Feiertag, 16.01.2022

von Christian Feldmann

Tragisch gescheiterter Friedenspapst Zum 100. Todestag von Benedikt XV.

Papst Benedikt XV. war es, der sich im Ersten Weltkrieg massiv als Diplomat für Frieden einsetzte. Seine Mission misslang. Doch sein Einsatz für die vielen Verletzten und Flüchtlinge war erfolgreich.

© Wikipedia / Gemeinfrei

Trauer in Rom: In der Nacht zum 20. August 1914 ist Papst Pius X. verschieden. Sein Tod macht die katholische Kirche in einem Moment führerlos, als die Menschheit in eine epochale Krise gestürzt ist.

Seit wenigen Wochen tobt der Erste Weltkrieg, die bürgerliche Gesellschaft gerät aus den Fugen, alle Ordnungen sind aufgelöst.

Wer wird neuer Papst? Werden politische Rücksichten die Papstwahl beeinflussen? Wird es den Kardinälen aus den anderen europäischen Ländern oder gar aus Übersee überhaupt gelingen, durch die Schlachtreihen in die Ewige Stadt zu kommen?

Papst in schwierigen Zeiten

Auf den neuen Papst wartet die heikle Aufgabe, Anwalt des Friedens zu sein in einer chaotischen Lage: Zum einen lassen sich Schuld und Unschuld in Kriegszeiten keineswegs sauber trennen. Natürlich behauptet jeder, sich nur verteidigen zu müssen, die Aggressorenseien die anderen.

Zweitens kämpfen in diesem Krieg wieder einmal Katholiken gegen Katholiken, 124 Millionen im Lager der Entente – Frankreich, Großbritannien, später die USA -, 64 Millionen in den Armeen der „Mittelmächte“ Deutschland und Österreich-Ungarn; und alle behaupten, das Recht und den lieben Gott auf ihrer Seite zu haben.

Drittens residiert der Papst mitnichten auf neutralem Boden; der Vatikan ist 1914 noch kein selbstständiger Staat, und in Italien liebäugelt eine kampfeslüsterne Minderheit damit, auf Seiten der Alliierten in den Krieg einzutreten (was im Mai 1915 tatsächlich geschehen wird).

Und viertens halten alle das Völkergemetzel noch für ein ganz normales Mittel der Politik. In sämtlichen Ländern folgen die Soldaten mit leuchtenden Augen den Mobilmachungsappellen. In Bayern predigt der Feldpropst und spätere Münchner Kardinal Michael Faulhaber:

„Nach meiner Überzeugung wird dieser Feldzug in der Kriegsethik für uns das Schulbeispiel eines gerechten Krieges werden!“

Giacomo della Chiesa wird Papst Benedikt XV.

Am 3. September haben die Kardinäle ihre Wahl getroffen, angeblich in der zehnten Runde, mit 38 von 57 Stimmen: Papst wird der sechzigjährige Erzbischof von Bologna, Giacomo della Chiesa, ein leidenschaftlicher Friedensfreund, aber auch ein ausgefuchster Diplomat mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Kirchenpolitik. Benedikt XV. nennt er sich, und angesichts der trostlosen Lage verzichtet er auf die gewohnte pompöse Krönung im Petersdom.

Stattdessen appelliert er an die Völker Europas, mit dem Gemetzel aufzuhören. Benedikt:

„Überall Tod und Zerstörung; täglich wird die Erde aufs Neue mit Blut getränkt und bedeckt mit den Leibern der Toten und Verwundeten. Wer sollte glauben, dass diejenigen, die man so sehr gegeneinander erbittert sieht, [...] Träger derselben Natur, Glieder derselben menschlichen Gemeinschaft sind? Wer sollte Brüder in ihnen erkennen, die den einen Vater im Himmel haben?“

Schon in seinen ersten Äußerungen als Petrusnachfolger lässt Benedikt keinen Zweifel daran, wie er über den Krieg denkt: Er sei eher eine „Schlächterei“ als ein Kampf unter Männern. Und es gebe erheblich bessere Mittel und Wege, verletzte Rechte wiederherzustellen, als den Krieg!

Nobel und schmächtig

Ein feinsinniger, nobler Mensch, dieser Giacomo della Chiesa. Er stammte aus einem Genueser Adelsgeschlecht, seine Vorfahren waren Marchesi, Senatoren, Flottenadmirale. Die weltläufige Atmosphäre einer mondänen Handelsstadt prägte seine Erziehung. Giacomo soll ein ins Lernen verliebter Büchernarr gewesen sein, aber er wird auch als begeisterter Ruderer und Schwimmer geschildert.

