neu zu überdenken.

Wie kann der gute, gerechte und barmherzige Gott eine Katastrophe derartigen Ausmaßes zulassen? Die Theodizeefrage, der „Fels des Atheismus“, wie Georg Büchner sie einst nannte, bewegt Menschen seit Jahrhunderten und stellt sich auch aktuell wieder, wenn unter dem Aspekt des Glaubens über die Corona-Pandemie nachgedacht und diskutiert wird.

Im vorigen Jahrhundert wurde sie vor allem im Zusammenhang mit dem millionenfachen Mord an den Juden, dem Holocaust, thematisiert. Der Philosoph Hans Jonas hat in seinem Vortrag „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“ zu einem Überdenken des überlieferten Gottesbegriffs aufgerufen.

„Nach Auschwitz können wir mit größerer Entschiedenheit als je zuvor behaupten, dass eine allmächtige Gottheit entweder nicht allgütig oder total unverständlich wäre. Wenn aber Gott auf gewisse Weise und in gewissem Grade verstehbar sein soll und hieran müssen wir festhalten, dann muss sein Gut-Sein vereinbar sein mit der Existenz des Übels, und das ist es nur, wenn er nicht allmächtig ist.“

Letztlich kommt Jonas zu der Antwort, dass Gott im Leidenden selbst leidet, und verweist dabei auf die alttestamentliche Figur des Hiob. Ganz auf dieser Linie ist der amerikanische Rabbiner Harold Kushner, dessen Sohn im Alter von 14 Jahren an einer seltenen Erkrankung starb.

Gott ist nicht für die Pandemie verantwortlich

In seinem Buch mit dem Titel „Wenn guten Menschen Böses widerfährt“ kommt er zu der Erkenntnis, dass Gott nicht allmächtig und nicht verantwortlich ist für Terroranschläge, Tsunamis, Krebs oder tödliche Unfälle. Für den Rabbiner gibt es keinen strafenden Gott am Mischpult der Weltgeschichte, aber einen mitleidenden Gott: Er ist die Kraft, die uns helfen kann, trotz allem weiterzuleben.

Diese Gedanken zeigen: Es ist absurd, zynisch und deplatziert, eine Naturkatastrophe wie die durch das Corona-Virus ausgelöste unmittelbar auf Gott zurückzuführen und die Pandemie als Strafe Gottes zu interpretieren, wie es vor allem in der Anfangsphase von Seiten fundamentalistischer Kreise geschehen ist.

Die Corona-Krise ist keine Strafe und keine billige oberlehrerhafte Maßnahme eines Superpädagogen im Himmel.

Aber sie ist eine Prüfung, eine Stunde der Grenzerfahrungen, der Anfechtung und Bewährung und ein Umkehrruf, ein Fingerzeig. Viele falsche Prioritäten und Haltungen, Missstände und Versäumnisse deckt die Corona-Krise gnadenlos auf und weist darauf hin, wo Menschen weggeschaut, Vorgänge ignoriert oder Natur und Mitmenschen bewusst, gezielt und absichtlich ausgebeutet haben.

Gott leidet mit

Ja, die Pandemie hat mit Gott zu tun, denn sie bringt, wie der Bischof von Aachen, Helmut Dieser, in einem Interview hervorgehoben hat, eine Ernüchterung über die Machbarkeit mit sich. Der Mensch könne nicht alles aus eigener Kraft leisten, was er leisten wolle, so Bischof Dieser:

„Wir sind Teil des Ganzen, der Schöpfung, und wenn wir den uns von Gott zugewiesenen Platz als Hüter dieser Schöpfung verlassen und stattdessen Ausbeuter und Beherrscher der Schöpfung sein wollen, schlägt das auf uns selbst zurück und wir vernichten, statt zu schaffen. Corona ist ein Dämpfer für menschliche Allmachtsphantasien.“

Gott bleibt nicht kalt und ungerührt angesichts des Leidens in der Welt, er ist nicht der unbewegte Beweger, der alles bewegt, sich selbst aber nicht bewegen lässt und erhaben über den Wolken thront.

