Morgenandacht, 11.03.2022

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Unschuldige Hände

Gibt es eine „Ideologie der unschuldigen Hände“? Mein akademischer Lehrer im Fach „Altes Testament“, Erich Zenger, konfrontierte uns Studierende während des Golfkrieges 1991 mit dieser Frage. Gibt es eine „Ideologie der unschuldigen Hände“?

Als die Raketen Saddam Husseins in Israel einschlugen und keiner wusste, ob diese Raketen nicht Giftgas nach Israel transportierten, diskutierten wir kontrovers über die Frage, ob Israel das Recht zum militärischen Gegenschlag habe und wir im Westen dazu militärische Unterstützung leisten sollten.

Die radikalen Pazifisten unter uns angehenden Theologen lehnten damals jede Unterstützung mit militärischen Mitteln ab. Das hohe Ethos der Bergpredigt Jesu schien dies zu verbieten. Zenger dagegen bezeichnete diese Form der Verweigerung als „Ideologie der unschuldigen Hände“.

Genau dieses Problem bedrängt uns nun erneut mit schmerzhafter Dringlichkeit. Die Hilferufe aus der Ukraine und die Bilder menschlichen Leids zerreißen mir das Herz. Dieser Krieg ist ein schamloser Angriffskrieg, ein Bruch des Völkerrechts. Die Verantwortung dafür trägt der russische Präsident Putin.

Aber ich wehre mich auch dagegen, jetzt jede Form der Differenzierung aufzugeben. Eine Differenzierung ist mir dabei sehr wichtig: Putin ist nicht Russland!

Wie sehr wünsche ich mir, dass viele Menschen in Russland gegen Putin aufstehen und sich wehren. Aber ich verstehe auch, dass die Angst vor Repression und Verfolgung die Menschen in Russland lähmt.

Im Blick auf den Unrechtskrieg in der Ukraine stehen sich zwei Positionen gegenüber. Einig sind sich vielleicht beide Positionen, dass die Ukraine ein Recht auf Selbstverteidigung hat. Aber was bedeutet das nun?

Eine radikale pazifistische Gesinnungsethik lehnt jede Form militärischer Unterstützung ab, auch Waffenlieferungen sind tabu. Sinnvoll ist allein ein Widerstand mit zivilen Mitteln, um keine Eskalationsspirale in Gang zu setzen.

Nicht wenige berufen sich dabei auf die Bergpredigt. Ob zu Recht, sei dahingestellt. Ich füge hinzu: Ich habe Respekt vor einer solchen Haltung.

Ich sage aber auch: Ich halte diese Entscheidung für falsch. Ich persönlich bin entschieden für eine Ethik der Verantwortung. Diese fragt eben auch nach den Folgen einer Handlung. Was passiert denn als nächstes, wenn Putin mit seinem Angriffskrieg durchkommt? Wer ist sein nächstes Opfer?

Ich stelle fest: Die Menschen in Osteuropa haben Angst. Gehört es nicht zu unserer Verantwortung, zu sagen: Stopp und keinen Schritt weiter? Dienen dem nicht Waffenlieferungen zur Verteidigung, harte wirtschaftliche Sanktionen, die den Preis für Putin in die Höhe treiben, auch wenn sie Menschen in Russland hart treffen, auch wenn sie uns selbst viel zumuten werden? Aber wir wissen doch aus unserer eigenen deutschen Geschichte, was passiert, wenn man sich einem Kriegsverbrecher nicht rechtzeitig mit aller Entschiedenheit in den Weg stellt. Und es waren am Ende russische Soldaten, die Auschwitz befreit haben. Es waren westliche und östliche Armeen, die Deutschland entwaffnet und befreit haben.

Eine ethische Dilemmasituation ist nicht einfach aufzulösen. Sich zu entscheiden, bedeutet unter Umständen auch, sich die Hände schmutzig zu machen. Ja, es gibt eine Ideologie der unschuldigen Hände. Ich bezweifle, dass sie einer kritischen Prüfung standhält.

Für mich als Christ ist dies eine Zerreißprobe. Spätestens an dieser Stelle wird mir die Gefahr des Irrtums bewusst. Es gibt kein einfaches Ja oder Nein. Darin besteht auch die Tragödie der gegenwärtigen Zeitenwende.

Als Christ bete ich mit vielen Menschen darum, jetzt das Richtige zu tun. Unfehlbar ist keiner von uns.


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Dieser Beitrag wurde am 11.03.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.
Kontakt: ziegler@bistum-muenster.de


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