Schmächtig, ein wenig verwachsen ist er gewesen; von den drei Gewändern, die bei einer Papstwahl traditionell vorbereitet werden, war ihm das kleinste noch viel zu groß. Doch zeit seines Lebens galt della Chiesa als energischer, schneller Arbeiter mit Blick für das Wesentliche.

Eigentlich sollte er Rechtsanwalt werden, und schon mit 21 promovierte er in Jura. Doch dann gelang es ihm, den Vater zu überzeugen, dass er als Theologe und Priester glücklicher sein würde. Dem Studium in Rom folgte eine Spezialausbildung an der „Accademia Pontificia dei Nobili Ecclesiastici“, der päpstlichen Schule für adelige Kleriker.

Danach eine erste Anstellung als Referendar bei der vatikanischen Kongregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten. Worunter sich die Beziehungen des Vatikans zu den sogenannten weltlichen Staaten verbergen; Stichwort: Konkordate.

Ein echter Seelsorger

Bald ist della Chiesa die rechte Hand des berühmten Mariano Rampolla, dessen Wahl zum Papst 1903 nur am Veto Österreich-Ungarns scheitern wird und der schon zuvor unter Leo XIII. eine intelligente Politik der Öffnung zur modernen Gesellschaft betreibt.

Als Rampolla Nuntius in Madrid wird, begleitet della Chiesa ihn als Sekretär. Rampolla steigt zum Kardinalstaatssekretär auf – und della Chiesa zum zweiten Mann seiner Behörde. Er hält Kontakt zu den Bischöfen der Weltkirche, wenn sie ihre regelmäßigen Rom-Besuche absolvieren, und erstattet einmal pro Woche dem Papst Bericht.

Doch della Chiesa, den man auf den ersten Blick für einen Schreibtischmenschen und aalglatten Diplomaten halten könnte, offenbart auch Seelsorgerqualitäten: In Madrid haben ihn die Bettler zärtlich „el cura de las dos pesetas“ genannt, den Priester der zwei Peseten, wegen seiner Freigebigkeit. In Bologna gründet er Hilfseinrichtungen für mittellose, kranke Priester, besucht schwer kranke Pfarrer und Priesteramtskandidaten.

Giacomo della Chiesa hat unter Leo XIII. gearbeitet, einem weltoffenen, kritisch fragenden, sozial engagierten Papst, der auf den Dialog mit der modernen Welt setzte. Und auch unter dessen Nachfolger Pius X., der sich der inneren, geistlichen Erneuerung der katholischen Kirche verschrieb, gesellschaftspolitisch aber einen sehr ängstlichen, reservierten Kurs einschlug. Theologiestudenten und Priester wurden zu einem sogenannten Antimodernisteneid verdonnert.

Papst Benedikt XV. fasst Kirchenrecht neu

Eine Enzyklika, in der die Protestanten als „rebellische Menschen“ und „Feinde des Kreuzes Christi“ verunglimpft wurden, sorgte in Deutschland für Empörung. Und ein finsterer Geheimdienst bespitzelte von Rom aus in inquisitorischer Manier allzu liberale Theologen – und auch Bischöfe.

Als Della Chiesa Papst Benedikt XV. wird, findet dieses Klima der Denunziation und Verdächtigung ein schnelles Ende. Der neue Papst entfernt die Spitzelorganisation aus Rom und ermuntert wieder zur freien Diskussion offener Fragen. Er gründet katholische Universitäten im polnischen Lublin und in Mailand und ein Orientalisches Institut in Rom.

Sein „Codex Iuris Canonici“, die systematische Neufassung des Kirchenrechts, gilt als Markstein des römischen Zentralismus; die Rechte der Bischöfe und der Laien in der Kirche werden zugunsten der päpstlichen Machtfülle eingeschränkt. Aber das Paragraphenwerk sorgt auch für mehr Rechtssicherheit.

Echte Pionierarbeit leistet Benedikt XV. in der Mission. Mit ihm reagiert die katholische Kirche auf die Veränderungsprozesse in der Dritten Welt: Unabhängigkeitsbestrebungen, Nationalismus, Kritik am europäischen Überlegenheitswahn, ein neues Bewusstsein für die Menschenrechte.

