Gottesdienst am 6. Sonntag im Jahreskreis

aus der Pfarrkirche St. Ulrich in Rheinstetten

Predigt von Pfarrer Reinhart Fritz

Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Schwestern und Brüder,

sicherlich erinnern Sie sich an die Regenbogenbilder, die vor fast zwei Jahren überall zu sehen waren, als die Pandemie ausgebrochen ist: An Kinderzimmerfenstern oder vor Kindergärten leuchteten sie farbenfroh in den Lockdown hinein.

Sie verkündeten kurz und bündig:

„Alles wird gut!“

Alles wird gut! Ich hab‘ mich damals gefreut über diese Farbtupfer. Sie haben mir tatsächlich Hoffnung und Mut gemacht. Es hat mir geholfen zu wissen, dass es da noch andere Menschen gibt, die den Kopf nicht in den Sand stecken.

Freilich: Je länger sich die Pandemie hinzog desto frag-würdiger wurden diese Schilder: Die frohe Botschaft, dass alles gut werden würde, hat sich irgendwie abgenutzt, mit jedem Tag voller Einschränkungen. Ich erinnere mich, wie mal jemand geschnaubt hat:

„Ich kann die Dinger nicht mehr sehen! Ist doch alles bloß billige Vertröstung!“ 

Billige Vertröstung. Ja, so konnte das natürlich auch wirken:

„Hab‘ dich nicht so! Irgendwann wird’s ja wieder besser!“

Sowas zu sagen kann richtig zynisch sein: Etwa, wenn jemand um die eigene Existenz bangt. Oder wenn eine unter Belastungen leidet. Oder wenn einer schlicht Angst hat. Dann fühlt er sich nicht ernst genommen in seiner Situation, dann kommt sie sich hingehalten vor, dann wird eine vage Hoffnung auf ein ‚Irgendwann‘ erweckt, ohne dass es hier und jetzt eine Hilfe wäre …

Aber, liebe Schwestern und Brüder, ist es mit den Seligpreisungen nicht ganz ähnlich? Was ist denn das anderes als billige Vertröstung, wenn Jesus sagt:

„Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden.“

Ein leerer Magen füllt sich ja von solchen Worten nicht. Und die Armen können sich nicht wirklich was dafür kaufen, wenn Jesus ihnen zusagt, dass sie irgendwann einmal das Gottesreich besitzen werden.

Kein Wunder also, dass dem Christentum immer wieder vorgeworfen wird, die Menschen auf zynische Weise zu vertrösten; sie hinzuhalten mit vagen Hoffnungen auf ein „Alles wird gut!“ am Sankt-Nimmerleins-Tag; ja, sie in ihrer Not ruhigzustellen mit dem Verweis, dass Gott schon alles richten wird – irgendwann, irgendwo, irgendwie …

Um die Seligpreisungen richtig zu verstehen, hilft es mir, etwas genauer auf die Sprache zu schauen: Jesus verwendet ein Wort, das etwas aus der Mode gekommenen ist: „Selig“.

Das Selig-Sein könnte man in unseren Worten vielleicht umschreiben mit „glücklich“, „gesegnet“, „heilsam“ sein. Aber es bedeutet so viel mehr: Im Wörterbuch lese ich, dass ‚selig‘ auch mit dem lateinischen „solari“ verwandt sein könnte, was zu Deutsch „trösten“ heißt – und mir geht ein Licht auf!

„Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen …“

würde dann etwa bedeuten:

„Getröstet, voller Trost, seid ihr, wenn euch die Menschen hassen…“

Und ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass sich diese Seligpreisung gar nicht auf die Zukunft bezieht wie es typisch für eine Vertröstung wäre? Es heißt da:

„Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.“

Und es heißt eben gerade nicht:

„Ihr werdet selig sein: Dann nämlich, wenn ihr irgendwann nicht mehr weint, sondern lacht.“

Dass das Lachen die Tränen besiegt, ist Zukunftsmusik und wird sich erst später ereignen, ja – aber das Selig-Sein, das Sich-getröstet-Fühlen, das ist für hier und heute zugesagt! 

Mir hilft eine einfache Szene aus dem Alltag, um das zu verstehen: Ein kleines Kind fällt hin und schürft sich das Knie auf. Es weint und wimmert, ist ganz überfordert mit dem Schrecken und dem Schmerz. Was werden die Eltern tun? Sie sagen vermutlich etwas, was doch wie eine unverantwortliche Vertröstung wirken muss:

„Alles wird gut!“

Sie verweisen das Kind auf eine ferne Zukunft, wenn der Schmerz nachgelassen haben und die Wunde verheilt sein wird – aber die bittere Realität ist, dass die Verletzung damit nicht einfach weggezaubert ist. Das Kind wird den Schmerz noch eine Weile aushalten müssen. Und doch beruhigt es sich; es fühlt sich tatsächlich getröstet – nicht vertröstet!

