Wort zum Tage, 22.01.2022

Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Kirche, die zu Grunde geht

„Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht sein.“

Das hat der Theologe Karl Rahner gesagt.

Am Donnerstag wurde das Gutachten über den Umgang mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum München veröffentlicht. Selbst ein ehemaliger Papst ist darin verstrickt.

Und es scheint, als sage er in einem besonders schwerwiegenden Fall die Unwahrheit.
Nun steht auch ein Papst vor der Öffentlichkeit als möglicher Vertuscher oder Lügner da. Die katholische Kirche ist einmal mehr in den Grundfesten erschüttert.

Mich drängt es, das Wort Rahners auf die Kirche hin zu variieren:

„Diese Kirche wird zu Grunde gehen, oder sie wird nicht sein!“

Dieses Wort hat einen doppelten Boden. Sie wird zugrunde gehen, ja, denn vieles, was in der Kirche und durch sie geschieht und geschehen ist, darf keinen Bestand haben.

Die lange Liste der Verfehlungen und des Verrats an der Botschaft Jesu ist erdrückend, und sie treibt mich, einen Priester dieser Kirche, zunehmend in die Verzweiflung.

Und es beschämt mich, dass auch ich selbst durch meine Fehler dazu beigetragen habe, das Bild dieser Kirche zu verdunkeln. Nicht, weil wir alle kleine Sünderlein sind, sondern weil immer eine Diskrepanz bleibt zwischen der Botschaft Jesu und meinem eigenen Leben. Wer richtet, richtet immer auch sich selbst. Das darf aber niemanden dazu bringen, etwas retten zu wollen, was nicht zu retten ist.

Was mich dabei besonders besorgt: Was wird aus der Botschaft Jesu, die ich nach wie vor für eine gute Botschaft halte? Was wird aus einem der ganz großen Worte unserer Sprache? Was wird aus dem Wort Gott?

Um das Wort von Gott in unserer Gegenwart nicht verstummen zu lassen, muss diese Kirche zu „Grunde“ gehen, d.h. auf den Grund. Und da berührt sich dieser Satz mit dem ursprünglichen Wort von Rahner.

Dass ein Christ ein Mystiker ist, heißt vor allem: Gott erahne, ja finde ich vor allem auf dem Grund meiner Existenz. Davon war die Mystik aller Zeiten zutiefst überzeugt. Auf dem Grund meiner Seele wartet Gott.

Das ist kein Plädoyer für eine reine Innerlichkeit, die sich der Welt entzieht. Die Begegnung mit Gott ist für mich nicht nur ichbezogen, sondern sucht gerade darin das Du, den Anderen, die Verantwortung für diese Welt. Die Kraft dazu erwächst aus dem Grund, zu dem ich gehe, durch Suchen, Gebet und Kontemplation.

Wenn diese Kirche jemals wieder Vertrauen gewinnen will, muss auch sie in diesem Sinne zu zu „Grunde“ gehen. Ihre gegenwärtige Gestalt ist in zentralen Belangen einfach nicht zu retten.

Zu retten ist das Gerücht von Gott, indem ich zu „Grunde“ gehe, mit vielen anderen, die nach Gott Ausschau halten, in einer Gemeinschaft, die man auch in Zukunft gerne Kirche nennen mag.


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Dieser Beitrag wurde am 22.01.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.
Kontakt: ziegler@bistum-muenster.de


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