Morgenandacht, 14.01.2022

von Schwester Aurelia Spendel, Augsburg

Wo ist Zuhause?

Einige Zeit lang war es chic, auf den Klappentexten von Bucheinbänden mindestens zwei Wohnorte anzugeben. Das las sich dann so: Die Autorin wohnt in Hamburg und Berlin; der Autor lebt in Oslo und im Sauerland.

Leben in zwei Welten, multilokal, Pendeln zwischen kerniger Heimatverbundenheit auf der einen und globalen Denk- und Erfahrungshorizonten auf der anderen Seite. Nicht immer hat der Inhalt des Buches gehalten, was die Ortsangaben seines Klappentextes zu signalisieren schienen.

„Alles geht nicht“,

sagte meine Großmutter, wenn wir als Kinder zu viel wollten. Sie hatte Recht. „Alles, ganz, immer und sofort“ ist als Lebensmaxime untauglich und beschert auf die Dauer Bauchweh, Liebesleid und Unzufriedenheit mit sich und der Welt.

Das rechte Maß zu finden ist eine hohe Kunst. Weise Menschen haben einen Ausweg gefunden, der im Lebensrepertoire meiner Großmutter ebenfalls seinen Platz hatte, nämlich:

„Von allem etwas und das mit Maß und Ziel.“

Jahre nach dem Tod meiner Großmutter haben wir herausgefunden, wie sie zu dieser Einstellung gekommen war. Mit viel Fingerspitzengefühl erforschte sie in den Liebensbriefen an unseren Großvater noch als seine Verlobte, wes Geistes Kind er war und legte ihm zugleich die Quellen ihres eigenen Selbstverständnisses offen.

Mit großer Klarheit beschrieb sie dabei ausführlich ihr Leben als Christin im Kontext des rheinischen Katholizismus als dem für sie wichtigsten Horizont und als ihr existentielles Fundament.

Theologisch gesprochen: Meine Großmutter hatte das Wort des Apostels Paulus verinnerlicht:

„Alles gehört euch; ihr aber gehört Christus und Christus gehört Gott.“

(1 Kor 3,22f)

Auf sehr unterschiedlichen Ebenen hat sie dieses Wort zu ihrer geistlichen Heimat werden lassen.

So wie der Weg auf den höchsten Gipfel im Tal beginnt, so ist auch der Weg zu geistlicher Erkenntnis wie ein Aufstieg auf den Gipfel. Die Frucht aller Mühen zeigt sich in weitsichtigen Weisheiten, die, umgesetzt in die bescheidene Münze des Alltags, nur auf den ersten Blick als banal erscheinen.

Sie sind Fundus für lebenspraktische und lebbare Antworten auf entscheidende Fragen wie: Wo gehöre ich hin? Auf was vertraue ich? Und wie gehe ich um mit dem, was mir fremd ist?

Das 1935 entstandene Kirchenlied

„Wir sind nur Gast auf Erden“

gehörte zu den Lieblingsliedern meiner Großmutter. Sie sang es mit Inbrunst. Gedacht als Kampfansage an die nationalsozialistische Ideologie einer ewigen, unzerstörbaren Volksgemeinschaft, besteht das Lied darauf, dass das wahre Zuhause des Menschen nicht im Vergänglichen, sondern nur im Unvergänglichen zu finden ist.

Hier darf der Mensch wohnen, darf neue Wege wagen und angstfrei mit beiden Füßen auf dem Boden der Tatsachen stehen. Im Kontext des Ewigen bekommt er den Kopf frei, wird heil und ganz.

So kann er darauf vertrauen, dass es gut werden wird mit allen Menschen, wie übel ihr Leben momentan auch aussehen mag. Hier gewinnt der Mensch Maßstäbe; lernt, was wertvoll ist und was nicht und wie man verantwortungsbewusst lebt zwischen Geborenwerden und Sterben.

Zwei Wohnorte auf dem Klappentext des je persönlichen Lebensbuches – meine Großmutter hätte dazu gesagt:

„Ja, warum nicht? Solange du weißt, wo du wirklich zuhause bist.“

Zum „alles, ganz, immer und sofort“ hätte sie sicher auch ihre eigene Meinung gehabt:

„Nur bei Gott hast du von allem alles, bist Kind im Haus. Auf Erden – nein – da benimmt man sich wie ein höflicher Gast.“

Welch explosive Quintessenz eines Lebens aus dem Glauben!


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Dieser Beitrag wurde am 14.01.2022 gesendet.


Über die Autorin Sr. Aurelia Spendel OP

Sr. Aurelia Spendel OP, Dr. theol., wurde 1951 geboren. Sie ist Dominikanerin und lebt in Augsburg.

Kontakt: 
aurelia.spendel@t-online.de  

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