Am Sonntagmorgen, 23.01.2022

von Ina Rottscheidt, Köln

„Vater der Armen.“ Vor 15 Jahren starb Abbé Pierre

Als "Vater der Armen" ist Abbé Pierre in die Geschichte eingegangen, weil er sich in besonderer Weise für Obdachlose einsetzte. Im Zweiten Weltkrieg half der Kapuziner-Mönch jüdischen Flüchtlingen. Er galt jahrelang als der beliebteste Franzose und gründete die Wohltätigkeitsorganisation Emmaus.

© Wikipedia / CC BY 3.0

Es ist der 1. Februar 1954: Durch die Straßen von Paris fegt eisiger Wind, Frankreich wird von einer extremen Kältewelle heimgesucht. Für die Obdachlosen wird die Lage unerträglich. Sie kauern sich in Hauseingängen und auf Metro-Schächten.

Immer wieder fordert der Armenpriester Abbé Pierre die Politik zum Handeln auf – doch es passiert nichts. Als in einer dieser Nächte eine Frau und ein Baby erfrieren, packt ihn der Zorn: Über das Programm von Radio Luxemburg veröffentlicht er einen flammenden Appell:

„Meine Freunde, zu Hilfe!“,

fleht der Ordensmann ins Mikrofon:

„Diese Nacht ist eine Frau auf der Straße erfroren. In den Händen hielt sie noch den Räumungsbescheid für ihre Wohnung!

„Jede Nacht müssen mehr als zweitausend Menschen draußen im Frost schlafen, mit nur dem, was sie am Leib tragen. Es ist ein Horror, wir müssen endlich etwas tun!“

Riesige Welle der Solidarität

Eine Rede, die an das Gewissen der Grande Nation appelliert, Abbé Pierre ruft zu einem „Aufstand der Güte“ auf, wie er es später nannte: 

„Noch heute Abend müssen in allen Städten Frankreichs, in jedem Bezirk von Paris Notquartiere errichtet werden, wo wir Decken und Suppe verteilen können. Und an den Eingängen sollen Schilder hängen, an denen steht: ‚Du, der du leidest, wer immer du bist, tritt ein, schlaf, iss, fasse wieder Hoffnung; hier liebt man dich!‘“

Mit seinem Appell löst Abbé Pierre eine ungeahnte Welle der Solidarität aus. Tausende Menschen spenden und helfen, darunter auch Prominente, wie etwa der spätere Staatspräsident Charles de Gaulle oder der Schauspieler Charlie Chaplin. 

Die Medien berichten rund um die Uhr. Und schon am nächsten Tag stapeln sich in der kurzfristig eingerichteten Sammelstelle Wolldecken, Matratzen, Kleider, Schuhe und Heizöfen. 25 Millionen Francs an Spenden kommen zusammen.

Jetzt reagiert auch die Politik. Nur kurze Zeit nach Abbé Pierres Appell beschließt die Regierung in Rekordzeit den Bau Tausender neuer Sozialwohnungen. Der damalige Bauminister Maurice Lemaire verkündet:

„Nach dem Aufruf von Abbé Pierre richtet das Ministerium für Wiederaufbau jetzt Notunterkünfte ein. Wir müssen die Menschen, die oft nur sehr wenig Geld haben, aus den überfüllten Schlafplätzen herausholen. Wir müssen die Grundbedürfnisse der Menschen erfüllen und ihnen ein gesundes und nachhaltiges Wohnen ermöglichen.“

Mit dieser Aktion ging Abbé Pierre in die französische Geschichte ein, doch es sollte nicht die einzige bleiben: Die Stimme für die Obdachlosen und Armen zu erheben, wurde zu seiner Lebensaufgabe.

Wer war Abbé Pierre?

Unter dem bürgerlichen Namen Henri-Antoine Grouès wurde der später als „Vater der Armen“ bezeichnete Abbé Pierre am 5. August 1912 in Lyon geboren. Er wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf, seine Familie: katholisch, gläubig und sozial engagiert. Im Alter von 16 Jahren unternahm er mit den Pfadfindern eine Wallfahrt nach Assisi, von der er später immer wieder erzählen würde:

„Ich wusste nichts über den Heiligen Franz von Assisi. Aber ich war überwältigt von der Schönheit der Region und von dieser Fülle in der materiellen Einfachheit des Lebens!