Sondern er leidet mit uns und ist in den Leidenden gegenwärtig, ja mehr noch: Er überwindet das Leiden. Das ist die Antwort von Ostern, das ist die Antwort des Christentums auf die Frage nach dem unschuldigen Leiden.

„Gott ist die Antwort auf die Sinnfrage des Menschen“,

sagt der Fundamentaltheologe George Augustin.

„Der Glaube an Gott gibt dem Glaubenden die Gewissheit und die unerschütterliche Hoffnung: Gott rettet die Welt in seinem Sohn Jesus Christus, der in seinem Tod unseren Tod überwunden hat und uns Anteil gibt am ewigen Leben, dem Leben in Fülle.“

Für Augustin steht fest: Jeder Mensch muss sich, und sei es unter Schmerzen, mit der Unentrinnbarkeit des Todes, der Ungewissheit der Stunde und der Endgültigkeit des Abschiedes auseinandersetzen, um ein sinnvolles Leben führen zu können. Vor diesem Hintergrund verkündet der christliche Glaube das ewige Leben als reale Möglichkeit für alle; dieser Glaube aber ist begründet in der Auferstehung Christi.

Blick aufs Kreuz

Bruno Forte, Bischof der italienischen Diözese Chieti-Vasto, unterstreicht, dass Gott der Gott-mit-uns sei, dem unser Leiden Schmerz bereitet, weil er die Menschen liebt, der dieses Leiden aber zulässt, weil er die Freiheit der Menschen achtet. Das Kreuz Christi ist in Fortes Interpretation der Ort, an dem Gott im Schweigen spricht:

„Am Kreuz macht sich Jesus den Schmerz aller zu eigen, nimmt unsere Sünden und unsere Übel auf sich …  Am Kreuz ist der ewige Sohn auch in den Abgrund eingetreten, den so viele wegen des Corona-Virus erlebt haben und noch erleben. In den Abgrund der Schwäche, der Zerbrechlichkeit, der Schmerzen, der Einsamkeit, der Dunkelheit.“ 

Am Kreuz sterben so letztlich auch unsere naiven Vorstellungen von Gott, denn Gott lässt seinen Sohn die finstere Nacht des Glaubens durchschreiten, und Jesus steigt in die Hölle der Abgeschiedenheit von Gott, des Schweigens Gottes hinab. Dafür steht sein Schrei am Kreuz:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Aber trotz völliger Verlassenheit richtet er seine verzweifelte Frage und sein Gebet dennoch an Gott.

Die Kirche ist gefordert

Die Gottesrede in Zeiten der Pandemie ist ein Wagnis und eine Herausforderung, weil sie sich bewegt zwischen der Erschütterung traditioneller Gottesbilder und dem Mut, an dem Dennoch des christlichen Glaubens im Horizont der Auferstehungshoffnung festzuhalten. Natürlich ist Gott ein undurchdringliches Geheimnis und der ganz Andere, der sich jeder vorschnellen Deutung entzieht.

Deshalb gibt es tatsächlich gute Gründe, im Reden von Gott bescheiden zu sein oder zu werden und sich eines belehrenden oder gar autoritären Verkündigens zu enthalten. Alles Reden über Gott hat stets nur einen metaphorischen Charakter, bleibt immer nur ein Gleichnis, eine hilflose Annäherung.

Doch viele Menschen hungern in diesen Zeiten nach einem sinnstiftenden und tröstlichen Wort zur Krise, nach einem Narrativ, das leider nicht kommt. Deshalb sollte die Kirche, sollten wir alle, jeder und jede von uns, sich gerade jetzt herausgefordert fühlen, unsere menschliche Existenz im Zusammenhang mit Gott zur Sprache zur bringen.

