Morgenandacht, 15.01.2022

von Schwester Aurelia Spendel, Augsburg

Lebendig

Andere Länder, andere Kontinente schätzen wir sehr als Urlaubsdomizile. Sonne, Palmen, Strand – die atemberaubende Kulisse einer exotischen Landschaft versetzen uns in Erstaunen und Entzücken.

Ungewohnte Musik, Speisen, Gerüche und Farben nehmen wir mit offenen Sinnen wahr. Je verschiedener die Welten sind, desto anziehender können sie füreinander sein.

Gleichzeitig gilt: Die innere Verfasstheit des Anderen wird uns erst dann vertraut, wenn wir ihm geduldig und vorurteilsfrei einen Platz in unserem normalen Alltag einräumen.

egensätze ziehen sich an, stoßen sich aber auch ab. Sie sind bereichernd, wenn wir unsere verschiedenen Ansichten vorurteilsfrei austauschen und Differenzen als ermutigend empfinden, um einander näher zu kommen.

Sich mit-teilen ist dabei oft nicht einfach. Teilen aber ist generell eine unerlässliche Voraussetzung für ein gelingendes Leben.

Wir sind auf Gedeih und Verderb eine einzige Menschheitsfamilie. Überleben werden wir nur, wenn wir allen Lebewesen ihren Lebensraum zugestehen. Die Notwendigkeit einer ökologischen Klimapolitik, die Forderungen nach Verteilungsgerechtigkeit bei den Gütern der Erde wie bei Bildungszugängen und nach der gewaltfreien Zusammenarbeit aller Völker sprechen eine deutliche Sprache.

Dem gleichen Anliegen sind die so verschiedenen großen Religionen verpflichtet – Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam und Judentum. Mit staunenswertem Einfallsreichtum entwickeln sie Rituale für individuelle und kollektive Ereignisse.

Geburt und Tod, Hochzeiten und Katastrophen werden theologisch durchdacht und spirituell gestaltet.

Solche Strategien mit Blick auf Konfliktlösungen halten als Traditionen den Stürmen der Zeit oft sehr lange stand. Mit vorsichtiger Offenheit antworten sie auf tiefgreifende geistige Veränderungen.

Religionen sind geeignet, die gemeinsame Entwicklung der einen Menschheitsfamilie wesentlich mitzugestalten, Kreativität zu entwickeln und die Angst vor dem Tod einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Was Menschen am Leben erhält, ist auf der einen Seite Brot als Symbol für die materiellen Lebensgrundlagen, auf der anderen Seite – mit der gleichen Notwendigkeit – Solidarität und Spiritualität.

Wir sind als Menschen geformt aus Erde und göttlichem Atem, so erzählt es die biblische Schöpfungsgeschichte. Die Coronapandemie hat uns die Unverzichtbarkeit wirksamer Impfstoffe buchstäblich am eigenen Leib erfahren lassen. Doch auch die gleiche lebenserhaltende Unersetzlichkeit einer spirituellen Geisteshaltung steht vielen Gemeinschaften klar vor Augen.

Klimakatastrophen, Pandemien und Weltreligionen sind allumfassende Phänomene, die zeigen, was wirklich wichtig ist für ein gutes Leben aller. Die einen rufen nach einem tiefgreifenden, konsequenten Umbau bei Energiegewinnung und -bevorratung, die anderen nach Impfstoffen und Medikamenten, die vor Ansteckung und Erkrankung bewahren und die dritten schließlich nach jenem göttlichen Geist, der lebendig macht.

Sonne, Strand und fremde Welten weiten den Horizont als besondere Erfahrungen. Lebenserhaltendes Brot und lebenspendender Geist sind grundlegende Ankerpunkte. Um Brot und um Geist, um das Alltägliche und um das Wunderbare bitten Christinnen und Christen tagtäglich. Sie bitten für sich und für alle.

So ist Bitten würdig und recht.


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Dieser Beitrag wurde am 15.01.2022 gesendet.


Über die Autorin Sr. Aurelia Spendel OP

Sr. Aurelia Spendel OP, Dr. theol., wurde 1951 geboren. Sie ist Dominikanerin und lebt in Augsburg.

Kontakt: 
aurelia.spendel@t-online.de  

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