Ein paar Monate später wurde ich dann sehr krank und habe viele Bücher gelesen. Ich las eine Biografie über Franz von Assisi und sein Leben hat mich beeindruckt: seine Begegnungen mit den Armen und Aussätzigen und wie er in ihnen Jesus begegnete. Da stand für mich fest: Ich würde in den Kapuzinerorden, der zu den Franziskanern gehört, eintreten.“

Das tat er im Alter von 19 Jahren. Mit 25 Jahren wurde er dort zum katholischen Priester geweiht. Da er aber weiterhin bei schlechter Gesundheit war und auch, weil er mit der Disziplin und der Askese des klösterlichen Lebens fremdelte, trat er nach acht Jahren wieder aus und wurde Priester in Grenoble.

Die Emmaus-Bewegung wird geboren

Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich der Resistance gegen die deutsche Besatzung an. Damals versteckte er Juden und verhalf Verfolgten zur Flucht über die Berge in die Schweiz. In dieser Zeit erhielt er den Namen „Abbé Pierre“, den er zeitlebens nicht mehr ablegen sollte.

Nach dem Krieg ging Abbé Pierre als Mitglied der Nationalversammlung in die Politik und engagierte sich dort vor allem für den sozialen Wohnungsbau. 1949 ließ er vor den Toren von Paris ein leerstehendes Haus herrichten und stellte es obdachlosen Familien, Arbeitslosen, entlassenen Strafgefangenen, politischen Flüchtlingen und Alkoholikern zur Verfügung.

Es war die Geburtsstunde der so genannten Emmaus-Bewegung. Abbé Pierre rief sie ins Leben mit dem Ziel Obdachlosigkeit und Armut zu bekämpfen. Die Begegnung mit einem Mann namens George Legay war prägend, immer wieder erzählte Abbé Pierre später davon:

„Dieser Mann wollte seinem Leben ein Ende machen: Er kam gerade aus dem Gefängnis, seine Familie war kaputt und er sah keinen Ausweg mehr. Er war untröstlich und er hatte ja auch wirklich Grund zum Verzweifeln. Und dann habe ich ihm gesagt: ‚Ich kann dir auch nicht helfen, aber vielleicht kannst du mich ja unterstützen, den Familien, den Obdachlosen, den anderen Verzweifelten hier zu helfen?‘ Und da erkannte er plötzlich, dass sein Leben einen Sinn hatte: Jetzt war er nicht mehr derjenige, der um Hilfe bat, sondern der, der etwas geben konnte.“

Hilfe zur Selbsthilfe

Die Kompagnons, wie sie sich später nannten, lebten zusammen und begannen, Lumpen und alte Möbel zu sammeln, herzurichten und wieder zu verkaufen. So finanzierten sie sich ihr gemeinsames Leben.

Das war neu in der kirchlichen Fürsorge: Wer dort ankam, wurde nicht mildtätig betreut und erhielt Almosen. Sondern eine Aufgabe. So gab ihnen Abbé Pierre ihre Würde zurück, sagt Willi Does, der langjährige Leiter der Emmaus-Gemeinschaft in Köln:

„Im Grunde hat sich Emmaus immer definiert über Arbeit: Versuch’s mit Arbeit und du wirst deine eigene Kraft vielleicht wiederentdecken. Selbst wenn du eingeschränkt bist, wenn du behindert bist: Du kannst irgendetwas für tun, du kannst für eine Gemeinschaft, für eine Gesellschaft nützlich sein.“

Hilfe zur Selbsthilfe – das war von Anfang an der Grundsatz bei der Arbeit von Emmaus. Benannt wurde sie nach der Bibel-Geschichte, in der zwei Jünger am dritten Tag nach der Kreuzigung Jesu von Jerusalem in ein Dorf namens Emmaus unterwegs sind und einem Fremden begegnen. Als er das Brot mit ihnen teilt, erkennen sie ihn ihm den auferstandenen Jesus.

