Am Sonntagmorgen, 06.03.2022

von Sabine Pemsel-Maier, Freiburg

Fasten ist keine Diät. Vom Gewinn des Verzichtens

Alle Jahre wieder kommt die Fastenzeit. Es geht in diesen 40 Tagen nicht einfach nur darum, weniger zu essen oder zu trinken. Zu Fasten ist keine Leistung – auch deswegen gibt es die fastenfreien Sonntage. Wer im christlichen Sinne fastet, der verzichtet vielmehr, um etwas zu bekommen.

© Kamil Szumotalski / Unsplash

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Fasten ist in und Fasten ist gesund: Es beeinflusst Blutdruck, Cholesterin und die Zellreinigung, lindert chronische Entzündungen, Schmerzzustände und psychosomatische Krankheiten.

Fasten stärkt das Immunsystem, entschlackt angeblich auch, sofern man an Schlacken im Körper glaubt. Fasten fördert die Wahrnehmung und erhöht die Willenskraft, wenn es darum geht, sich besonderen Herausforderungen zu stellen.

Fasten ist aus evolutionsbiologischer Sicht ganz natürlich, denn der Nahrungsentzug bringt den Stoffwechsel neu in Schwung und stößt eine Reihe von heilsamen Prozessen im Körper an.

Braucht es eine feste Zeit zum Fasten?

Aber Fastenzeit? Jede und jeder fastet doch, wann und zu welchem Anlass er oder sie es will: nach den kalorienträchtigen Weihnachtstagen, um das reichlichere Essen auszugleichen, am Beginn der Freibadsaison für die Bikinifigur und dann, wenn die Illustrierte eine neue Diät anpreist.

Fasten also nicht subjektiv wählbar, sondern festgelegt auf bestimmte Wochen im Jahr, mit einem klaren Anfang und einem klaren Ende? Ist das nicht eine Zumutung für postmoderne Menschen, die Wert legen auf Individualität?

Stimmt – das ist eine Zumutung, aber das will das Fasten im religiösen Sinne auch sein. Denn die Fastenzeit, die im Kirchenjahr am vergangenen Mittwoch, dem Aschermittwoch begonnen hat, ist keine Fastenkur.

Fasten religiös gesehen

Fasten im religiösen Sinn meint etwas anderes. Nicht das Abnehmen und die Gesundheit stehen im Mittelpunkt, wenngleich das für manche ein willkommener Nebeneffekt ist. Im Mittelpunkt stehen auch nicht, wie dem Christentum manchmal unterstellt wird, Askese, Genussfeindlichkeit und Verzicht um des Verzichtens willen.

Im Mittelpunkt des Fastens steht vielmehr die Beziehung zu Gott. Das ist in anderen Religionen nicht anders, sei es im Judentum Jom Kippur, der große Versöhnungstag, oder im Islam der Fastenmonat Ramadan, der durch das Jahr rolliert und mit dem Zuckerfest beendet wird.

Fasten signalisiert die Bereitschaft, sich wieder neu auf Gott auszurichten, sich auf ihn hin zu orientieren und sich von ihm ganz und gar, innerlich wie äußerlich erfassen zu lassen, nicht nur die Seele, sondern auch den Leib.

Religion ist Unterbrechung

Gewiss, das geht nicht nur in der Fastenzeit – aber da besonders gut. Wer fastet, unterbricht den Rhythmus des gedankenlosen Konsumierens – und „Unterbrechung“ ist nach dem Theologen Johann Baptist Metz so etwas wie eine Kurzdefinition für Religion.

Wer fastet, richtet den Blick vom Außen nach Innen, auf sich selbst. Wer fastet hat die Hoffnung, in der Tiefe des eigenen Selbst Gott zu finden. Wer fastet, lässt sich weniger ablenken von dem, was alles auf uns einströmt und den Blick von Gott wegführt.

Wer fastet, sucht nicht das Laute und Unruhige, sondern Ruhe und Stille – und Stille ist ein Weg zu mir selbst und zu Gott. Und: Wer fastet und verzichtet, übt Solidarität mit jenen, die täglich hungern und materielle Entbehrungen auf sich nehmen müssen.

Natürlich – allein dadurch, dass wir uns hier in Deutschland mit dem Essen zurückhalten, wird in Afrika noch niemand satt. Darum geht in der christlichen Tradition das Fasten mit dem Almosengeben Hand in Hand.

Wo diese Dimensionen fehlen, wo das Abnehmen im Vordergrund steht oder eine Bewusstseinserweiterung und damit letztlich doch nur das eigene Ich, da verliert Fasten seinen eigentlichen, seinen religiösen Sinn.

Aktion „Sieben Wochen Ohne“

Entscheidend ist nicht die Form des Fastens, sondern der Sinn, der sich damit verbindet. Nach der passenden Form lohnt es sich zu suchen. Darauf hebt die Aktion „Sieben Wochen Ohne“ der Evangelischen Kirche ab, die sich auch viele Katholiken zu eigen machen in einer Zeit, in der die Konfessionsgrenzen schwinden.