Das Kind wird neuen Mut schöpfen. Aber nicht wegen der Aussicht auf die Heilung irgendwann in der Zukunft, sondern weil jetzt jemand nahe ist. Jetzt wendet sich ihm jemand aufmerksam und liebevoll zu – das hilft! Die Zusage

„Alles wird gut!“

mag objektiv wie eine Vertröstung wirken; aber subjektiv wirksam wird der Trost, der die Zuwendung durch liebe Menschen vermittelt. Nicht von ungefähr ist das Wort ‚Trost‘ eng mit „treu“ verwandt …

Für Jesu Seligpreisungen heißt das nun aber: Sie sind keineswegs billige Vertröstung auf das Reich Gottes irgendwann einmal. Sie sind Zusage eines echten Trostes im ‚Hier und Jetzt‘. Jesus sagt denen, die um seinetwillen gehasst, geschmäht und ausgestoßen werden:

„Freut euch und jauchzt an jenem Tag; denn siehe, euer Lohn im Himmel wird groß sein.“

Und das klingt verdächtig danach, als würde jemand auf einen Zahltag in ferner Zukunft vertröstet! Aber es ist ja so: Den Lohn, von dem Jesus spricht, kann es erst später geben, im ‚Himmel‘, dann wenn das Reich Gottes vollendet sein wird, von dem er erzählt, das er lebt und verkündet.

Aber den Grund sich zu freuen und zu jauchzen haben die Leute, denen Jesus das mitgibt, schon heute: Indem er ihnen das zusagt, ist er ihnen nahe, wendet er sich ihnen liebevoll und aufmerksam zu – so wie die Eltern ihrem Kind! Jesus sagt damit:

„Das Reich Gottes ist spürbar und erlebbar, hier und jetzt, weil ich da bin, weil du mich spürst, und auch immer dann, wenn sich andere dir zuwenden oder wenn du dich anderen zuwendest. Das darfst du genießen, das soll dir Grund zur Freude sein, das soll dich glücklich machen und dich trösten.“

Ich glaube: Das ist die versprochene ‚Seligkeit‘, um die es hier geht. 

Liebe Schwestern und Brüder,

die Regenbogenschilder vom Beginn der Pandemie sind inzwischen nur noch vereinzelt zu sehen; die anfangs hochgehaltene Botschaft „Alles wird gut!“ ist einer gewissen Ernüchterung gewichen, manche haben sie auch als Vertröstung abgetan. Ich merke ja auch immer wieder, dass eben nicht alles gut ist – noch nicht. So, wie das Knie des Kindes erst später wieder heil ist oder wie ich auch das Reich Gottes erst später mal voll genießen darf.

Und doch tröstet mich so ein Regenbogen nach wie vor. Hier und jetzt. Weil sich mir jemand mit seiner heutigen Hoffnung zuwendet, dass morgen, vielleicht auch erst übermorgen, alles gut sein wird.

Und genau so erschließen sich mir die Seligpreisungen neu: Sie sagen mir, dass Jesus es ernst meint damit, dass Gottes neue Welt jederzeit wirksam werden kann – hier und heute, nicht erst dann und dort!

Vermutlich wird es mir immer wieder schwerfallen, entsprechend zu leben; vielleicht werde ich auf Erfolge verzichten und Prügel einstecken müssen; womöglich werde ich leiden müssen – das kann Jesus ebenso wenig einfach wegzaubern wie Eltern die blutende Wunde ihres Kindes nicht einfach wegpusten können.

Aber wie das Kind sich echt getröstet, ja geheilt fühlen kann durch die Zuneigung der Eltern, so kann ich mich getragen, ja ‚selig‘ fühlen durch die Liebe Gottes. Sie ist für mich spürbar in jeder aufmerksamen, hoffnungsfrohen Zuwendung, die andere mir schenken oder die ich anderen schenken kann.

Daher ist es nicht nur möglich, sondern auch ratsam, ja es ‚lohnt‘ sich sogar, wenn wir im Sinne Jesu so leben, wie Friedrich Karl Barth und Peter Horst das 1979 im folgenden Liedtext zum Ausdruck gebracht haben:

Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt.

Selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt.

 

Selig seid ihr, wenn ihr lieben lernt.

Selig seid ihr, wenn ihr Güte wagt.

 

Selig seid ihr, wenn ihr Leiden merkt.

Selig seid ihr, wenn ihr ehrlich bleibt.

 

Selig seid ihr, wenn ihr Frieden macht.

Selig seid ihr, wenn ihr Unrecht spürt.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 13.02.2022 gesendet.





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