Seine 1919 erlassene Enzyklika „Maximum illud“ öffnet sich dem Eigenwert fremder Mentalitäten und Vorstellungsweisen. Benedikt wirbt für die Heranbildung eines bodenständigen einheimischen Klerus, der in absehbarer Zeit die Kirchenleitung in den Missionsländern übernehmen soll.

Die Kämpfenden mit Liebe umfassen

Ähnlich weitsichtig verhält er sich gegenüber den kriegführenden Parteien daheim in Europa: Der Vatikan wahrt strikte Neutralität. Der Heilige Stuhl ist laut Benedikt zwar zum Hüter der Gerechtigkeit berufen und muss Rechtsverletzungen verurteilen, doch:

„Die päpstliche Autorität in die Streitigkeiten der Kriegführenden selbst hineinziehen zu lassen, wäre weder passend noch zweckmäßig. [...] Als Stellvertreter Jesu Christi, der für alle und jeden einzelnen Menschen gestorben ist, muss der Papst alle Kämpfenden mit seiner Liebe umfassen.“

Obwohl Benedikt keiner Seite das Wort redet, bezichtigen ihn die Kriegsgegner bald der Parteilichkeit: Der deutsche General Ludendorff nennt ihn verächtlich den „französischen Papst“, während Clemenceau bei den Franzosen über den „Pape boche“ höhnt, den Deutschen-Papst.

Die überall tonangebenden Kriegstreiber machen ihm allein schon seine Friedenspredigt zum Vorwurf: Er lähme damit die Widerstandskraft gegen die ruchlosen Feinde, heißt es.

Die deutschen Chauvinisten hatten sich 1914 in einer Denkschrift an die zum Konklave versammelten Kardinäle schon vorsorglich reingewaschen; das von führenden katholischen Laien verfasste Schreiben wollte die Papstwähler belehren: Deutschland führe den Krieg nicht aus Eroberungslust, es kämpfe um seine Existenz. [...]

Die deutsche Armee [...] wehre sich nur gegen heimtückische Überfälle. [...] Ein Sieg Russlands würde die schwerste Schädigung des Katholizismus darstellen.

Die Rolle des Vatikans im 1. Weltkrieg

Die päpstliche Diplomatie versucht indes unverdrossen, sich in die praktisch seit Kriegsbeginn laufenden Geheimverhandlungen zwischen den verschiedenen Blöcken einzuklinken.

Denn so verrückt es sich anhört: Während die Propagandamaschinerie den jeweiligen Kriegsgegner zum Teufel stempelt und an den Fronten Hunderttausende verbluten, entfalten Minister, Parlamentarier und Diplomaten hinter den Kulissen hektische Aktivitäten zwischen allen Lagern.

Deutschland und die Entente hoffen auf eine österreichisch-ungarische Vermittlung. Österreich-Ungarn hingegen sondiert die Möglichkeiten eines Separatfriedens als Vorstufe einer allgemeinen Einstellung der Kämpfe. Zwischen Deutschland und Großbritannien sind ebenfalls zahlreiche Kontakte im Gange.

Der Vatikan konzentriert sich zunächst darauf, Italien vom Kriegseintritt abzuhalten – vergeblich. Dann versucht der Vatikan jüdische Organisationen in den Ländern der Entente zur Einwirkung auf die dortige Außenpolitik zu bewegen. Über die englische Botschaft in Rom werden Kontakte zu den USA und zu Frankreich geknüpft. 

Am Ende soll der Papst schuld sein

Alles umsonst. Nicht einmal einen Waffenstillstand Weihnachten 1914 erreicht der Heilige Vater. Seine ständig wiederholten Appelle, den „Selbstmord des zivilisierten Europas“, wie er den Krieg nennt, zu beenden und einen für alle Seiten akzeptablen Kompromissfrieden auszuhandeln, bleiben ergebnislos. So schreibt Benedikt XV. an die Regierungen am ersten Jahrestag des Kriegsausbruchs:

