Morgenandacht, 13.01.2022

von Schwester Aurelia Spendel, Augsburg

Gottesfrage

Eine kluge Frage ist mehr wert als jede noch so richtige Antwort. Lehrerinnen und Lehrer, denen es ein Anliegen ist, ihren Schüler*innen diese Weisheit nahe zu bringen, zählen zu den Juwelen ihrer Zunft.

Von ihnen gibt es heute vielleicht mehr als zu den Zeiten, in denen quasimilitärischer Drill die gängige Weise schulischer Wissensvermittlung und Erziehung war. Wenn eine Antwort kommt „wie aus der Pistole geschossen“, bleiben sich Frage und Antwort nichts schuldig.

Für eine menschliche Begegnung zwischen Fragendem und Antwortender besteht keine Notwendigkeit mehr. Es fehlt die Luft zum Atmen in jenem Raum, in dem zwei oder mehrere kreativ und phantasievoll miteinander die Welt entdecken, ihr individuelles und gemeinsames Wissen weiterentwickeln und Chancen erforschen, um diese Welt besser zu machen.

Die entsetzlichste Frage unserer eigenen Geschichte zeigt, wie sehr sich Beziehungen pervertieren durch Fragen, die eine Antwort im Keim ersticken:

„Wollt ihr den totalen Krieg?“

Blinder, fanatischer Gehorsam war das Ende jeglicher Individualität und der Startschuss für die Auslöschung von Millionen von Menschen.

Wenn wir von einem Menschen sagen:

„Der oder die weiß auf alles eine Antwort“,

ist das in der Regel kein Kompliment. Ein Besserwisser, eine Streberin ist erstaunlich und bedrohlich zugleich. Meine eigenen Fragen können sich in der Beziehung zu diesem Menschen nicht mehr entfalten.

Seine prompten Antworten nehmen mir die Möglichkeit, meine persönlichen Ängste und Orientierungsnöte zu formulieren.

Wie geht Gott um mit Fragen und Antworten? Ich bin überzeugt, dass ich von seiner Art zu fragen viel lerne für mein eigenes Leben. Schon seine erste Anrede an den Menschen in der Bibel ist eine Frage:

„Adam, wo bist du?“

Adam versteckt sich, weil er Gott nicht mehr in die Augen schauen kann. Er fürchtet, vor ihm das Gesicht verloren zu haben. Denn er hatte sich einverleibt, was er nicht anrühren und sich nicht zu eigen machen durfte – die Frucht vom Baum aus der Mitte des Paradieses.

Gottes Frage will Adam herausholen aus der Anonymität, der Unsichtbarkeit, und ihm neu zu Ansehen verhelfen. Gottes Fragen stellt Beziehungen her, will Klarheit schaffen und scheut sich auch nicht, behutsam auf den Riss in der Beziehung zu zeigen. Gott und Adam stehen sich in der Frage gegenüber, von Angesicht zu Angesicht, existentiell.

Diese Art des Fragens findet sich ähnlich in der Begegnung Jesu mit Menschen, wie z.B. in seinen Begegnungen mit Petrus. Ihr Verhältnis ist schwierig: Einerseits ist Petrus derjenige, den Jesus zum Anführer der Apostelgruppe erwählt, andererseits ist er - neben Judas - der einzige seiner Freunde, der sich von ihm distanziert, sobald es während des Prozesses Jesu vor dem Hohen Rat auch für seine Anhänger brenzlig zu werden droht.

Als es um die Zukunft der Jünger*innengemeinschaft geht, will Jesus von Petrus wissen:

„Liebst du mich?“

Kann ich dir vertrauen? Wirst du in meinem Sinn mit den Menschen weitergehen, die ich gerufen habe? Die Antwort des Petrus ist ein lautstarkes ‚Ja‘, dessen Einlösung ein Leben lang andauern wird. Die Nachfolge Jesu erreicht bei Petrus ihre volle Tragfähigkeit erst in dessen eigenem Martyrium.

Jesus selber ist vom Beginn seiner Religionsmündigkeit an bis zu seinem Tod ein Fragender. Seine letzte Frage stellte er am Kreuz:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Mit Fragen beten ist vielleicht die offenste Weise des Betens. Gott und Mensch fragen einander, wer sie füreinander sind, was sie einander bedeuten und ob es einen gemeinsamen Weg gibt; ob die Beziehung zwischen ihnen tragfähig ist in Glück und Seligkeit wie in Qual und Tod. Mehr als diese Gottesfrage geht nicht:

Wo bist du?


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Dieser Beitrag wurde am 13.01.2022 gesendet.


Über die Autorin Sr. Aurelia Spendel OP

Sr. Aurelia Spendel OP, Dr. theol., wurde 1951 geboren. Sie ist Dominikanerin und lebt in Augsburg.

Kontakt: 
aurelia.spendel@t-online.de  

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