„Dieses Symbol der Hoffnung: Zwei Menschen sind verzweifelt und erkennen während des Brotbrechens von dem Dritten, dass noch lange nicht Ende ist und schöpfen neue Hoffnung. Also Abbé Pierre hat das als Symbol genommen: Wir gehen einen Weg gemeinsam in der Verzweiflung und vielleicht begegnen uns dann auch positive Dinge, die uns wieder beflügeln: Zum Beispiel Gemeinschaft oder Solidarität, Nächstenliebe.“

Willi Does schloss sich 1983 der Emmaus-Gemeinschaft in Köln an, ein Jahr später lernte er den inzwischen über 70jährigen Abbé Pierre bei einem internationalen Treffen der Bewegung persönlich kennen. 

„Und dann saß da auf dem Podium ein älterer Herr, körperlich sehr hinfällig und redete, am Anfang – so war das immer – sehr, sehr schwach. Man dachte, der fällt gleich vom Stuhl oder dem muss geholfen werden und dann merkte ich, was der sagt, wie der Saal wirklich ruhig wurde, wie er immer lauter wurde, wie die Vehemenz der Worte uns mitgenommen hat, mitgerissen hat. Das war die erste Begegnung mit Abbé Pierre. Und obwohl ich nicht alles verstanden habe, wusste ich: Das ist der Laden, wo ich bleiben möchte.“

Emmaus-Gemeinschaft

Im Kölner Norden, zwischen den Ford-Werken, dem Straßenstich und der Müllverbrennungsanlage befinden sich zwei riesige Lagerhallen der Emmaus-Gemeinschaft Köln. Auf gut 2000 Quadratmetern stapelt sich hier der Hausrat bis unter die Decke:

„Kleiderschränke, Kücheneinrichtungen, die gehen besonders gut. Tische, Stühle, Couchgarnituren: sehr beliebt zum Abgeben. … der Deutsche hat einen Hang zu neuen Couchgarnituren. …“

Willi Does führt durch ein Labyrinth von Möbeln, Kleidern, Büchern und Spielzeug. Vieles so gut wie neu. Die Emmaus-Mitarbeiter sammeln die Waren ein und verkaufen sie weiter. Davon bestreiten sie ihren Lebensunterhalt und sie sind stolz darauf, dass sie keine Sozialleistungen beantragen.

„Wir wollen in Selbsthilfe leben, ein menschenwürdiges Leben. Wir wollen trotzdem einen etwas bescheideneren Lebensstil leben, weil wir dieser Überkonsumierung, dieser Wegwerfgesellschaft ein kleines Zeichen entgegensetzen wollen. Immerhin gelingt es der Kölner Gruppe, Leute in Brot und Arbeit zu bringen. Und dazu kommen noch jede Menge Ehrenamtliche, die gerne zu uns kommen, um sich zu engagieren.“

Das Besondere ist, dass die Kompagnons – wie sie sich immer noch untereinander nennen – nicht nur zusammenarbeiten, sondern auch zusammenleben: Es gibt ein Gemeinschaftshaus, in dem Emmaus Wohnungslosen, Flüchtlingen und Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben, eine Unterkunft bietet. Jeder arbeitet, so viel er beitragen kann, alle verdienen das gleiche.

„Das ist eine Botschaft von Abbé Pierre: Es tut überhaupt nichts zur Sache, ob jemand Computerspezialist ist oder nur noch den Hof kehren und Kartöffelchen schälen kann. Die Qualität der Arbeit ist die gleiche, es gibt das gleiche Geld. Allerdings muss ich schon sagen, dass wir das nicht mehr als Taschengeld bezeichnen. Es gibt jetzt den Mindestlohn, den haben wir wie andere Betriebe eingeführt, und dann zahlen die Kompagnons Miete und ihr Essen, das muss ich im Übrigen auch machen. Und dann ist das eine ganz klare Sache, die auch zeigt, dass Menschen, die vorher ausgegrenzt waren, Teil einer Gesellschaft sind.“ 