„Man bedenke, dass die Nationen nicht sterben, dass sie vielmehr, auch gedemütigt und unterdrückt, knirschend das ihnen aufgezwungene Joch tragen, dessen Abschüttelung vorbereiten und als trauriges Erbe den Geist des Hasses und der Rache von Geschlecht zu Geschlecht weitergeben werden [...]. Warum also nicht schon jetzt mit unbefangener Gewissenhaftigkeit die Rechtstitel und die begründeten Bestrebungen der Völker prüfen? [...] Das Gleichgewicht der Mächte und die gedeihliche und gesicherte Ruhe der Völker beruhen weit mehr auf dem gegenseitigen Wohlwollen und auf der Achtung der fremden Rechte und der Würde des Nächsten als auf der Menge der Soldaten und auf gewaltigen Festungsgürteln.“

Doch wer lässt sich schon gern öffentlich ins Gewissen reden? Stattdessen versuchen beide Seiten den Friedensmahner aus Rom für sich zu vereinnahmen – und üben weiter böse Kritik. In Italien macht man den Papst für die nachlassende Kriegsbegeisterung und später für die Niederlage am Isonzo verantwortlich.

In England gibt ihm die „National Review“ die Schuld daran, dass in Commonwealth-Ländern mit einer starken katholischen Minderheit die Liebe zum britischen Empire schwach ausgeprägt sei. Sogar an der römischen Kurie formiert sich Widerstand. Doch Benedikt reagiert mit tapferer Gelassenheit:

„Menschenurteil bekümmert Uns nicht. Die Wahrheit wird sich eines Tages durchringen.“

Der Vatikan als Vermittler?

Am 29. Juni 1917 hat der damalige päpstliche Nuntius in Deutschland Eugenio Pacelli – der spätere Papst Pius XII. – eine wichtige Unterredung mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II. in Bad Kreuznach. Reichskanzler Bethmann Hollweg hat Zustimmung zur Unabhängigkeit des momentan von Deutschland besetzten Belgien signalisiert.

Deutschland sei auch zu Rüstungsbeschränkungen und zur Anerkennung internationaler Schiedsgerichte bereit, wenn darüber eine allgemeine Übereinkunft erzielt werden könne.

Sogar über wechselseitige Gebietsabtretungen zwischen Deutschland und Frankreich wird gesprochen. Am nächsten Tag trifft Nuntius Pacelli in München mit Kaiser Karl von Österreich zusammen. Der Hintergrund: Der Vatikan will Deutschland und Österreich zusammenbinden, um effektiver auf einen tragbaren Frieden hinarbeiten zu können.

Doch auch dieser Plan scheitert; in Berlin glaubt man, der Vatikan wolle bloß Deutschland zu Zugeständnissen bewegen und Österreich-Ungarn komme sozusagen ungeschoren davon. Wien ist zwar von Pacelli genauso zum Entgegenkommen gegenüber Italien aufgefordert worden, behandelt die deutschen Bundesgenossen aber so, als sei nur ihre Konzessionsbereitschaft entscheidend. Solche Blüten kann Geheimdiplomatie treiben.

Dann tritt auch noch der stark an einem baldigen Friedensschluss interessierte Reichskanzler Bethmann Hollweg zurück. Sein Nachfolger Michaelis zeigt sich starrköpfiger, verschlossener. Plötzlich wird das Einlenken in der Belgien-Frage wieder von Garantien abhängig gemacht.

Im Vatikan wird man jetzt nervös. Vielleicht ist es ein Fehler gewesen, die Mittelmächte in Zugzwang bringen zu wollen; aber soll man die Gunst der Stunde nicht nutzen? Die allgemeine Kriegsmüdigkeit nach den verlustreichen Materialschlachten mit Panzern, Bombern und Giftgas? Hat nicht eine Mitte-Links-Mehrheit im Deutschen Reichstag eine Friedensresolution verabschiedet, die sich zum Teil frappant mit den vatikanischen Programmpunkten deckt?

Der Friedensplan von Benedikt XV.

Jedenfalls prescht der Papst jetzt vor: Am 1. August 1917, genau drei Jahre nach Kriegsbeginn, publiziert er eine Friedensnote mit sehr konkreten Details.

„An die Stelle der materiellen Gewalt der Waffen tritt die moralische Macht des Rechts; infolgedessen soll eine gerechte Verständigung aller über die gleichzeitige und gegenseitige Abrüstung nach zu vereinbarenden Regeln und Garantien erfolgen [...]; dann käme an Stelle der Armeen die Einrichtung eines Schiedsgerichts [...] nach zu vereinbarenden Normen. […] Was die gutzumachenden Kriegsschäden und die Kriegskosten angeht, sehen Wir keinen anderen Weg, […] als die Aufstellung des allgemeinen Grundsatzes eines vollen und wechselseitigen Verzichts [...]“

Weitere Punkte des päpstlichen Friedensplans: Allgemeine Anerkennung der Freiheit der Meere und gegenseitige Rückgabe der besetzten Gebiete.

