Gottesdienst am Zweiten Fastensonntag

aus der Basilika St. Cyriakus, Duderstadt

Propst Thomas Berkefeld

„Da musst Du jetzt durch!“

Liebe Schwestern und Brüder, wenn ich diese Worte höre, dann spüre ich in mir sofort Unbehagen, auch eine Spur von Ohnmacht, Angst, Bedrückung, Zwang...

„Da musst Du jetzt durch!“, wie solche Worte angesichts des Krieges für die Menschen in der Ukraine klingen mögen?

Auflehnung, Protest, „Wer sagt das? Wer darf das überhaupt sagen? Wer darf einem anderen so etwas aufzwingen?“

Niemand hat das Recht dazu. Und trotzdem müssen jetzt Millionen Menschen da durch. 

Es ist heikel, gerade mit solchen Worten heute eine Predigt zu beginnen. Lassen Sie es mich dennoch wagen. Denn ich entdecke sie in den Texten des heutigen Sonntags wieder und glaube, dass mir in ihnen gerade heute etwas Trostreiches gesagt wird.

Aus der Antike ist ein Ritus der Aramäer bekannt, der angewendet wurde bei besonders wichtigen Vereinbarungen, die unter Eid geschlossen wurden:

Man nahm ein Opfertier, zerschnitt es in zwei Hälften, und die Bündnispartner mussten da durch. Sie gingen zwischen den blutigen Fleischstücken hindurch und riefen das Schicksal dieser Opfertiere auf sich selbst herab, sollten sie ihre Vertragsverpflichtungen jemals übertreten. Sie erklärten sich für diesen Fall vorab einverstanden mit dem eigenen blutigen Ende um der Ehre und des Bundes willen.

Man musste sich seiner Sache, seiner Möglichkeiten und Kräfte schon sehr sicher sein - und sich auch dem Bündnispartner gewachsen fühlen. Immerhin setzte man sein eigenes Leben im wahrsten Sinne des Wortes aufs Spiel.

Vor diesem Hintergrund bekommt die Abramsgeschichte die wir als Lesung gehört haben, ihre besondere Bedeutung:

Abram wird auch „Vater der Glaubenden“ genannt, weil ihm die Erkenntnis offenbart wurde: Es gibt nur einen Gott. Und weil er dieser Erkenntnis glaubte.

Diesem Abram bietet Gott einen Bund an. Ihm und seinen Nachkommen, verspricht er Land und Zukunft.

Welches Gewicht diesem Bund beigemessen wird, zeigt sich allein schon in der Menge der Opfertiere: Abram muss alles auffahren, was möglich ist. Von jedem aller opferfähigen Tiere wird eines gefordert. Aber kann er, kann überhaupt ein Mensch Gott ein Treueversprechen abgeben?

„Da musst du jetzt durch“, diesen Satz hört Abram nicht. Doch bevor er überhaupt in der Lage wäre, auch nur einen ersten Schritt zu tun, geht schon Gott. Und Gott geht allein. Abram muss nicht mit.

Das, wovor er sich fürchtet, weil er seine Schwächen kennt, wird nicht von ihm verlangt.

„Da musst du jetzt durch“, das verlangt Gott von sich selbst. Um Abrams willen, damit er glauben kann. Einseitig verspricht Gott einen Bund:

„Ich bin dein Gott. Ich bin für dich. Ich bin an deiner Seite. In mir liegt deine Zukunft.“

Der Mensch Abram, muss nur zusehen und - glauben.

Zwischen diesem Ereignis und dem, wovon das heutige Evangelium erzählte, liegen viele tausend Jahre. Aus Abram wurde ein großes Volk – Israel - mit einer bewegten Geschichte. Und das Zeugnis der Bibel ist eindeutig: In Höhen und Tiefen, in Glück und Leid - Gott blieb seinem Versprechen treu. Mose und Elija sind zwei große Figuren in dieser langen Geschichte. Sie stehen als Garanten für die Wahrhaftigkeit Gottes.

Aber der Höhepunkt dieser Bundestreue Gottes ist Jesus, Gottes Sohn. Er ist Gott, der als Mensch mit und in Israel den einst versprochenen Bund lebt: Ich bin für dich. Ich bin an deiner Seite. In mir liegt deine Zukunft.

Das heutige Evangelium nun berichtet von einem einzigartigen Ereignis. Vielleicht der Höhepunkt im Leben Jesu: Es ist herrlich. Er ist herrlich. Mose und Elija reden mit ihm. Absolut spitze, mehr geht nicht. „Das wollen wir mal festhalten“, denken die, die Augenzeugen sind, „so soll es bleiben!“

Aber Mose und Elija reden mit ihm, dass es nicht so bleiben kann, dass er nicht bleiben kann. Sie reden von einem anderen Ende. Ein Ende, das Jesus in Jerusalem erfüllen soll, nicht auf diesem Berg. Sie sprechen mit ihm von Leid und Kreuz und Tod.  Sie sagen ihm: Da musst du jetzt durch! Um der Menschen Willen, um ihres Glaubens Willen, um des Bundes Willen, den du, Gott, versprochen hast.

Liebe Schwestern und Brüder!

Was Menschen durchmachen jetzt in diesem Moment in der Ukraine, ich kann es nicht ermessen. Es macht mich fassungslos, elend, wütend und ich weiß nicht was noch. An so vielen anderen Orten auf der Welt wird qualvoll gelitten und gestorben, selbst bei bester medizinischer Versorgung. Und wie oft stehen wir oder Angehörige hilflos daneben?

Ich finde auf das „Warum“ keine befriedigende oder tröstende Antwort. Aber heute sehe ich im Evangelium, dass Jesus genau dahin mitgeht.

Ich sehe, wie er dem Berg der Verklärung den Rücken kehrt und wieder hinabsteigt, dahin, wo gelitten und gestorben wird; wo Menschen schwere Wege zu gehen haben und an ihr Ende kommen.

Er geht nicht nur dahin, er geht da durch. Jesus macht sich auf den Weg in einen grausamen Tod. Ich weiß nicht, warum er es nicht anders macht. Warum er dem Leiden kein Ende bereitet.

Aber ich sehe, dass Gott sich und seinem Versprechen treu bleibt, selbst noch dort, wo der Mensch zu ihm brutal wird. Gott geht weiter mit und mit ihm sein Versprechen:

„Ich bin dein Gott. Ich bin für dich. Ich bin an deiner Seite.“

Und wenn ich das sehe, dann will ich auch glauben, dass der letzte Teil seines Versprechens sich bewahrheiten wird:

„In mir liegt deine Zukunft.“


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Dieser Beitrag wurde am 13.03.2022 gesendet.





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