Klöster für Hinz und Kunz

Mitte der 1980er zog Willi Does hier mit seiner Frau und seinen Kindern ein und gab dafür sein bürgerliches Leben und seinen festen Job auf.  Keine WG – sondern in Gemeinschaft leben, das war seine Vorstellung. Keine einfache Sache mit vier kleinen Kindern, manchmal kamen ihm auch Zweifel. Aber er blieb:

„Es war immer so der Ansatz: Wir müssen etwas finden… wie eine Art klösterliche Gemeinschaft. Zitat von Abbé Pierre: ‚Die Emmaus-Gemeinschaften sind im Grunde genommen weltliche Klöster, wo Hinz und Kunz hinkommen kann.‘“

Heute gibt es über 300 Emmaus-Gruppen und Gemeinschaften auf vier Kontinenten. In Frankreich ist Emmaus eines der bedeutendsten Hilfswerke, das Zehntausende Sozialwohnungen verwaltet und sich um Wohnungslose, Not leidende Familien, Arbeitslose und Alkoholiker kümmert.

Bis ins hohe Alter führte Abbé Pierre die Emmaus-Bewegung selbst und ergriff auch immer wieder das Wort, wenn es um soziale Gerechtigkeit ging oder um die Würde von Geflüchteten. Er kritisierte den Front National. Und immer wieder verurteilte er die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich.

Auch innerhalb seiner Kirche eckte er an, wenn er den Zölibat katholischer Geistlicher hinterfragte oder sich offen für das Frauenpriestertum aussprach. Aber offizielle Rügen aus Rom gab es nie.

Für die Franzosen war der hagere Mann mit dem weißen Vollbart, der markanten Hornbrille und der Baskenmütze, das soziale Gewissen und bis heute – auch 15 Jahre nach seinem Tod – gehört er zu den beliebtesten Bürgern in der Geschichte des Landes.

Auf dem Weg des Herzens

Als Abbé Pierre am 22. Januar 2007 im Alter von 94 Jahren starb, nahmen Tausende an der nationalen Trauerfeier in der Pariser Kathedrale Notre-Dame von ihm Abschied. Darunter hochrangige Geistliche anderer Religionen und fast das gesamte Regierungskabinett.

Der Vatikan würdigte den Emmaus-Gründer als "Pionier der Barmherzigkeit" und als „lebendes Beispiel für die Nächstenliebe“. Und der damalige Präsident Jaques Chirac erklärte:

„Abbé Pierre hat uns den Weg des Herzens gezeigt, der Großzügigkeit und den Geist der Rebellion in den Dienst der Schwächsten gestellt. Seine Botschaft muss in jedem von uns präsent bleiben. Und es liegt an uns allen, sie lebendig zu halten und der Gerechtigkeit und der Brüderlichkeit, die das Fundament unserer Gesellschaft sind, Bedeutung zu geben.“

Beigesetzt wurde Abbé Pierre in der Normandie. Auf seinem Grabstein steht, so wie er es sich zu Lebzeiten gewünscht hatte: 

„Er versuchte zu lieben.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Les Petits Chanteurs de Saint-Marc – Les Choristes

Les Petits Chanteurs de Saint-Marc – Les Choristes

Bruno Coulais – Pépinot

Bruno Coulais – Sous la pluie


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Dieser Beitrag wurde am 23.01.2022 gesendet.


Über die Autorin Ina Rottscheidt

Ina Rottscheidt ist Redakteurin bei DOMRADIO.DE. Sie studierte Politikwissenschaften, Volkswirtschaftslehre, Geschichte und Romanistik in Köln und Madrid. Ihre Journalistenausbildung absolvierte sie beim ifp in München. Sie arbeitete für diverse Sender, u.a. für die Deutsche Welle, WDR 5 und den Deutschlandfunk. Ihr Schwerpunkt sind die Themen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Lateinamerika und Weltkirche.  

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