Hatten die Reformatoren des sechzehnten Jahrhunderts die kirchlichen Fastengebote noch als Äußerlichkeiten und falsches Leistungsdenken kritisiert, durch die sich die Gnade Gottes nicht verdienen lässt, haben evangelische Christinnen und Christen das Fasten in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt. Fasten wird dabei weiter gefasst und beschränkt sich nicht nur auf die Enthaltung von Nahrung oder bestimmten Speisen.

„Ohne“ kann heißen: ohne Alkohol, ohne Nikotin, ohne ständiges Starren aufs Smartphone, aber auch ohne Lügen (wahrlich keine einfache Fastenübung). Es kann heißen: ohne Ausreden, ohne Pessimismus, ohne Scheu, ohne Geiz – so lautete das eine oder andere Motto der Aktion „Sieben Wochen ohne“ in den letzten Jahren.

Damit lässt sich gut anknüpfen an ein bekanntes Wort aus dem 58. Kapitel des Buches Jesaja in der Bibel. Da heißt es:

„Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen in dein Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.“

Mehr als eine Diät

Nicht um „Ent-haltung“ beim Essen geht es hier, sondern um Haltung, nämlich eine religiöse Grundhaltung, die aus der Beziehung zu Gott erwächst. Implizit hat sie auch mit Verzicht zu tun: mit Verzicht auf Vergeltung, auf Hass, auf Gewinnmaximierung, auf Selbstbezogenheit.

In diesem Sinne ist auch die ökumenisch ausgerichtete Aktion „Sieben Wochen mit“ zu verstehen. Sie ist keine Konkurrenz zu „Sieben Wochen ohne“, sondern eine Weiterentwicklung. Gleich ob „mit“ oder „ohne“ – Ziel ist es, sich neu für Gott zu öffnen und die Beziehung zu ihm zu gestalten oder wieder neu zu beleben.

Wie menschliche Beziehungen will auch die Beziehung zu Gott gepflegt werden. Gott kündigt von sich her diese Beziehung nicht auf – das bezeugt die Bibel in vielen Zusammenhängen.

Es sind wir Menschen, die sie aufkündigen. Wo Menschen Gott völlig aus dem Blick verlieren, wo sie „zumachen“ und Gott aus ihrem Leben verdrängen, da droht diese Beziehung zu erlöschen.

Fastenzeit ist Wüstenzeit

Um bei diesem Bild des Erlöschens zu bleiben: Der glimmende Docht, der von Gott her bleibt, muss neu entzündet, der kleine Funken neu entfacht werden. Fasten kann da wie ein Stoß an Sauerstoff wirken, damit das Feuer wieder brennt. Das und nicht die Einhaltung von Speisegeboten ist der Sinn des Fastens.

Jesus selbst hat uns das vorgelebt. Das Lukasevangelium erzählt, wie er sich am Beginn seines Wirkens sieben Wochen lang in die Wüste zurückgezogen und gefastet hat. Und nicht nur dieses eine Mal, sondern immer wieder sucht er den Rückzug, die Stille, die Wüste, um sich auf den Gott, den er Vater nennt, hin zu orientieren, zu beten und sich neu auszurichten. Fastenzeit ist Wüstenzeit.

Die Erneuerung der Gottesbeziehung ist der Sinn und der Gewinn des Fastens, nicht ein Verzicht um des Verzichtens willen. Es ist bedauerlich, dass die Rede von „Verzicht“ in erster Linie negative Konnotationen weckt.

Nicht nur in Bezug auf die Neuausrichtung auf Gott hin bietet das Fasten einen spirituellen Gewinn, sondern auch in anderer Hinsicht: Was Nahrungsmittel, Dinge, Gebrauchsgegenstände betrifft, so lässt sich gerade durch den Verzicht darauf ihr Wert neu entdecken.

Weniger ist mehr

Die coronabedingten Engpässe und Lieferverzögerungen haben die ständige Verfügbarkeit eingeschränkt und eine Ahnung davon vermittelt, wie es ist, wenn man nicht alles zu aller Zeit nach Wunsch haben kann. In der Tat: Der Wert und die Bedeutung von Dingen, aber auch von Menschen erschließt sich erst durch den zeitweiligen Verzicht.

Und umgekehrt: Was selbstverständlich da ist, erfährt oft keine Wertschätzung mehr; wie kostbar es ist, geht einem oft erst dann auf, wenn es nicht mehr da ist.

Ein zweites Potential an Gewinn betrifft die eigene Person: In der Fastenzeit geht es auch darum, eingefahrene Routinen zu durchbrechen, das eigene Denken und Verhalten zu hinterfragen, inneren Wertvorstellungen auf die Spur zu kommen, sich frei zu machen von Alltagszwängen und andere Lebensperspektiven zu entwickeln – zumindest für eine bestimmte und begrenzte Zeit.