Die Kirche muss sich mehr trauen, gerade jetzt von Gott zu sprechen, trotz aller Gefahren und Risiken, die das mit sich bringt. Wenn nicht jetzt, wann dann? Alle noch so wichtigen Reformen, alle viel diskutierten „heißen Eisen“ sind bei weitem nicht so wichtig, so zentral wie dieses Thema.

Keine gottlose Zeit

Gott ist nicht im Lockdown und auch nicht in der Quarantäne, er hat uns nicht verlassen, sondern ist uns als Gott der Liebe und Barmherzigkeit trotz der scheinbaren Ferne und Abwesenheit in der Krise zugewandt, er steht uns zur Seite.

Er hat Seuchen wie die Pocken, die Pest oder Corona nicht verhindert, sondern vertraut darauf, dass der Mensch diese Geißeln der Menschheit in den Griff bekommen wird.

Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern Gott selbst. Die Verheißung, auf welche die Christen vertrauen und hoffen, lautet, dass am Ende Auferstehung, Leben in Fülle und ewiges Leben stehen werden.

Die moderne Gesellschaft, die die Natur zu beherrschen versucht und uns eine trügerische Sicherheit vermittelt, hat Unrecht, wenn sie meint, dass wir Gott nicht mehr brauchen. In Wirklichkeit brauchen wir ihn mehr denn je. Nach dem biblischen Zeugnis im Buch Exodus ist er der

„Ich bin der, der ich für euch da sein werde.“

(Exodus 3,14)

Es gibt keine gottlose Zeit, denn Gott ist da: im Leiden und in den Schreien der Menschen, in den Wunden Jesu, durch die uns das Jenseits eröffnet wird.

Zeugnis ableben vom leidenden Gott

Dem christlichen Glauben stellt sich Gott nach Meinung des tschechischen Theologen und Soziologen Tomas Halik als ein verwundeter Gott vor –

„weder als der apathische Gott der Stoiker noch als ein Gott, der die Projektion unserer Wünsche oder das Symbol der Machtambitionen eines Menschen oder einer Nation ist“.

Stattdessen ist er aus Sicht von Halik ein im buchstäblichen Sinne sym-pathischer, mit-fühlender, mit-leidender, mit-leidenschaftlicher Gott. Diese überlebenswichtige Botschaft muss weitergetragen und mit Engagement und Phantasie verkündet werden.

Sie muss aber auch ganz konkret und sehr praktisch in tätige Nächstenliebe und Einsatz für die Schwachen, Armen, Kranken, Notleidenden und Sterbenden umgesetzt werden.

Dadurch legen wir Menschen, Christen wie Nicht-Christen, bewusst oder unbewusst das beste Zeugnis von einem Gott ab, der anders ist als jedes Bild, das wir uns von ihm machen, und der vor allem für und mit uns ist und mit den Leidenden mitleidet. 

„Nur ein verwundeter Gott kann durch unseren verwundeten Glauben die verwundete Welt heilen“,

hat Tomas Halik treffend angemerkt. Von diesem Gott dürfen wir nicht schweigen.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Lambert – Gdansk

Danish String Quartet – Traditional: Unst Boat Song

Roberto Cacciapaglia – Transparence

Danish String Quartet – Traditional: Now Found Is The Fairest Of Roses


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Dieser Beitrag wurde am 20.03.2022 gesendet.


Über den Autor Gerd Felder

Gerd Felder, Diplom-Theologe, geboren 1957 in Jülich (Rheinland), arbeitet als Freier Journalist und Publizist in Aachen. Er schreibt vor allem über kirchliche Themen für Zeitungen, Zeitschriften und Nachrichtenagenturen im ganzen deutschsprachigen Raum und betreut Schulprojekte zu sozial und gesellschaftspolitisch relevanten Themen wie „Sterben und Tod“ oder „Flucht, Migration und Integration“.     Kontakt: gerd@felder-redaktionsservice.de

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