Morgenandacht, 12.01.2022

von Schwester Aurelia Spendel, Augsburg

Gut gemacht

Die Erfahrungen, die Menschen mit ihrem Leben und der Welt machen, reichen vom Jammertal bis zum Himmel auf Erden.

So saust die Achterbahn der Gefühle, wenn die persönliche Entwicklung in der Pubertät besonders turbulent ist, vom „himmelhoch jauchzend“ bis zum „zu Tode betrübt“. Das ist normal in dieser Lebensphase und geht vorüber.

Doch wie ist es nun wirklich, das Ganze des Lebens und unserer Welt, die wir so oft als unruhig und unübersichtlich erleben? Und was ist bei dem alles „nur“ persönliches Erleben und was ist allgemeine Grundbefindlichkeit?

Das Christentum zeichnet sich aus durch einen radikalen Weltbezug: Nach seinem Verständnis hat Gott die Welt geschaffen. Ihr Schicksal lag und liegt ihm am Herzen. Deshalb wohnt er unter den Menschen.

Er bleibt für immer, will und wird alles Geschaffene durch seine Geistesgegenwart zum Guten verlocken und verändern. So weit der biblische Horizont, so gut die theologische Aussage. Doch taugen sie für den Alltag, für die nervige Pubertät und für großes dauerhaftes Leid?

Ich bewundere die präzise Konsequenz, mit der die Welt in der biblischen Schöpfungsgeschichte erschaffen wird. Kein Tag zu viel, kein Tag zu wenig. Alles bekommt seinen Ort und seine Zeit.

Zum guten Schluss beschenkt Gott den Menschen als sein Ebenbild mit seinem eigenen Atem. Diesem Geschöpf vertraut Gott schlussendlich sein Werk an. Menschen sollen in Weisheit, mit Kreativität und Respekt alles Lebendige bewahren, entwickeln und feiern. Er traut ihnen zu, für seine Welt und für ihr Leben Verantwortung zu übernehmen.

Unser Tun soll deshalb eine schlüssige Antwort auf das Vertrauen sein, das Gott in uns setzt. Wenn wir uns der Lebenslust Gottes verweigern, haben unsere menschlichen Antworten furchtbare Folgen. Verdreht ins Negative reagieren wir gleichgültig, machtgierig, sogar hasserfüllt.

Alles, was an Bösem gedacht werden kann, wird dann irgendwann auch getan. Folter, Krieg, Vernichtung sind eine ständige Versuchung – vom ersten Augenblick an, als irgendwo auf dieser Erde vor 300 000 Jahren ein Mensch die Augen aufschlug, bis heute.

Andererseits überzeugt mich persönlich auch das allzu Heroische nicht. Ein schier unerreichbares Vorbild schreckt mich eher ab, als dass es mich motivierte, es ihm gleich zu tun. Jemand hat es wenig taktvoll „das Mutter-Teresa-Syndrom“ genannt.

Aber das Kleine, das Unbedeutende, die fast unsichtbare Nebensächlichkeit, sie wecken meine Aufmerksamkeit und Wissbegier. Denn für mich ist das Banale des Alltags eine zwar nur winzige, aber aussagekräftige Facette des großen Ganzen. Sie macht mir das Große zugänglich.

Denn hier erfahre ich: Das Gute fängt im Kleinen an. Den abgerissenen Knopf am Mantel sauber annähen, Updates für PC und Smartphone zeitnah downloaden, die Bürotür leise schließen und die Spülmaschine nicht meinen Mitbewohnerinnen überlassen im Vertrauen darauf, dass schon jemand die Arbeit tun wird. Verantwortung übernehmen, die Welt gestalten wurzeln im Kleinen.

Wir sind in den Bezug zur Welt hineingeboren. Wir müssen Rechenschaft darüber ablegen, wes Geistes Kind und wessen Handlanger wir sind. Und: Zu welcher Ordnung lasse ich mich rufen? Zu der der Barmherzigkeit oder zu der des Egoismus? Zu der der Aufrichtigkeit oder zu der der Hinterhältigkeit, zu der der Freude oder der des ewigen Nörgelns?

Dieser Tag heute ist nicht beliebig in einer überwältigenden Reihe der Tage, Jahre und Jahrtausende. Er ist einmalig, unwiederholbar. Entdecken wir, was wir heute und nur heute richtig gut machen können. Ihnen und mir wünsche ich in diesem Sinn: Einen guten, lebendigen Tag.


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Dieser Beitrag wurde am 12.01.2022 gesendet.


Über die Autorin Sr. Aurelia Spendel OP

Sr. Aurelia Spendel OP, Dr. theol., wurde 1951 geboren. Sie ist Dominikanerin und lebt in Augsburg.

Kontakt: 
aurelia.spendel@t-online.de  

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