Chance für neue Gewohnheiten

Aus der Religionspädagogik stammt die Rede vom so genannten Probehandeln. Das meint, dass sich Kinder und Jugendliche, die das sonst nicht tun, für eine klar umgrenzte Zeit auf ein religiöses Erleben oder eine religiöse Erfahrung einlassen sollen, etwa aufs Meditieren, aufs Beten oder einen Gottesdienstbesuch. Sie sollen Religion ausprobieren und das, was sie erleben, auch reflektieren.

In ähnlicher Weise lässt sich auch Fasten mit damit verbundenen veränderten Haltungen oder Einstellungen im Sinne des Probehandelns ausprobieren und einüben.

Was sieben Wochen eingeübt wird, lässt sich womöglich verfestigen, wird vielleicht bleiben oder kann später zumindest hin und wieder erinnert werden und im Tun aufleben.

Zeit, umzukehren

Fasten, Verzichten, sich Neu-Orientieren wird einfacher, wenn man weiß, dass andere dieselben Anliegen haben, wenn Fasten nicht eine individuelle Entscheidung ist, sondern einen gewissen kollektiven Hintergrund hat. Eben das ist der Sinn einer fixen Zeit und zugleich dichten Zeit im Kirchenjahr.

Verankert ist diese Fastenzeit mit gutem Grund in der österlichen Bußzeit, wie sie in der katholischen Tradition auch genannt wird, bzw. in der Passionszeit, wie sie das evangelische Kirchenjahr nennt.

Der Kontext ist das Kreuz, das Leiden und Sterben Jesu Christi, das seine Botschaft von der Liebe und von der Herrschaft Gottes durchkreuzt hat und das auch von uns immer wieder einen Blickwechsel und eine Neuausrichtung des eigenen Lebens verlangt. Theologisch heißt das „Umkehr“.

40 Tage für einen radikalen Umbruch

In der katholischen Tradition geht der Fastenzeit die Fastnacht oder der Karneval als Phase der Lebensfreude, des Feierns und des Genusses voran. Ihr folgt am Aschermittwoch ein radikaler Umbruch: Jetzt wird die eigene Endlichkeit und Sündigkeit in den Mittelpunkt gestellt. Das ganze menschliche Leben mit allen seinen Ambivalenzen rückt so in den Blick.

Das Leitthema der Fastenzeit ist Buße und Umkehr zur Vorbereitung auf das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu. Die biblische Zahl Vierzig steht dabei symbolisch für einen heiligen längeren Zeitraum.

Sie erinnert an den Zug des Volkes Israel durch die Wüste, der vierzig Jahre dauerte, auf dem Weg ins gelobte Land, und an das vierzigtägige Fasten Jesu, währenddessen er vom Teufel versucht wurde. Beide Male waren es „Durststrecken“ im wahren Sinn des Wortes.

Doch am Ende standen nicht Orientierungslosigkeit, Leid und Tod, sondern für Israel eine neue Zukunft im verheißenen Land und für Jesus die Klärung seines Auftrags und seiner Sendung.

Fastenfreie Sonntage

Für die, die die Fastenzeit begehen und dafür „Durststrecken“ auf sich nehmen, die bereit sind, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen, umzukehren und sich neu auf Gott hin auszurichten, steht am Ende Ostern und die Feier der Auferstehung.

Die Hoffnung darauf blitzt übrigens schon in der Fastenzeit durch: an den Sonntagen nämlich, die vom Fasten ausgenommen sind und die die Osterfreude vorwegnehmen. Allein schon dieses Zugeständnis macht deutlich, dass es nicht um Leistung geht, sondern um einen geistlichen Prozess.

Ein geistlicher Prozess – das ist das Entscheidende. Im Markusevangelium ist davon die Rede, dass es der Geist war, Gottes Geist nämlich, der Jesus in die Wüste und ins Fasten hinausführt. Keine Diät ist Fasten also, sondern ein geistlicher Prozess, und der damit verbundene Verzicht ein spiritueller Gewinn.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Lambert – Sweet Apocalypse

Jan Garbarek – Peace

Ola Gjeilo – Reflections

Ola Gjeilo – The Crossing


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Dieser Beitrag wurde am 06.03.2022 gesendet.


Über die Autorin Sabine Pemsel-Maier

Sabine Pemsel-Maier aus Freiburg ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Sie studierte katholischen Theologie, Philosophie, Pädagogik und Germanistik; Promotion in ökumenischer Theologie. Außerdem übte Sie verschiedenste Tätigkeiten in Schuldienst, Lehrerausbildung, Erwachsenenbildung und Wissenschaft aus. Ihre Schwerpunkte sind: Ökumenische Theologie, Genderfragen, Religionspädagogik, Themen im Schnittfeld von systematischer und religionspädagogischer Theologie.

Kontakt
pemsel-maier@ph-freiburg.de

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