Ein für alle Seiten akzeptables Maßnahmenpaket, möchte man meinen – zumindest eine gute Grundlage für weiterführende Verhandlungen. Doch die Antworten der Mittelmächte gehen über höflichen Beifall zur edlen Absicht nicht hinaus.

Die Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes in Berlin warnt in einem Gutachten, eine übernationale Schiedsgerichtsbarkeit würde – Zitat – „Deutschlands Lebensinteressen auf das äußerste gefährden“.

Ein deutscher Friede gegen Frankreich

Österreichs Kaiser Karl rückt von Gebietsabtretungszusagen wieder ab, die er dem Nuntius Pacelli gemacht hat. Überhaupt keine Antwort gibt es von der Entente; dort wartet man erst mal ab, wie weit die Konzessionsbereitschaft der Mittelmächte gehen wird. Frankreichs Ministerpräsident Clemenceau empört sich:

„Es ist ein deutscher Friede, den man uns vom Vatikan aus vorlegt. [...] Es ist der Friede gegen Frankreich, [...] der Friede zum Vorteil der Rechtsverletzer, der Friede gegen das misshandelte Recht.“

Der sensible Mensch auf dem Thron Petri, feinnervig und mit einem sensiblen Verantwortungsgefühl ausgestattet, verfällt in tiefe Resignation.   Als fünftausend römische Kinder in einer bewegenden Friedensprozession zum Vatikan ziehen, vertraut ihnen der Papst seine ganze hilflose Verzweiflung an:

Geliebte Kinder, die meisten von euch können sich zum Glück noch keinen richtigen Begriff machen von dem schrecklichen Schauspiel. [...] Wir hingegen als der Vater aller Gläubigen, Wir fühlen und verspüren in Unserem Herzen sehr deutlich und nachhaltig die Schmerzen und Qualen [...]. Umsonst war Unsere Einladung, man möge doch auf den Wegen der Vernunft und der Gerechtigkeit versuchen, jenen Zustand herbeizuführen, der diesem schmählichen Hinschlachten ein Ende zu bereiten vermöchte. Wie der Schiffbrüchige nach dem Brett hascht, so haben Wir uns entschlossen, durch die alles vermögende Vermittlung eurer Unschuld Unsere Zuflucht zu nehmen zur Hilfe von oben.“

Vatikan wirbt für Versöhnung

Dem Vatikan bleiben nur noch Samariterdienste. Die leistet er aber so gründlich und umsichtig, dass die Türkei Papst Benedikt ein Denkmal in Istanbul errichtet, noch zu seinen Lebzeiten 1921, – zum Dank für die ohne Ansehen der Nation und Religion geschenkte Hilfe.

Der Vatikan erreicht die Unterbringung von über hunderttausend kranken und verwundeten Kriegsgefangenen in neutralen Lagern, den Austausch gefangener kinderreicher Familienväter und die Rückkehrerlaubnis für lungenkranke Italiener aus österreichisch-ungarischen Internierungslagern.

Zehn Millionen Tote und zwanzig Millionen Verwundete hat das Gemetzel gefordert. Als der Krieg endlich vorüber ist, tadelt Benedikt XV. den Versailler Vertrag als Diktatfrieden, lässt starke Sympathien für den Völkerbund erkennen und wirbt für einen Frieden, der nicht auf die Vernichtung der Besiegten, sondern auf Versöhnung ausgerichtet sein müsse.

Am 22. Januar 1922 stirbt Papst Benedikt XV., mit 67 Jahren an einer Lungenentzündung. Seine letzten Worte sind gut verbürgt:

„Wir wollen unser Leben gern opfern für den Frieden der Welt.“ 

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Hindemith – Trauermusik III. Lebhaft

Hindemith – Symphonie ‚Die Harmonie der Welt‘. II. Musica humana

Mendelssohn – Violin Concerto Op.64 3. Allegro non troppo

Hindemith – Ostinato

Galanov – Musica Callada VI.

Vladimir Cosma – La vouivre


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 16.01.2022 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasste er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche